Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 9 (1868)
- Issue
- Heft 24 (10.6.1868)
- Date
- 1868-06-10
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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450 werden allmählich in derselben Wurzel fassen und darin als zerstörendes Unkraut fortwuchern; denn Gottes Segen wird fehlen, es wird kein Gotteshaus im wahren Wortsiune genannt werden können, es ist nicht Seinem Dienste geweiht, nicht zu Ehren Seines heiligen Namens erbaut worden. Und diese Bevmken werden jetzt unwillkürlich in der Brust eines jeden wahren Israeliten umsomehr rege, wenn er, besonders wie das jetzt an der Tagesordnung ist, von einem Synagogenbau in einer Gemeinde hört, die aus Orthodoxen und Reformern besteht. Wenn da die Reformer ihre gänzliche oder theilweise Vernachlässigung des GottBdienstes damit entschuldigen: „Das Gotteshaus umfaßt uns nicht Alle, und in Winkelfynagogen mag ich aus Scham vor meinen christl. Mitbürgern nicht gehen!" wenn solche Reden oder vielmehr Entschuldigungen zu den Tagesgesprächen gehören: da muß man, wenn von einem Synagogenbau die Rede ist, stark auf seiner Hut sein, ob diese Reformjuden nicht unter Gotteshaus Gottesdienst verstehen und ob sie nicht bei sich denken: Ist erst einmal der Neubau da, dann soll, dann muß Vieles anders werden, denn Vieles entspricht dem Sinne und Geschmacks der Gegenwart gar nicht mehr, es muß dann Vieles dem Neubau entsprechend gemacht werden. — Solche Reformer aber halten den Gottesdienst für das ganze Judenthu« und gibt-es für ste außer den Mauern deö Gotteshauses keines. Und das ist schlimm. Denn Haus, Leben und Gottesdienst zusammengenommen, das ist der pru» rnno3 *6 B^iE'Dn arn, „dreifach unzerreißbare Faden," woran sich das Judenthum bis auf die Gegenwart forlgesponnen hat unh sich, Dank der Vorsehung, auch daran in der Zukunft erhalten wird, was wir daran deutlich sehen können, haß selbst auf einem sogenannten nw\ wo kdin pq wohnt, oft noch mehr wahres Judenthum angetroffeu wird, als in Gemeinden, die die schönsten Gotteshäuser mit den kostbarsten Orgeln aufzuweisen haben. Ueberhaupt geht es mit den prachtvollsten Synagogen der großen Städte wie mit den dort sich befindenden hohen Kirchthürmen: man kann auf sie^ das Sprichwort anwenden: „Je höher die Thürme, desto kleiner die Tugend". Ehemals hingegen verhielt es sich mit dem Judenthum großer Städte umgekehrt; denn gerade in den großen Städten traf man Gesetzesstudium und jede jüdisch-menschliche Tugend reichlich an. Oder hatten etwa unsere Vorfahren in den finstern Zeiten des Druckes, in den Jahrhunderten der Verfolgung so elegante Gotteshäuser in so schöpe. Straßen, wie wir sie G. s. D. besitzen? -Ist b die Andacht, der Gottesdienstbesuch ein wesen, als jetzt? O nein! Jeder Ufl£e;r einigermaßen Gerechte wird usth daß das Gotteshaus, trotz |emei£. lichkeit, weit stärker besucht und dH' Inbrunst darin gebetet wurde. Aber nicht allein darin, sondern in Folge des darin empfangmen Seelenaufschwunges auch zu Hause in und mit der Familie, ja man kann, ohne zu viel zu sagen, ganz getrost behaupten: das ganze Familien- und Geschäftsleben war ein fortgesetzter Gottesdienst und die dadurch empfangene Weihe erhielt sie aufrecht im Leben, ließ sie über alle Leiden der feindseligen Mitwelt wie über einen niedern Hügel hinwegsehen, den Blick nach dem Jenseits gerichtet, das ihnen mit tausend Freuden entgegenlächelte. Sie hielten in Wahrheit, wie dies unsere Weisen so schön andeuten, diese Welt nur für den Schlüssel, der ihnen jenes Prunkgemach des Par adieses öffnete. Wie aber der Schlüssel, selbst der der h e r rli ch st e n Paläste, nur aus Elsen besteht,' so hatte das irdische Leben selbst in ihren Augen nur einen unbedeutenden Werth. Werthvoll, unschätzbar wurde es ihnen nur durch die Devise des Judenthums: rw'p-rr 'n ’JN L'Np '2 rnn und durch dieBethätigung derselben im Leben durch Gedanke, Wort und That.- Ohne Gott gab es für unsere Väter keine Frmde. Jetzt hingegen, in diesem genußsüchtigen, nur auf das Materielle gerichtete und nur'an bas durch' die Sinne Wahrnehmbare glaubende Zeitalter, ergötzt man sich mehr an den Geschöpfen als andern Schöpfey und vergöttert, was diese' hohe Auszeichnung nicht verdient ‘i&yinb. Wenn das Gotteshaus nur von Sabbat zu Sabbat besucht wird, und man alsdann die Erhebung feines Geistes zu Gott erst von dem herrlichen Gesang des Vorsängers — Vorbeter beanspruchen die Reformjuden nicht — oder von den Tönen der Orgel, oder den schönen Worten des Predigers erweckt, — wehe einem solchen Aufschwung! er wird kein hoher und erhabener sein, wenn er überhaupt ein Aufschwung genannt wer^ den darf. Denn kaum aus dem Gotteshause gekommen, weUn öS der Refotmstlde «tv einend gewöhnlichen Sabbatmorgen zu besuchen der Mühe wetth hält, so geht schon jede höhere Gemüthsstimmung durch den Eintritt in sein am Sabbat offenes Geschäft, wenn ihn überhaupt der Gedanke an dasselbe zu einem Funken von Andacht kommen Üeß, viellsjcht schon auf dem Wege nach seinem Geschäftslocal, total verloren. Und das ist auch der Grund, warum diesen Leuten der Gottesdienst zu Lange dauert: die Sorge, daß während ihrer Anwesenheit im Ootteshause irgend/ein Versehen im Geschäft gemachkwerden. körinte, jäßt sie nur Ungeduldig dem Ende des Gottesdienstes entgegensehen, sie picht während des Sabbat-Morgengottesdien- ÜOjt einigen' Reformjllden , ihren Politesse nachahmend', zu ge- 8 jft schließest. Nach erster Anman, wenn uns unterscht, und wir im ettthiere herabsteigen