Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 9 (1868)
- Issue
- Heft 23 (3.6.1868)
- Date
- 1868-06-03
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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IX. Jahrgang. Beilage zu Nr. 23 des Israelit. geitrrngSnachrichten und Correspondenzen. Deutschland. Mainz, den 29. Mai. Wir haben soeben an das Comilö in Lyk zur Unterstützung der Nothlcidenden in Rußland und Polen 500Thlr gesandt; die Summe der von uns für die Nothlcidenden in Rußland, Polen und Ostpreußen übermittelten Gelder beträgt nun- . mehr 7,211 Thaler oder 12,619 Gulden 15 kr. — Berlin. Ueber dis Judenverfolgung in Rumänien liegt keine neuere Nachricht vor, doch soll der österreichische General-Konsul in Bukarest gemeldet haben, daß die rumänische Negierung in letzter Zeit die bündigsten Zusicherungen ertbeilt habe, den Ausschreitungen gegen die Juden mit aller Energie entgegenzutreten und für die konstatirten Verletzungen volle Genugthungen leisten zu wollen. Gleichzeitig soll der preußische Gesandte am Wiener Hose, ohne Zweifel in Folge eines Schrittes, welchen der Fürst von Rumänien in Berlin gethan, der Ueberzeugung des preußischen Kabinetö Ausdruck gegeben haben, daß dcr Charakter des Fürsten selbst die Bürgschaft biete, er sei bisher über die thatsächlichen Vorgänge getäuscht worden, und werde, sobald er klar gesehen, der Erste sein, diese Vorgänge zu beklagen, und nach Kräften und obne Ansehen der Person wieder gutzumachen. Königsberg, 21. Mai. Der furchtbare ostpreußische Nothstand, an dem wir Alle mehr oder weniger zu leiden hatten und zum Theil noch leiden, verschlang so sehr jedes andere Interesse, daß mir kaum Zeit zu einem Berichte für Ihr geschätztes Blatt übrig blieb. Noth, Elend, Typhus, Hilferufe und Geldspenden waren den Winter über die stereotypen Schlagwörter in den hiesigen Zeitungsartikeln, zu denen auch ich mein Contingent liefern mußte. Erst neulich hatte ich wieder von dem plötzlichen Tode eines mir nahe verwandten practischen Arztes, des Dr. Wallenberg sov. in Pr. Stargardt, zu melden, der als ein Opfer seiner Berufstreue fiel und eine Wittwe mit vier kleinen Kindern hinterließ. n"2Sjn. Der Verstorbene stammte aus Danzig und war ein Neffe des Rabbiner Rosenstein in Berlin. Im Ganzen sind in dcr Provinz Preußen wohl an 30 Aerzte in der Blüthe ihrer Jahre der Typhus-Epidemie erlegen. Andere in meiner Familie erkrankte Personen erholen sich gottlob und gehen einer völligen Genesung entgegen. An hingebender Menschenliebe hat es bei der schrecklichen Calamität nirgends gefehlt. Daß wir hier in Königsberg eine jüdische Volksküche für unbemittelte Leute hatten,! daß unsere armen Glaubensgenossen allseitig unterstützt wurden und daß der Cynagogen-Vorstand speciell billige Nahrungsmittel an die Hilfsbedürftigen vertheilte — werden Sie wohl gelesen haben. Aber was Sie vielleicht n'cht wissen, ist die Thalsache, daß außer unserm Rabbiner Dr. I. Bamberger es besonders der eben so brave als berühmte Dr. Jacoby ist, der noch heute sich die Unterstützung nothleidender ostpreußiscker Judengemeinden sehr warm angelegen sein läßt. — Das hier seit Anfang dieses Decenniums bestehende iSr. Waisenhaus blüht, gedeiht und wirkt segensreich fort. Der rm Winter verstorbene Stadtrath S. Simon, der überhaupt einer unserer ersten Wchlthäter war, hat eS mit einem ansehnlichen Legate bedacht. Ebenso liefert die ReligionSsck.ule, welche gegenwärtig 170 Zöglinge zählt, recht gute Resultate, wie erst neulich die öffentliche Prüfung im Hebräischen, in der Religion und jüdischen Geschichte hinlänglich dargethan hat. In den beabsichtigten Synagogen - Reformen ist vorläufig Stillstand erngctretcn. Sowohl unser Obervorsteher Herr Bankdirector Gabriel als der Präses der Repräsentanten-Versammlung, Abgeordneter Dr. meä. Kosch sind keine Freunde von gottesdienstlichen Neuerungen. Die Disterenz mit dem Unter-Cantor M. Frank ist gütlich beigelegt. — Nachträglich berichte ich, daß der ausgezeichnete Gelehrte und Stylist, Herr Abr. Mapcu auö Kowno, welcher auf einer Reife zu seinem Bruder nach Paris begriffen, hier schwer erkrankte, am vergangenen Jom- Kippur bei uns gestorben ist, nachdem er hierorts sein letztes Schriflchen, „Amon-Pädagog" (jinc i'Cfc), versehen mit einem Vorworte des Literaten Dr. M. Freystadt, hatte drucken lassen. Eö enthält einen vorzüglichen practischen Lehrgang zur Erlernung der heiligen Sprache, ist Grammatik und Uebungöbuch zugleich und leitet den Schüler methodisch an, die schwierigsten Regeln sogleich zur Anwendung zu bringen. Bei dieser Gelegenheit erwähne ich einer noch nirgends angeführten!, in der Hartung'scben Buckdruckerei vor zwei Deccnnien bereits erschienenen „Hebräischen Logik" (N6tnd-IIaA)'g.z'on), zu welcher der letztgenannte hiesige Literat eine sachgemäße lateinische Einleitung geliefert hat. Was Sie und der Herausgeber des „Maggid" für unsere nothlcidenden Brüder in Rußland und Polen thun, wird selbst in Petersburg mit großem Danke anerkannt. Um so unbegreisticher ist es, daß die sonst so humane kaiserliche Regierung der Verbreitung deS genannten hebräischen Blattes in ihren Staaten seit vergangenem Neujahr Hindernisse in den Weg legt, deren Beseitigung selbst unserm preußischem Gouverne-