Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 9 (1868)
- Issue
- Heft 26 (24.6.1868)
- Date
- 1868-06-24
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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500 In demselben Augenblicke ergriffen die Kosacken die sprachlose, vor Schreck erstarrte Rebecka; der Offiziere stieß Jakob mit dem Fuße zur Seite und verließ mit seinen Untergebenen das Haus. Eine Stunde später wollte Bezalel den Rest der Kriegssteuer dem Hettmann bringen, um seine Schwiegertochter auszulösen. Mer ein Bote war von den Tartaren gekommen, um die Vereinigung derselben mit den Kosacken zu beschleunigen. Chamil hatte schon mit den Seinen die Stadt verlassen, die Schwiegertochter Bezalels mit sich führend. Verzweiflung im Herzen folgte Jakob den Spuren seiner Frau. Armer Jakob, würde dein Weib sich in den Krallen eines wilden Tigers befinden, du hättest mehr Aussicht, es zu befreien, denn da der wüthende Chamil an der Spitze seines siegreichen Heeres sie als seine sichere Beute betrachtet! Was willst du allein ausrichten gegen die Horden, die zweimal das ganze polnische Heer besiegt und die bewährtesten Feldherren in die Flucht geschlagen haben? Aber Gott ist oft mächtig in den Schwachen und hilft gar manchmal da in wunderbarster Weise, wo den Menschen keinerlei Aussicht auf Erfolg möglich scheint. Armer Jakob, wohin willst du dich wenden, wer soll dir Helsen? Jakob überlegte, daß er am Besten daran thun möchte, wenn er das polnische Heer aussuchen und sich dort Freunde erwerben würde, die ihm bei der Befreiung seines Weibes hilfreich sein könnten. Er hatte vernommen, daß sich die polnischen Krieger unter dem Oberbefehle Czarniecki's in den Ebenen von Zborow sammelten, um zum dritten Male dem Feinde die Spitze zu bieten. Sein Weg führte ihn durch einen dichten Wald; jammernd und klagend zog er dahin, Gott den Allmächtigen, um Hilfe anrufend. Da hörte er plötzlich lautes Krachen im Gebüsch; ein großer starker Wolf bricht hervor und stürzt zähnefletschend aus Jakob zu. Dieser hält in seiner Herzensangst seinen Stock dem wilden Thiere entgegen; da kracht ein Schuß, und in demselben Augenblicke fällt das Thier, tödtlich getroffen, zu Jakobs Füßen nieder. Sprachlos steht der so wunderbar aus Todesnoth Befreite da, den Wolf anstarrend, der, sein Leben verröchelnd, sich in seinem Blute wälzt; dann wirft sich der Gerettete zu Boden, um im heißen Gebete seinem Schöpfer zu danken. Da er sich wieder erhebt, sieht cr einen Jäger nahen; er eilt ihm entgegen und ruft: Seid Ihr es, Herr, der den Wolf getödtet? wie kann ich Euch danken! Ihr habt mir das Leben gerettet!" „Laß es gut sein, Hebräer!" entgegnet der Jäger, den Juden abwehrend, der den Zipfel seines Rockes küssen will. „Gelt, das war ein vorzüglicher Schuß?" „Herr", antwortete Jakob, „es war ein Meisterschuß, und gerade zur rechten Zeit. Euch hat Gott gesandt, mir das Leben zu retten. O, möge Euch Gott begeistern, so auch die Wölfe hinzustrecken, die jetzt unser Vaterland verheeren, den wüthenden Wolf, den Chamil zu vernichten, der Elend und Verderben für ganz Polen bringt." „Schweig, Jude," herrschte da der Jäger den von ihm Geretteten an; „schweig, ich mag davon nichts hören. Das Vaterland ist verloren. Zweimal sind die Unfern besiegt — wir alle werden Knechte der Kosacken werden!" „Wehe!" rief Jakob da, „jetzt sehe ich, daß Polen verloren ist, wenn seinen wackern Helden, seinen trefflichen Schützen der Muth entfällt! O Herr, verzeiht Eurem Knechte die kühne Frage. Warum jagt Ihr hier im Walde, während Euch ganz anderes Wild sich darbietet, während die Feinde das Land verwüsten, während Polens wackere Söhne sich in den Ebenen von Zborow zu tapferer Gegenwehr sammeln?" „Du bist ein kecker Bursche, mein junger Hebräer; für wen hältst du mich?" „„Run, für einen der Jäger des Starosten von Javorow, dem dieser Wald gehört."" „Und weißt Du, wie der gegenwärtige Staroft von Javorow heißt?" „„Gewiß, es ist der tapfere, edle Johann Sobieski." " „Kennst Du auch die Schicksale des Ebengenannten?" „„Ich habe gehört, daß sein Vater gestorben, sein Bruder an den Ufern des Bog gefallen, daß endlich seine Mutter trauernd und zürnend das Land verlassen."" „Du hast die Wahrheit gehört. Nun, kannst Du es dem Starosten verdenken, wenn er jetzt, nachdem das polnische Heer zweimal besiegt, nachdem alle seine Lieben für ihn todt, daß er sich da zurückzieht in die Einsamkeit seiner Wälder und die Jagd vorzieht einem Kriege, bei dem keine Lorbeeren zu erwerben sind?" „„Verzeiht, Herr, wenn ich Eure Ansicht nicht theile; die Unthätigkeit unserer Edelleute ist das Schlimmste, was Polen treffen kann."" „Komm mit mir auf das Schloß; da kannst Du dem Starosten selbst Deine Meinung sagen." (Fortsetzung folgt.) Hierzu zwei Beilagen. Verantwortliche Redaction: Dr. Lehmann. — Verlag der Le Roux'schen Hofbuchhandlung. — Dampf - SchneUprefi endruck von I. Gott-leben in Mainz.