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Der Israelit · 1868-06-10 · Heft 24 (10.6.1868) · page 8

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Journal
Der Israelit
Volume
9 (1868)
Issue
Heft 24 (10.6.1868)
Date
1868-06-10
Page
– (sequence 8)
Language
German
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456 „Der Pascha ließ den Vorsteher Rabbi Sinai zu sich kommen und befahl ihm, den Uebelthäter zur Steve zu schaffen. „Wohl vermuthete man, wer den muthwilligen Streich verübt hatte; aber, sollte man das Kind eines reichen, angesehenen Mannes einer Strafe aussetzen, die jedenfalls zu dem Vergehen in keinem Verhältnisse stand? Vielleicht war gar das Leben des Knaben bedroht! „Da kam Rabbi Sinai auf den unglücklichen Einfall, den blödsinnigen Abraham Daus als den Thäter zu bezeichnen; denn die Türken nennen die Geisteskranken „Besessene," achten sie gleich höheren Wesen und fürchten sich, ihnen Uebles zu thun. „Rabbi Sinai dachte, man würde sich nicht an dem Blödsinnigen vergreifen. „Es sollte aber anders kommen; die Soldaten waren zu erbost; kaum hatte man ihnen den Blödsinnigen als ihren Beleidiger bezeichnet, so suchten sie ihn auf und trieben ihn unter furchtbaren Schlägen und Mißhandlungen durch mehrere Straßen bis nach dem Gefängnisse. Hier warfen sie ihn in ein finsteres Loch, in welchem der Arme 44 Tage eingekerkert blieb. „Unterdeß gaben sich die Vorsteher der Gemeinde alle erdenkliche Mühe, den Bedauernswerthen zu befreien, was ihnen endlich auch gelang; aber eö wurde ihnen befohlen, ihn streng zu bewachen, damit er nicht wieder Steine werfe in die Schüsseln türkischer Soldaten. „Als man den Unglücklichen aus dem Gefängniffe geführt hatte, brachte man ihn in ein der Gemeinde gehöriges Häuschen, in welchem sich das alte, nicht mehr benutzte Frauenbad befindet. Man bestellte einen kräftigen, jungen Israeliten als seinen Wächter. „Das Häuschen, das den Beiden zum Aufenthalte angewiesen worden, war sonst unbewohnt. „Abraham, der ehedem stets still und friedlich gelebt und nie ein Kind beleidigt hatte, bekam seit seiner Mißhandlung häufig Anfälle von Tobsucht. „Eines Abends, gegen neun Uhr, als Abraham fest eingeschlafen war, entfernte sich sein Wächter, schloß das Häuschen ab und nahm den Schlüssel mit sich. „Kaum hatte er sich entfernt, da erwachte der Kranke. Er rief nach seinem Wärter und erhielt keine Antwort. Da sprang er auf von seinem Lager, zerschlug die eisenvergitterten Fensterscheiben und rief die Nachbarn an, daß sie ihm das Häuschen öffnen unv ihn in Freiheit setzen möchten. „Die Nachbarn bemerkten bald, daß sich der Wärter entfernt hatte; sie gingen aus, ihn zu suchen und fanden ihn nicht. Sie riefen dem Unglücklichen Tron zu und suchten ihn durch milde Worte zu beruhigen. Der aber wurde immer wüthmder und drohte, sich das Leben zu nehmen. „Endlich wurde es still im Häuschen. Die Nachbarn gingen zu Bette und kümmerten sich nicht mehr um den armen Kranken. „Als der Wärter am andern Morgen zurückkehrte, war Abraham DauS eine Leiche; er hatte sich in den halbverfallenen Brunnen des ehemaligen Frauenbades gestürzt. „Damals erhoben sich viele Stimmen gegen den Vorsteher Rabbi Sinai; man sagte, er habe dm Tod jenes Unglücklichen durch seine falsche Anzeige verschuldet. „Schon war die Geschichte vergessen, da brachten sie die Ereignisse der jüngsten Vergangenheit wieder in Erinnerung. Als Rabbi Sinai eingekerkert wurde, peitschte man ihn durch dieselben Straßen, durch welche man vor Jahren den unglücklichen Abraham getrieben hatte, und heute sind es vierundvierzig Tage, daß der beklagmswerthe Vorsteher im Gefängniß schmachtet." Ihr könnt euch denken, liebe Kinder, wie sehr mich diese Erzählung ergriff. Schweigend saßen wir da, nachdenkend dem wunderbaren Walten der göttlichen Vorsehung. Da öffnete sich die Thüre des Kaffeehauses; ein Glaubensgenosse stürzte herein und brachte uns die freudige Nachricht, daß es endlich gelungen sei, dm Pascha zu bewegen, Rabbi Sinai freizulaffen und auf die gewaltsame Bekehrung des jüdischen Waisenmädchens zu verzichten. „Ich wußte es," sprach der alte Chacham, „daß er heute freigelassm würde; es ist heute der vierundvierzigste Tag seiner Gefangenschaft, und 44 Tage hat auch der Ungar im Gefängnisse gesessen. Möge nunmehr sein Vergehen gesühnt sein und Gott ihm weitere Strafe erlassen." Und so geschah eS: Rabbi Sinai starb viele Jahre später in einem frohen und glücklichen Alter, hochgeehrt von Allen, die ihn kannten. Ihr aber, liebe Kinder, erkennt aus dieser Erzählung das wunderbare Walten der göttlichen Vorsehung. Seid vorsichtig in Eurem Uriheile und beherziget es stets, daß Gott ist weise und gerecht; wir Menschen aber sind kurzsichtig und befangen, und nur selten gelingt es uns, Seine heiligm Wege zu durchforschen und Seine erhabenen Pläne zu durchschauen. Er straft auf dieser Welt die Frommen für das Unrecht, das sie begangen, um sie dereinst ungeschmälert erben zu lassen das ewige Erbtheil. Hierzu zwei Beilagen. Verantwortliche Redaction: Di. Lehmann. — Verlag dey Le R « nAschen Hofbuchhandlung. — Dampf• Schnellpreff endruck vm in Mainz. ‘ ,* u(v3r<fl i ' Uu :ii l

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