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Der Israelit · 1868-07-15 · Heft 29 (15.7.1868) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
9 (1868)
Issue
Heft 29 (15.7.1868)
Date
1868-07-15
Page
– (sequence 2)
Language
German
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546 welches sind die Symptome? Geiger habe eine Abhandlung über „unseren Gottesdienst" geschrieben, zu gleicher Zeit kämen ihm auch von verschiedenen Seiten Zuschriften zu, welche ihn ersuchten, die CultuSfrage wieder zur Sprache zu bringen. Dieses sind die Symptome. Wahrlich, man muß diesen eclatanten Scharfblick bewundern!!! Bald darauf erklärt der Red., er wisse nicht viel Neues über diesen Gegenstand zu sagen; es gelte vielmehr, „immer neue Anregung zu geben und die Entwickelung wieder in Fluß zu bringen". Staune, lieber Leser, über diese Gegenseitigkeit und Wechselwirkung; der Red. wird durch Symptome bestimmt, dieCultusfrage zur Sprache zu bringen, und er seinerseits hat wieder die Aufgabe, erst neue Anregung zu geben. Doch höre weiter: „Dieses ist das Verdienstlichste in der erwähnten Abhandlung," sagt der Red., „Gemeinden und Individuen auf das drängende Bedürfniß aufmerksam zu machen, den öffentlichen Gottesdienst mit etwas schnelleren Schritten (gleich den amerikanischen Courierzügen) als es bisher geschehen, den Forderungen unserer Zeit, namentlich den Bedürfnissen der Jugend, wie sie jetzt einmal erzogen wird, genügend zu gestalten". Wir haben hier zwar schon den vollständigen Zweck der ganzen Abhandlung, doch da der Vs. selbst später hierauf noch zurückzukommen gebenft, wollen auch wir uns unserer Bemerkung einstweilen hierzu enthalten, wollen aber Notiz nehmen, daß es hauptsächlich sich darum handelt, Gemeinden und Individuen auf das Bedürfniß erst aufmerksam zu machen, daß es also nicht von diesen ausgeht, daß es also in der Gemeinde selbst nicht Bedürfniß ist. Wir erfahren hierauf, weßhalb über diese Frage nicht viel Neues hervorgebracht werden könne. Es sei nämlich genügend erwiesen worden, daß unser öffentlicher Gottesdienst im Ganzen nichts Fundamentales, auf die heilige Schrift Gegründetes ist." Hiermit stellt sich der Verfasser also auf dm Standpunkt der Karaiten, bei denen der Buchstabe der Schrift allein Bedeutung hat, die die Tradition aber nicht anerkennen wollen und mögen. Selbverständlich steht also der Verf. hiermit auf einem Standpunkt, der unserseits weiter keine Beachtung verdient, und somit uns auch jeder Entgegnung enthebt. Für uns gibt es keine göttliche Lehre ohne Tradition, kein Judenthum ohne rabbinische Satzungen. Für uns also ist es genügend erwiesen, daß das Gebet, wie es uns von unseren Vorfahren überliefert ist, unverändert beibehalten werden muß, bis einst der Posaunen-Ruf von Zion ertönt und wir vereint in dem heiligen Opfer-Tempel den Hohen-Priester in seinem göttlichen Schmucke erblicken werden. Bis dahin ist das Alte für uns unveränderlich. Doch kehren wir zum Verfasser zurück. Verfasser sagt, „daß der Gebet-Cultus erst neben dem 2. Tempel seinen Ursprung nahm." Woher der Verfaffer dieses hat, ist uns nicht klar. Wohl gelten dien"3*JN als Ordner der ältesten Gebete. Hiermit kann keineswegs behauptet werden, daß das Beten nicht so alt, wie das Judenthum selbst ist. Fehlen uns auch genügende Belege, wann die bestimmten Gebetsformen entstanden sind, so ist es doch höchst wahrscheinlich, ja fast evident, daß nicht blos der Einzelne gebetet, sondern daß zu allen Zeiten ein öffentlicher Gottesdienst stattgefunden habe. Um nicht weitläufig zu werden, wollen wir nur einige Belege hierfür anführen und zwar nur für den öffentlichen Gottesdienst. Bald nach dem Decalog heißt es: DipD 722 “jtü-üi I'irx »d» m "pdtn -wn. Dieses ^>33 DipD kann doch keineswegs auf die Opferstätte im Heiligthum Bezug haben, *) nothwendigerweise ist es also schon ein Hinweis auf den Gottesdienst außerhalb des Heiligthums, wie auch das na» nx schon auf das mündliche Wort hindeutet. Den Priestern ward der Befehl m m o-on ro, dieses ist ja ebenfalls nicht bloS auf das Heiligthum zu beziehen,**) ist vielmehr die Pflicht in jeder zum gottesdienstlichen Behufe vereinigten Versammlung den Segen zu sprechen. Jesaias ruft seinem Zeitalter zu dd’sd töansoi yow ujn n^sn 73m »3 m ddd wy D'by». Ist hier nicht von einer Vereinigung zum Gottesdienste die Rede? Daß hier nicht vom Beten im Heiligthume die Rede fein kann, beweist schon der Plural von Dien •"isin. Unzweifelhaft ist's daher, daß wenn auch keine direkte Vorschrift zum öffentlichen Gottesdienst in der heiligen Schrift enthalten ist, nichtsdestoweniger zu jeder Zeit solcher stattgefunden. Nicht nahm der Gottesdienst neben dem 2. Tempel, wie PH. meint, seinen Ursprung, er ist vielmehr mosaischen Ursprungs. Allein Herr Ph. ist der Ansicht, daß der Gebet-Cultus viele Jahrhunderte nach seinem Ursprünge nur in wenigen typischen Stücken bestand, viele Ansätze noch" lange hin, selbst um die Maimonides-Zeit noch flüssig und ftaglich waren. Wer den npinn t nur flüchtig durchgenommen hat, wird finden, daß die min nebst allen nom dort schon vollständig geordnet sind. Die Ansätze, welche damals noch nicht flüssig waren, hatten aber schon principiell Geltung erhalten. — Verfasser glaubt, „daß aus dieser späteren Entwickelung des Gebet-Cultus, wie auch dadurch, daß unser Gottesdienst in verschiedenen Riten auseinanderging, sei hinlänglich erhärtet, daß eine Umgestaltung des öffentlichen Gottesdienstes dem Geiste und der Geschichte des Judenthumö durchaus nicht widerspricht. Der Eifer unserer Heroen früherer Zeit für den Aufbau des öffentlichen Gottesoienstcs müßte unsere Nacheiferung erwecken, und wir werden ihnen mehr Ehre anthun, *) Siehe opi* zu dieser Stelle m*o. **) Siehe r"!> h?bid.

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