Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 9 (1868)
- Issue
- Heft 29 (15.7.1868)
- Date
- 1868-07-15
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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IX. Jahrgang. Beilage zu Nr. 29 des Israelit. Leitender Artikel. Der Orient. (Fortsetzung.) Bis jetzt sahen wir in der Hand des Chacham Baschi und oft des Rab die Zügel des Gemeindewesens. Wo sind die Parnasim oder Gemeindevorsteher, wo die sieben Vornehmen der Stadt? In der Türkei unterscheidet man in der jüdischen Gesellschaft drei Abstufungen, deren obersten Rang die Klasse der (Gebirim) einnimmt. Unter ihnen stehen die Chachamim, welche wiederum eine vornehmere Klasse bilden als die gewöhnlichen Leute. Da ich diesen Artikel nur schreibe, um Ihre geschätzten Leser von den wahren Verhältnissen der türkischen Judenheit zu unterrichten, nicht aber um etlra als Gelehrter zu gelten, so erlaube ich mir öftere Abschweifungen, ohne den Varwurf eines unlogischen Verfahrens zu befürchten; ich schalte daher hier die Bemerkung ein, daß ich bei meinen Forschungen nach Abklmft und Alter der jüdischen Familien einiger Städte Syriens gefunden habe, daß die vornehmen und reichen Israeliten meistens eingewandert sind, während die im Dunklen lebenden Armen schon vermöge ihrer Namen als wahre Abkömmlinge jener Israeliten zu betrachten seien, welche nach Zerstreuung Israels stets in den Syrischen Ländern sich aufgehalten haben. Leider ist in allen großen Gemeinden nicht die geringste Spur selbst einer mündlichen Tradition zu entdecken; auch schaut man den neugierigen Europäer mit großen Augen an, wenn er sich nach den vergangenen Zeiten erkundigt. Diese Leute können unser Interesse für das längst Verflossene nicht begreifen; für sie resumirt sich Alles in einer sorglosen Gegenwart. Die Gebirim sind die Reichen, welche einen gewissen Train (?) in ihren Häusern führen. Sie sind tonangebend, ohne gerade einen rechtmäßigen Anspruch auf Autorität durch ihre Leistungen oder ihre Verdienste um die Gemeinde sich erworben zu haben. Aus zwei Gründen respectiren sie wenig das Ansehen des Chacham- Baschi. Einmal, weil der größte Theil reicher Israeliten unter Consularoberhoheit steht; sodann, weil sie durch ihren klingenden Einfluß die Stellung des Ch.- B. bedrohen können. Ihre Theilnahme an der Verwaltung der Gemeindeverhältniffe ist eine äußerst indifferente; sietragen wohl zur Krankenpflege und zur Almosenvertheilung bei, ermangeln aber jeder energischen Willenskraft zur Errichtung einer Gemeinwohlthätigkeitsanstalt. Nun gibt es Städte, in denen ein jeder Reiche die jüdischen Angelegenheiten nach seiner Anschauung geleitet wissen will, ohne darum irgend ein Geldopfer zu bringen, um seine Absichten zu verwirklichen. Besonders ist dies der Fall bei den spanischen Judengemeinden, in denen die Gebirim oft sich um den Vorrang streiten und ein Jeder auf Kosten des Kolel sich Ruhm erwerben möchte. Tolle Scenen ereignen sich da besonders in den Mittelfesttagen der beiden Moadim, an denen hier zu Lande Rechnung abgefordert, selten aber abgegeben wird. Bei den Arabern lebt der reiche Israelit ganz unbekümmert um die Gemeindeführung. Jeder Gebir gibt jährlich eine bestimmte Summe, die er theils nach seinem Gutdünken vertheilt und auf Rechnung des Kolel bringt, theils sie den Armenpflegern einhändigt, welche sie an Arme und Chachamim vertheilen. Spricht man ihnen aber von der Bildung eines Comite's, welches sich um die laufenden Bedürfnisse der jüdischen Kehilah bekümmern soll, dann ziehen sich Alle zurück, keiner möchte dem andern den Vorrang lassen und so geschieh! gar nichts, aber auch gar nichts. Ereignet sich einmal eine außerordentliche Gelegenheit, so sind die Gebirim nur mit Mühe zu einer Versammlung zu bringen; der kommt nicht, weil er nicht zuerst gerufen wurde, jener, weil sein Haus nicht zum Versammlungsorte gewählt wurde. Handelt es sich gar darum, einen Brief zu schreiben, wer will da — aus Bescheidenheit! — zuerst unterzeichnen und wer zuletzt? So bei den Arabern und Spaniolen mit dem Unterschiede, daß die reichen Spaniolen sich um den Vorrang streiten, oft aber Nutzen von ihren Ehrenämtern ziehen, während die reichen Araber eher aus gegenseitiger Eifersucht und aus zu großer Selbstüberschätzung eigentlich gar nichts thun, um wenigstens die nothwendigsten Gemeindeanstalten zu überwachen. Die Leute bezahlen und spenden Almosen, allein die schlechte Verwaltung und die grenzenlose Unordnung in den Rechnungen macht es unmöglich, für das Gemeinwohl etwas zu erzielen. Die Abgaben sind, wie ich schon berichtet habe, doppelter Art: ein Theil zur Deckung der Steuern, welche die Gemeinde an die Regierung zu entrichten hat; der andere, welcher zur Besoldung der Gemeindebediensteten und zur Unterhaltung der Krankengfiege nothwendig ist. Mit einem gesunden Haushalte und einem energischen Vorstande wäre viel Gutes zu schaffen, allein in diesem Lande, wo von Oben aus Alles nur Gleichgiltigkeit athmet, ist nichts zu erwarten. Jetzt werden Ihre Leser verstehen, wa-