Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 9 (1868)
- Issue
- Heft 29 (15.7.1868)
- Date
- 1868-07-15
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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556 nehmen. Siehe da, lieber Leser, das Vorbild eines „Hirten" aus unserer Zeit! — Wir hören, daß der Verein jetzt den Namen geändert und in „Israel. Brüderverein" umgewandelt hat, weil der bisherige Name Nollvoborv hatob bereits zu vulgär geworden ist. Sollte dieser dkm mjp etwa andeuten, daß man den Verein zu einem neuen Leben erwecken will? Da müßte aber zuvörderst ein ganz neuer Geist einkehren, nämlich der ewig neue Geist der alten Thora, wie wir ihn von unseren Vätern ererbt haben und wie wir ihn auf unsere Kinder übertragen sollen. Königsberg, 24. Juni. Trotz des schönen Wetters, dessen wir uns allgemein zu erfreuen haben, will die den Nothstand begleitende abscheuliche Typhuskrankheit noch immer nicht aus unserer unglücklichen Provinz weichen. Erst in diesen Tagen wieder ist ein junger christl. Arzt der Epidemie erlegen, welcher auch viele unserer armen Glaubensbrüder in der hingebendsten Pflichttreue vom Tode rettete. Die Saaten stehen gottlob besser als im vorigen Jahre, wenn sie auch sehr nach Regen dürsten, ohne den sie nur halb gerathen werden. Eine abermalige Mißernte würde uns Alle warn) völlig zu Grunde richten. — In dem benachbarten Westrußland herrschen die unseligen Folgen der Hungersnoth wie diese selbst in erschreckender Weise fort und unsere Reichen von Nah und Fern können nicht dringend genug ermahnt werden, die segensreich dafür wirkenden preußischen Special-Comite's in Memel, Tilsit, Schirwindt, Lyck und Johannisburg kräftig zu unterstützen. Man muß die in großen Schaaren zu uns herüberkommenden blassen, kränklichen und abgezehrten Gestalten mit eigenen Augen gesehen haben, um sich von der ungeheuren Noth in Rußland und Polen auch nur einen annähernd richtigen Begriff machen zu können. Schön spricht sich besonders hierüber der verdienstvolle Prediger I. Rülf aus Memel in diesem Blatte aus, der die ihm aufgebürdete Arbeit kaum bewältigen kann. Der Schippenbeiler Unterstützungs-Verein beschränkt seine nicht minder edle Thätigkeit auf unsere Provinz. Die ungerechtfertigsten Angriffe mit Stillschweigen übergehend, können wir nur wünschen, daß die reichen Israeliten Englands, Frankreichs und Italiens etwas mehr als bis jetzt für ihre östlich wohnenden hungernden Glaubensgenossen thun möchten. Soweit uns bekannt ist, flössen die milden Gaben bisher meistentheils nur aus Deutschland und von jenseits des Oceans, während doch ein brüderlich Band alle Glieder der Synagoge umschlingen sollte — anan ^a. — In diesem Augenblicke beschäftigt hier die öffentliche Aufmerksamkeit eine kleine lesenswerthe Schrift vom Cantor und Religionslehrer S. Jaffö aus Goldap in Ostpreußen, welche der Literat br> M. Freystadt kritisch revidirt und mit einem Vorworte begleitet hat. Sie führt den bedeutsamen Titel: „Pilatus und sein Opfer" oder hatte die Hinrichtung des Stifters der christlichen Religion einen jüdisch religiösen oder einen römisch-politischen Ursprung? (44 S. 8.) Nicht mit gelehrtem Apparate, nicht mit theologischer Spitzfindigkeit, noch weniger mit vorgefaßter Meinung ist der Verfaffer an die Darstellung seines noch heute strittigen, weltgeschichtlichen Thema's gegangen. Einfach mit dem als historisch geltenden, allgemein bekannten Buche in der Hand wendet er sich bei der Erörterung der vorliegenden Frage an den schlichten, gesunden Menschenverstand. Nach seiner dadurch gewonnenen Ueberzeugung hatte jene Hinrichtung lediglich einen politischen Character und der römische Landpfleger Pontius Pilatus allein war die Triebfeder der Catastrophe. Die tactvolle Schreibart der Broschüre bewahrte sie — bei unseren Preßzuständen sogar! — vor einer Confiscation. — Möge sie die verdiente allgemeine Verbreitung finden! — In diesen Tagen begruben wir einen jüdischen Veteranen aus den Freiheitskriegen , den 72jährigen Particulier I. Kuno. Heute noch leben in der Königsberger Gemeinde vier derartige ehrwürdige Männer, von denen einer den höchsten Orden besitzt — ojtd» -pN» '“n. M. Almoni. Belgard, 1. Juli Der in weiten Kreisen bekannte Herr M. Gottschalk Levy hat seit Ostern d. I. sein Domicil in Berlin aufgeschlagen. Unsere Gemeinde hat hierdurch sowohl in materieller als auch dadurch, daß er in religiöser Beziehung ein gutes Vorbild seiner Gemeinde war, einen großen Verlust erlitten. Viele Jahre hindurch verwaltete er das Amt des ersten Vorstehers zum Heil und Frommen unserer Gemeinde und hat sich dadurch ein bleibendes Denkmal im Herzen eines jeden Gemeindemitgliedes errichtet. Das Amt des ersten Vorstehers ist nun in die Hände deö Herrn Israel Jacoby übergegangen, und zu meiner Freude kann ich berichten, daß auch diesem die religiösen und materiellen Interessen unserer Gemeinde am Herzen liegen, und daß er stets bemüht ist, zur Ehre Gottes und Seiner Lehre zu wirken. Die Zahl unserer Gemeinde-Mitglieder vermehrt sich von Jahr zu Jahr; aber eine Zunahme in der Gotteserkenntniß und Ausübung der Gebote ist leider nicht zu merken. Schon sieht man hie und da junge Leute, die sich sonst aus Furcht vor ihren nahen frommen Verwandten oder aus Pietät gegen ihre Eltern scheneten, am Sabbat Cigarren rauchen, um dadurch gleichsam ihre Selbstständigkeit auszudrücken. Der Mangel an Gottesvertrauen hat den einen und den andern auch schon veranlaßt, sein Geschäft am Sabbat zu öffnen. Der bei allen Bürgern der Stadt in Achtung stehende jüdische Arzt vr. Kierski ist zum Kreisphystkus ernannt; ferner sind beim hiesigen Kreisgerichte die