Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 9 (1868)
- Issue
- Heft 27 (1.7.1868)
- Date
- 1868-07-01
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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520 ■ schnödes Gold und der es verräth, wo und wie er nur kann! Nein, Polen geht seinem Ende entgegen, und ich kann es nicht bessern. Mein Vater ist todt, mein Bruder hat mit seinem Herzblute das Schlachtfeld getränkt, und ich — ich jage Wölfe." Bei den letzten Worten des Jägers war Jakob stehen geblieben. „Herr," rief er zitternd, „Ihr seid der Starost selber, Ihr seid Sobieski!" Sobieski lächelte. „Fürchte Dich nicht," sagte er freundlich, „Dir geschieht kein Leid. Du hast ja wie ein wackerer Mann gesprochen. Doch wie heißest Du? und woher bist Du?" „„Ich heiße Jakob und bin aus Zolkiem?"" „Aus Zolkiew? Kennst Du vielleicht den alten Bezalel, lebt er noch?" „„Er lebt noch, er ist mein Vater!"" „Wie, Du bist Jakob, der einzige Sohn des alten Bezalel und der guten Sarah?" „„Eben der, Herr!"" „O, komm an mein Herz, mein Bruder, mein Freund, Gespiele meiner Kindheit!" Und stürmisch umarmte der Starost den Juden. „ „ Herr," " sprach Jakob zitternd, „ „warum nennt Ihr mich Euren Freund, Euren Bruder? Sah ich Euch doch heute zum ersten Male!"" „Wirklich? Und hast Du den kleinen Jan vergessen, den Schmelke, der Schammeß, im Schnee gefunden, dem Deine Eltern so edelmüthig Gastfreundschaft gewährten, Deinen Spielkameraden Jan, der das Hebräische so leicht erlernte?" „„Und dieser kleine Jan?"" „Jftunterdeß groß geworden und heißt Johann Sobieski." „„Herr Gott, wie danke ich Dir! Du hast mir einen Befreier, einen Erretter gesandt! Gnädiger Herr, Ihr habt mir heute das Leben gerettet — aber, Ihr müßt noch mehr thun als das, Ihr müßt mein Weib, mein armes, unglückliches Weib befreien!"" Und Jakob erzählte unter vielen Thränen all das Schlimme, was ihm und den Seinen begegnet war. Sobieski sprach Jakob Muth ein und hieß ihn in seinem Schlosse Javorow verweilen. Jakob that alles Mögliche, um den Starosten für seine Pläne zu gewinnen. Mit den lebhaftesten Farben schilderte er die Gräuel, welche die Kosacken an Juden und Edelleuten begangen hatten. Sobieski, welcher noch nicht lange aus der Fremde zurückgekehrt war, kannte die Einzelheiten dieser schrecklichen Vorgänge nicht so, wie Jakob sie erfahren hatte. „Herr," sprach Jakob, „ich könnte Wochen lang erzählen und würde nicht fertig werden. Hunderte von ganzen jüdischen Gemeinden, die nicht Zeit zu entfliehen fanden, sind von den Kosacken, da die Jsraeliten sich weigerten, den christlichen Glauben anzunehmen, unter den entsetzlichsten Qualen zu Tode gemartert worden. Man schnitt den Unglücklichen Hände und Füße ab und überließ sie dann einem langsamen, aber sicherem Tode; Viele begrub man lebendig; Kinder schlachtete man auf dem Schooße ihrer Mütter; Andere spießte man und briet sie am Feuer; Frauen mißhandelten sie in Gegenwart ihrer gefesselten oder zu.Tode verwundeten Männer. Die heiligen Thorarollen zerrissen sie in Stücke und machten Säcke und Schuhe daraus. — Und wie die Kosacken und Tartaren mit den Juden verfahren sind, also verfuhren sie mit den Polen; sie zerstörten und entweihten die Kirchen, sie erschlugen die Priester. Habt Ihr gehört, Herr, was mit dem Herzoge Tschetwertinski zu Tulczvn geschehm ist?" „„Von seinem gewaltsamen Tode habe ich vernommen; doch Näheres weiß ich nicht."" „In seiner Gegenwart mißhandelten sie seine Frau und seine beiden Töchter auf die schauderhafteste Weise; dann schleppten sie ihn an die Thüre und sägten ihm an der Thürschwelle das Haupt ab." Sobieski schauderte. Jakob bemerkte es und fing an, noch eindringlicher zu sprechen: „Herr," sagte er, „es sind das nur wenige Beispiele von tausenden. Wir haben diese Leiden verdient um unserer Sünden willen; aber endlich wird Gott aufhören, zu zürnen; Er wird die schändlichen Räuber bestrafen. Vielleicht hat Er Euch ausersehen zum Werkzeuge Seiner Rache, zum Erretter unseres Vaterlandes. O, machet Euch auf, ziehet mit den Eurigen gen Zborow. Die Gebete von Myriaden in Angst und Schrecken lebenden Menschen werden Euch geleiten und Euch schützend zur Seite stehen! Das unbedeckte Blut jener Tausende und aber Tausende unschuldiger Opfer schreit zum Himmel um Rache empor und wird verderben die schändlichen Mörder!" Sobieski umarmte nochmals den Freund und versprach ihm seinen Beistand. Es war durch die eindringliche Rede Jakobs ein anderer Geist über den Starosten gekommen. Zu Hause angelangt, sammelte er sofort seine Mannen von seinen zahlreichen Gütern und ließ sie sich zum Kriegszuge rüsten. Jeder Mißmuth war von ihm gewichen; zur heiligen Begeisterung für daS Vaterland gesellte sich noch das Verlangen, dem wiedergefundenen Gespielen seiner Kindheit zur Rettung seines Weibes behilflich zu sein. (Fortsetzung folgt.) , Hierzu eine Beilage. Verantwortliche Redaction: Dr. Lehmann. — Verlag der Le Roux'schen Hofbuchhandlung. — Dampf - Schnellpreffendruck von I. Gottsleben in Mainz.