Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 9 (1868)
- Issue
- Heft 26 (24.6.1868)
- Date
- 1868-06-24
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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495 dehnt sich der Zweifel, welcher von den zu feiernden Tagen der richtige ist, auf alle anderen Festtage aus und in unserer Besorgniß, den rechten Tag zu treffen, feiern wir zwei Tage. Dagegen könnte eingewandt werden: dieses Verfahren war ganz zweckmäßig zu einer Zeit, wo die astronomische Wissenschaft noch in ihrer Kindheit stand, aber heutzutage fallen alle diese Zweifel bei dem fortgeschrittenen Stand der Wissenschaft. Hierauf ist zu erwidern: Würde der Tempel wiederhergestellt und der Sanhedrin wieder eingesetzt, so müßte zur Festsetzung der Festtage ganz derselbe Weg, wie bei den Alten, eingeschlagen werden. Das Erscheinen deö Neumondes müßte durch persönliches Anschauen wahrgenommen werden. Die astronomische Berechnung dürfte nur in der Absicht geschehen, um die Ergebnisse der Mondanschauung zu prüfen. Könnte also der Neumond am 30. Ellul gar nicht oder so spät wahrgenommen werden, daß die Verkündigung durch den Sanhedrin nicht mehr zeitig genug geschehen könnte, so müßten allüberall zwei Neujahrstage gefeiert werden. II. Der zweite Festtag wurde aber auch eingeführt als ein nationales Band für Israel. Zu wiederholten Malen finden sich bei der Vorschrift über die Festesfeier die Worte: ^02 Dtny npn ■D^noBMD. Alle Israeliten, wo sie auch nur wohnen mögen, sollen diese Feste zur selben Zeit feiern. Hinsichtlich des PeßachsesteS ist besonders bemerkt, daß die Feier am Abend, zur Zeit deö Auszugs aus Egypten, stattstnden soll. Wie wäre nun dieses bei den Israeliten, die auf so verschiedenen Längegraden der Erde wohnen, anözuführen? Wer nach Australien reist, oder von dorten kommt, gewinnt oder verliert einen Tag je nach der Himmelsgegend, der er zugewandt ist Nach der geographischen Lage eines Ortes kann dieser Unterschied 24 Stunden betragen. Feiern wir das Fest 48 Stunden, so können alle Israeliten auf der weiten, weiten Erde der gesetzlichen Vorschrift gemäß das Fest zu gleicher Zeit feiern. In der alten Zeit, als die ganze Nation an den D»^n uüv in Jerusalem versammelt war, da reichten 24 Stunden für die Festesfeier hin. Heutzutage ist die Feier der Feste gar verschieden von der alten Weise. Damals hatte jede Mannsperson dreimal im Jahre vor Gott zu erscheinen und die schuldigen Opfergaben zu bringen. So stehen die Festtage, wo von denselben im Worte Gottes die Rede ist, in inniger Beziehung zum heiligen Land. Ihre Feier ist in Kraft geblieben, wenn andere an das heilige Land gebundenen Vorschriften nicht mehr zur Vollführuug kommen. Der Grund davon ist, nicht nur die Erinnerung an die nationalen Wohl- und Wunderthaten in uns wach zu halten, sondern auch die Verheißungen zn vergegenwärtigen, die uns eine einstige Wiederherstellung aller unserer religiösen Institutionen in Aussicht stellen, und uns die Pflicht vor Augen führen, daß bei der Wiederherstellung des Tempels wir wieder unsere dreimaligen Wallfahrten nach Jerusalem zu machen haben. Zu diesen Gedanken und zu diesen Lehren führt uns die Beobachtung des zweiten Feiertags. ES könnte jedoch die Einwendung vorgebracht werden: Wozu solche Festtage feiern, deren Feier hauptsächlich in der Darbringung von Opfergaben bestand, nachdem diese Opsergaben nicht mehr zur Ausführung kommen? Warum sollen alle jüd. Gemeinden in der ganzen Welt die Festtage zu gleicher Zeit feiern? Können sie denn nicht die Ergebnisse ihrer Berechnungen in voller Unabhängigkeit von Jerusalem sestsetzen? Dem steht nachfolgender Grund entgegen. Das Peßachfest soll 2'2-r.i enns im Aehrenmonat gefeiert werden. In unserem Erdtheil fällt dieser Monat in den März oder April. Auf der südlichen Halbkugel ist der September der Frühlingsmonat. Würde nun nicht die größte Verwirrung entstehen, wenn jede Gemeinde bezüglich des Peßachfesteö ihre eigene unabhängige Rechnung hatte. In die gleiche Schwierigkeit würden wir bezüglich des Wochenfestes, welches zur Zeit der Waizenreife, und bezüglich des Laubhüttenfesies, welches zur Zeit der Wein- und Obstreife gefeiert werden soll, verfallen. Würden wir demnach von dem Systeme, das uns unsere Weisen in ihrer tiefen Weisheit niedergelegt haben, abgehen, so geriethen wir in unauflösbare Verwirrungen. Die Feier des zweiten Festtages, der drei Wallfahrtsfeste, ist eine nothwendige wegen ihrer Beziehung zu den Jahreszeiten und folglich wegen der uns gebliebenen Verpflichtung, an denselben nach Jerusalem zu wallfahrten. Hinsichtlich der Feier des zweiten Neujahrstages ist zu sagen, daß dieselbe aus verschiedenen Gründen bestehen muß, und daß ja in manchen Jahren, sogar in Jerusalem, zwei Tage gefeiert wurden. Diese Gründe finden jedoch keine Anwendung bei dem Versöhnungsfeste, von dem es heißt: ny myo DDrctr ira»n my „Vom Abend bis zum Abend sollt ihr euren Sabbat feiern," also ist dessen Feier auf 24 Stunden beschränkt. Darum kann auch hinsichtlich des wöchentlichen Sabbats nicht die Frage erhoben werden, warum wir denselben nicht zwei Tage feiern. Zur Feier desselben bedurfte es keiner Verkündigung von Seiten des Sanhedrin. Unveränderlich am 7. Wochentage wiederkehrend, erinnert er an die 6tägige Weltschöpsung Gottes und an die eingesetzte Ruhe des 7. Tages.*) *) Es gab indessen in der alten Zeit fromme Männer, welche ein zweitägiges Fasten beobachteten. Siehe Challa T. 1. ’vt> 12