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Der Israelit · 1868-07-15 · Heft 29 (15.7.1868) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
9 (1868)
Issue
Heft 29 (15.7.1868)
Date
1868-07-15
Page
– (sequence 10)
Language
German
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554 rum von Seiten der Gemeinden für Talmud -Thera nichts geschicht. Hatte je einmal ein edler Mann eine gute Absicht, so konnte er dieselbe nicht realiflren, da man ihn isolirt ließ mit der Bemerkung, wer etwas Gutestiften will, möge es aus eigne Kosten thun. Darum gibt es auch keine Gemeindeschulen, kein Krankenhaus, kurz keinerlei gemeinnützige Anstalten. In den europäischen großen Judengemeinden war die Hauptsynagoge oder „die große Schul" immer der Mittelpunkt des jüdischen Gemeindelebens; welche Ehre war das nicht, daselbst einen Platz in der ersten Reihe zu haben und denselben besonders an den Festtagen einzunehmen! Auch das kennt man in der Türkei nicht und gibt es eben so viele kleine Synagogen als Gebirim. Die wenigen großen Synagogen werden nur von den ziemlich Unbegüterten oder ganz Armen besucht. So groß nun auch die Achtung oder vielmehr dir Furcht ist, welche der Unbemittelte vor dem Reichen hegt, und so natürlich dessen Eigenliebe, so habe ich dennoch gefunden, daß diese sich stets als Brüder ihrer von der Vorsehung wenig begünstigten Religionsgenossen ansehen und sich durchaus nicht ferne von ihnen halten, wie dies in Europa der Fall ist. Im Allgemeinen ist der reiche Israelit, individuell genommen, recht mildthätig, und was besonders an ihm lobenswerth ist, er ist Allen zugänglich und verbirgt sich nicht hinter einigen tausend Piastern, welche man in Europa einem Wohlthätigkeitscomitö überschickt, das durch Veröffentlichung dieses Actes die Bedürftigen zu gleicher Zeit warnt vor dem Eintritte in das oder jenes Haus. Unter den Gebirim lassen sich zwei Classen erkennen. Die Einen sind reich von Geburt aus und deren Familie sich schon lange Zeit im Besitze von großen Gütern befindet. Diese haben nichts zu thun, um sich den Titel eines Gebir zu erwerben oder zu erhalten. Jene aber, die von ihren Eltern nichts ererbt haben, sondern durch eignes Glück zum Reichthum gelangt sind, jene üben gar viel Wohlthätigkeit. Erstens weil sie, die Kinder der Armuth, mit dem Unglücklichen zu fühlen wissen; sodann erhält man doch nur dann den Namen eines Gebir, wenn man seinen Reichthum zur Schau trägt. Um unter die Reichen gezählt zu sein, bedarf es gewisser Freigebigkeiten, welche die Augen der Welt blenden. Diese Abtheilung der Neo-Begüterten spendet reichlich Almosen. Nach den Reichen kommen die Chachamim oder Talmide-Chachamim, ziemlich zahlreich in den großen Gemeinden. Ihr Loos ist nicht das beneidenöwertheste, kaum daß ihr Einkommen für die nöthigsten Bedürfnisse hinreicht. Ein jeder ordentliche Chacham erhält von der Gemeindecasse eine kleine Unterstützung, dagegen aber ein Fixum von einem Gebir. Selten findet sich ein Reicher, welcher nicht einen oder zwei Chachamim besolvst, wenn such spärlich. OVwöhl ohne diröckkn Einfluß Süf die GeMeindsangelögenheitett, so haben doch die Chachamim ein gewichtiges Wort in rein religiösen Dingen. Wenn seine äußere Stellung wenig Anlaß zur 8 Zufriedenheit bietet, so bewährt das Bewußtsein ihm 8 Genugthuung, ein Chacham zu sein, und was noch 8 mehr ist, einer ChachamiMfamilie anzugehören. Gleich 8 dem Reichthume verpflanzt sich auch die Thora in ge- I wissen Familien fort. 8 Die leitenden Chachamim gebieten natürlich über ß die andern, nur hie und da bewahrt ein besonders Gelehrter seine Selbstständigkeit. Nun dürfen Sie ja nicht glauben, ein jeder Chacham sei 60 ipso ein großer Talmudist; es gibt viele, welche ganz wenig Bescheid im Talmud wissen. Wir haben nun den dritten Factor in der türkischen jüdischen Gesellschaft, die nicht reiche und nicht gelehrte Classe, kennen zu lernen. Für heute jedoch will ich mit dem Resunw schließen, daß das jüdische Gemeindewesen in der Türkei darum im Argen liegt, weil diese letztere Classe sowie die der Chachamim gar kein Votum hat. Die Gebirim allein und mit ihnen, oft freiwillig, oft gezwungen, der Chacham-Baschi schalten und walten nach Gutdünken. Von der Regierungssphäre aus ist auf keinen Impuls zu rechnen, da die türkischen Beamten immer den Mehrbegüterten zur Seite stehen. Hilfe muß hier wie überall von dem Allmächtigen kommen! iLoüLlsousoüur. i ZeitungSttachviehren unv Gorvespondenzen. Deutschland. Darmfitadt, 4. Juli. (Sitzung der ersten Kammer.) Ueber die Beschwerde-Vorstellung der orthodoxen israel. Religionsgesellschaft, insbesondere auf die ihrem Rabbiner verweigerte Trauung fremder Juden, wird von Prälat Zimmermann Bericht erstattet. Derselbe führt aus, daß die alten Juden eine eigentliche Trauung gar nicht gekannt hätten, daß es genügt hätte, wenn das Brautpaar vor einem*) Zeugen erklärt habe, sich einander angehören zu wollen. Da dieser Zeuge aber keineswegs ein Rabbiner hätte sein müssen, so sähe er nicht ein, warum es auch heute 8 nicht einem Brautpaar frei stehen solle, sich an den 8 Rabbinen zu wendm, zu welchem es das meiste Ver- 8 trauen habe. Die Kammer sieht die Beschwerde als 8 begründet an und empfiehlt sie der Regierung zur Be- 8 rücksichtigung. (Fr. I.) 8 *) Anm.der Red.: Muß dahin berichtigt werden, daß zwei 8 Zeugen bei jeder Trauung nöthig sind. A

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