Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 9 (1868)
- Issue
- Heft 25 (17.6.1868)
- Date
- 1868-06-17
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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476 H festes halber; aber der Rabbi unterbricht sein Studium nie; sich gönnt er keine Ferien, und vor ihm liegt aufgeschlagen ein Band des Talmuds. Aufmerksam hört der Rabbi die Erzählung BezalelS an. Als dieser geendet hat, sagt er bedächtig: ,Thuet, was recht ist, mein Freund, und überlasset die Folgen der weisen Lenkung deS Allheiligen. Gewährt dem Knaben Gastfreundschaft, wie sie Gott Juden wie Nichtjuden gegenüber gebietet; und will Euch das Kind von seiner Herkunft Nichts erzählen, so behelligt es deßhalb nicht. Merkwürdig, gerade lese ich im Talmud Jeruschalmi, wie sich schon in frühester Zugend daS FreundschastSverhältniß zwischen Rabbenu Hakadosch und Kaiser AntoninuS anknüpfte. Wer weiß, vielleicht beherbergt Ihr den künftigen König dieses Landes!" Zwar lächelte Bezalel zu diesen Worten deS Rabbi, aber er that doch, wie drr Rabbi ihm geheißen. Der kleine Jan blieb im Hause deS Juden, und Ji^n und Zakob, BezalelS Sohn, wurden bald die besten Freunde und Spielkameraden. Allein die Freundschaft sollte nicht lange währen. Eines schönen Tages war Jan verschwunden, in derselben geheimnißvvllen Weise, wie er gekommen war. Während der kleine Jan sich im Hause Rabbi Bezalels in der Zudengasie zu Zolkiew aushielt, herrschte auf dem Schlosse des Wojwoden Jakob Sobieski die g'ößte Betrübniß. Dieser war einer der angesehensten, vornehmsten und reichsten polnischen Edellülte; er hatte eines der einflußreichsten Aemter der polnischen Republik inne; er war Kastellan von Krakau; mehrmals hatte er thätig in das Geschick seines Vaterlandes eingegriffen. Der Friede mit der Türkei, in welchem König Sigesmund III. auf die Donaufürst enthümer zu Gunsten der christlichen HoSpodare verzichtete, war sein Werk. Seine Gattin Bogumila war die Tochter des Großkanzlers und Kronmarschalls von Polen, Stanislaus Zolkiewski, welcher die Russen im Jahre 1610 geschlagen, Moskau erobert und den Czaar Wasilej SchueSkoi gefangen genommen und seinem Könige überliefert hatte. Zwei Söhne hatte Bogumila ihrem Gatten geboren. Der ältere, Markus, war sanfter Gcmüthsart; heftig aber und trotzig war der Charakter des jüngeren, Jan, der übrigens daS beste Herz von der Welt hatte. Nur, wo er glaubte, daß ihm Unrecht geschehen, da bäumte sich sein feuriger Geist auf gegen die väterliche Zucht. Am Tage vor dem Beginne unserer Geschichte hatte Jan das wildeste Roß aus seines Vaters Stall hinausgeritten in die beschneite Ebene, ohne die väterliche Erlaubniß eingeholt zu haben. Als die Mutter von dem Wagestück erfuhr, verzweifelte sie schier, und der Vater schwur, den Sohn bei seiner Wiederkehr empfindlich zu züchtigen. Als Jan ganz wohlgemuth in den Schloßhof wieder einritt, da empfing ihn der Zorn deS Vaters und für den andern Tag wurde ihm eine harte Strafe in Aussicht gestellt. Der Gedanke daran war dem stolzen Knaben unerträglich; noch denselben Abend verließ er heimlich das väterliche Schloß und wanderte nach Zolkiew, wo ihn der Schammeß Schmelke ganz erstarrt an der Thüre Rabbi Bezalels fand. Jan fühlte sich ganz heimisch im Hause des wohlhabenden Juden; mit Eifer fing er an, Hebräisch zu lernen und würde es bei seinen glänzenden Anlagen gewiß weit darin gebracht haben, wenn ihn nicht bei einem Ausgange in die Straßen der Stadt einer der Diener seines Vaters gefunden und halb in Güte, halb mit Gewalt dcn Seinigen wieder zugeführt hätte. Gr> ß war die Freude der Eltern; deö Vaters Zorn war erloschen: die Mutter aber umarmte ihren Sohn und rief: „Du wirst der Rächer meines Vaters und meines Bruders werden!" Beide waren nämlick am 19. September 1620 in der unglücklichen Schlacht bei Cicora von den Türken erschlagen worden. Jahre waren vergangen. Jan und sein Bruder waren herangcwachsen und hatten sich auf Reisen begeben. Da rief sie in Constantinopel die Nachricht von den ausgebrochenen Kosackenkr'egcn in die Heimath zurück. CHmielnicki oder Chamil, jener furchtbare Kosackenhettmann, verwüstete Polen, beraubte und tödtete die Juden und die Edelleute. Groß war der Schrecken des Landes, als der Oberseldherr Potocki mitfammt dem polnischen Heere bei Pi lawiecz aus'S Haupt geschlagen wurde. Die beiden jungen Sobieski fanden bei ihrer Rückkehr den Vater nicht mehr am Leben; aber die heldenmüthige Mutter befahl ihnen, sich sofort den Streitern für das Vaterland anzuschließen. Sie kamen gerade zur rechten Zeit, um noch an der Schlacht an den Ufern des Bog Theil zu nebmen. Wiederum war das Schlachtenglück den Polen ungünstig; die wilden Kosacken siegten. Markus Sobieski fiel und starb so den Heldentod für das Vaterland. Die furchtbarste Verzweiflung, der entsetzlichste Mißwuth ergriff ganz Polen, daS von nun an hilflos den grausamen Kosacken preisgegeben war. Sobieski'S Mutrer, voll Trauer über den Tod ihres LieblingSsohnes Markus und voll Zorn gegen den aus der Schlacht entkommenen Jan, verließ ihr Vaterland und ging nach Italien. Sobieski se'bst zog sich in dumpfem Trübsinn nach seiner Starostei Javorow zurück. (Forts, f.) Hierzu zwei Beilage«. Verantwortliche Rchaction: vr. Lehmann. — Verlag der Le Rou rächen Hoftuchhandlung. — Dampf - Schnellprefseudruck vom I. SottSleben in Mainz.