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Der Israelit · 1868-07-22 · Heft 30 (22.7.1868) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
9 (1868)
Issue
Heft 30 (22.7.1868)
Date
1868-07-22
Page
– (sequence 2)
Language
German
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562 eigener Mitte ihm den schönen Boden verwüsteten, in den es durch die allmächtige Gotteshand gnadenreich verpflanzt worden, auf dem es die herrlichsten Blüthen und Früchte hervortreiben sollte — brauchen wir nur einen Augenblick an die an den neunten Ab sich unmittelbar knüpfenden Ereignisse zu denken, und jene Worte Zephanja's drängen sich uns fast unwillkürlich auf die Lippen. Verjagt von der traulichen Stätte der Heimath, losgerissen von Allem, was mit den tiefsten und heiligsten Empstndungen ihres Herzens verknüpft gewesen, an den Siegeswagen des sich allmächtig dünkenden heidnischen Tyrannen als niedrige Sklaven gefesselt und in die weite Ferne fortgezogen, dem Spott und Hohn des gemeinen Haufens verächtlich preisgegeben, zur Belustigung dieses, wilden Thieren als Kampfesgenossen und würdige Beute ihrer Rachen gegenübergestellt: mußte, der verweichlichten Anschauung unseres Zeitalters nach, unter solchen Umständen nicht in sehr kurzem Zeiträume schon die Liebe und Anhänglichkeit zu einem Glauben schwinden, der von seinen Bekennern solch' ungeheuere Opfer an Gut und Blut, an Allem, was zu den unantastbarsten Heiligthümern des Sterblichen gehört, fordert? Mußte da nicht binncm Kurzen schon das Ziel der barbarischen und grausamen Feinde erreicht werden, das wir mit den inhaltschweren Worten des frommen Psalmiften am besten zu bezeichnen vermögen: -o:» ’UD dttdj* ob no« mp Ditf „Sie sprachen: Kommet, lasset sie uns vertilgen, daß sie kein Volk mehr seien, und daß Israels Name nicht mehr gedacht werde!" (Ps. 83, 5.)? Mußte nicht die Brandfackel, die von Feindeshand in das bereits so vielfach geplünderte und geschändete Heiligthum geworfen worden, zugleich eine verzehrende und vernichtende für alle Diejenigen werden, die bis dahin in diesem Heiligthume ihren Gott gesucht und gefunden, in Glück und Wohlstand, in Noth und Bedrängniß, in Lust und Freude, in Sckmerz und Weh', in Jubel und Frohsinn, in Trauer und Niedergeschlagenheit, im Wachsen und Zunehmen, im Abnehmen und Zufammenschmelzen, mit den sie nach der einen oder der anderen Seite hin überwältigenden Empfindungen dahin eilten, um daselbst ihre Herzen und Seelen in jubelnden Lobes- und Dankeshymnen oder in seufzerreichen Gebeten um Einsicht und Verstand, um Hilfe und Rettung, um Beistand und Unterstützung, um Trost und Aufrichtung, um Muth und Vertrauen vor dem Herzens- und Seelenkundigen auszuschütten? Aber — äior» rnjnn Nün a'? p'dp ’sa, wie hätte alles dies der Fall sein können, da Gott in Seiner unendlichen Gnade (iDn *6 '3 'n non) bei Seinm Auserwählten und Erkornen stets ihr Bestes, und nur dieses im Auge hat! Und so konnte auch der traurigste Tag in der Geschichte Israels von Gott nur zum Wohl und Heil dieses gelenkt werden, nachdem er einmal durch das Leben und die Handlungen unserer Väter herbeigeführt worden war. — Und welcher Mann, der vor geschichtlichen Thatsachen nicht absichtlich sein Auge verschließen will, wäre im Stande, die Wahrheit des eben Behaupteten in Zweifel zu ziehen? Oder könnte es Jemand etwa bestreiten, daß mit der Zerstreuung unserer Väter unter alle Nationen der Erde, die, nach den Worten der Schrift: ddoni D’U3 mra (3. B. M. 26, 33.), als eine Strafe des Himmels angesehen werden mußte, nicht auch gleichzeitig die erhabenen Wahrheiten unserer Religion, die reinste und ungetrübteste Gottesidee, mit ihnen unter ihre grausamen Feinde und Bedrücker gezogen waren, und diesen in Folge dessen, wider ihren Willen gleichsam, die dichten Binden heidnischer Gottesanbetung allmählich von den Augen fielen, um die einen unendlichen Strahlenglanz ausströmende Erkenntniß von Einem Gott und Vater erfassen und ihr tiefstes Innere davon erfüllen lassen zu können? Und ist dieser Gewinn nicht ein so unendlich großer und beglückender, daß all' die Mühsale und Leiden, die wir um seiner Erlangung wegen erdulden mußten, klein und unbedeutend dagegen erscheinen? Sind wir nicht dadurch der Lösung unserer Ausgabe bedeutend näher gerückt, die nach den herrlichen Worten Jesaias' darin besteht: „daß man erkenne von: Aufgang der Sonne bis zu ihrem Niedergange, daß Nichts außer Gott, daß Dieser allein der Ewige ist. und kein Anderer mehr: der das Licht bildet und Frnfterniß schafft, Freude bereitet und Unglück verhängt, Er allein, der Ewige, thue alles dies!" (Jes. 45, 6—7.) Wenn dem aber so ist, so drängt sich uns eine andere Frage auf die Lippen: thun wir dann noch Recht daran, bei der jedesmaligen Wiederkehr des neunten Ab zu trauern und zu fasten? Thun wir namentlich in der vielgepriesenen, aufgeklärten, vorurtheilsfreien, Toleranz, Freiheit und Gleichheit athmenden Gegenwart, die so Vielen in ihrer Unwissenheit und ihrem Blödsinn als eine messianische Zeit (!) erscheinen will, Recht daran, an diesem Gedenktage vierundzwanzig Stunden lang unseren Leib zu kasteien, unsere Seele in Trauer zu hüllen, unseren Augen Thränen, unserem Munde Klagelieder entströmen zu lassen? Was bietet uns Weisen der Jetztzeit einen haltbaren oder gar unerschütterlichen Grund für diese Trauer? Halten wir, lieber Leser, die letzteren Fragen namentlich fest, da es uns! für heute hier nur um die rechte Beantwortung dieser zu thun ist, und diese Antwort läßt sich in wenige Worte zusammenfassen. Die schwere Trauer an dem Tage der zweimaligen Zerstörung Jerusalems besteht in der Gegenwart für Jeden, der an dem jüdifch-reli-I giösen Leben seiner Glaubensbrüder tieferen Antheil! nimmt, der nicht über alles religiöse Herkommen tul hochmüthigem Dünkel sich leicht hinwegsetzt, sondern! die ihm zu Grunde liegende tiefe Wahrheit durch all' die dichten Gewebe, die diese so oft einzuhüllen pfle

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