Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 9 (1868)
- Issue
- Heft 23 (3.6.1868)
- Date
- 1868-06-03
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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436 Aerinchen aus und rief: „Großpapa, Großmama!" wie es das von seiner Mutter gelernt hatte. Da drückten die glücklichen Großeltern zum ersten Male ihr Enkelkind an das klopfende Herz; und Adolph legte segnend seine Hände auf die braunen Locken des kleinen Mädchens und sprach: „Du schienst mir für uns eine Verlorene; gelobt sei Gott, der dich uns geschenkt hat!" Und als er so sprach, da fing Elvire laut an zu weinen. „Ach," rief sie, „wie war ich doch so verblendet, Euch, die edelsten, besten Eltern so tief zu kränken, so sehr zu betrüben!" Aber Vater und Mutier küßten ihr die Thränen von den Augen und sprachen: „Es ist ja Alles noch gut geworden!" Acht Tage blieben Adolph und seine Frau in H., um dort die häusliche Einrichtung der Tochter besorgen zu Helsen. Dann nahmen sie Abschied und versprachen, bald wieder zu kommen. Elvire lebte sehr eingezogen. Mit besonderer Sorgfalt nahm sie sich der Armen an und suchte durch unbegrenztes Wohltlun, wozu ihr der Vater die Mittel reichlich gewährte, so Manches wieder gut zu machen, was sie sich vorzuwerfen hatte. XII. Nichts ist dauernd auf Erden als der Wechsel. Auch die Periode der „rothen Reaction" ging ihrem Ende entgegen. Der italienische Krieg, in Folge dessen der Umschwung in Oesterreich, die neue Aera in Preußen, die liberalen Institutionen, die Kaiser Alexander H. in Rußland einführte, all das verfehlte seinen Einfluß auf die kleineren deutschen Höfe nicht. Dazu kam, daß der alte Fürst beim Beginne der sechziger Jahre starb. Der Thronfolger war ein Herr von entschieden liberaler Gesinnung. Wetting erbot sich sofort, ein neues Ministerium aus liberalen Elementen zu bilden. Er wurde mit Verachtung zurückgewiesen. Der neue Fürst hielt ihm mit harten Worten seine Gesinnungslosigkeit vor. Er wurde ungnädig entlassen; das brach ihm das Herz; er überlebte seine Amtsentsetzung nur wenige Wochen. Jetzt kehrte Elvira in die Vaterstadt und in das Vaterhaus zurück. Mit welchen Gefühlen sah Elvira die Vaterstadt wieder, von der sie ein ganzes Jahrzehnt entfernt gelebt hatte! . Hier war sie geboren, hier hatte sie die glücklichen Kinder- und Mädchen-Jahre verlebt, bis Wetting zu ihrem Verderben in ihr Geschick eingegriffen hatte. Wie glücklich hätte sie ohne dieses verderbliche Eingreifen werden können! Alle Vorbedingungen zum Glücke hatte ihr die gütige Vorsehung gegeben: jung, reich, schön, geistvoll, in Gottesfurcht erzogen, wäre sie die Zierde eines jeden jüdischen Hauses geworden. Und jetzt war sie eine arme Einsame, und ihre eigene Hand hatte die Bande geflockten, die später gelös werden mußen, hatte die verführerischen Blumen gebrochen, die ihr Leben vergiften sollten! „O," seufzte sie, „hätte ich nicht eigenmächtig die Schranken überschritten, die Gott mir geatzt hatte, wie hätte doch Alles so viel anders und besser kommen können!" — Während ich dieses schreibe, sind fast zwanzig Jahre seit Elvirens Verheirathung mit Wetting ver flössen. Gestern saß ich neben ihr an einer Hochzeitstafel; es war das Hochzeitsfest HelenenS, das gefeiert wurde. Der Bräutigam, ein ebenso liebenswürdiger wie gebildeter und gottessürchtiger Mann, die Braut, das Ebenbild ihrer Mutter, die Großeltern vor Freude strahlend, — Alles athrnete Freude und Glück; nur Elvire vermochte nicht, recht froh zu werden. Zu viele ernste und trübe Erinnerungen stürmten auf sie ein. „Möge Gott," sagte sie zu mir, „meiner Tochter die Fülle des Glückes verleihen, die ich leichtsinnig verscherzt habe." „Danke Du Gott," entgegnete ich, „daß Er Dir noch so viel Glück beschieden! Wie leicht hätte Dein Loos ein gar schlimmes werden können, wenn..." „Reden Sie nicht aus!" unterbrach sie mich heftig. In demselben Augenblicke brachte der Bräutigam in beredten Worten einen Toast aus; der Toast galt mir. Als die Hochrufe, die dem Toaste folgten, verstummt waren, dankte ich mit wenigen Worten und knüpfte daran einen neuen Toast; ich nannte keinen Namen; ich schilderte nur die Eigenschaften derjenigen, der mein Toast galt; ich schilderte sie, die ihre größte Freude darin suche und finde, die Armen zu unterstützen, den Bedrängten zu helfen, die Kranken zu pflegen, aller Welt ein tröstender Und beglückender Engel der Milde und Barmherzigkeit zu sein. „Und nun," schloß ich meine Anrede, „errathen Sie, wem mein Toast gilt!" Da rief es von allen Seiten: „Elvire, Elvire!" Und Alles kam herbei, sie zu beglückwünschen; ich aber sagte ihr leise: „Und Du beklagst Dich über Mangel an Glück? Danke Gott, daß Er Dich rechtzeitig erleuchtet und Dir Muth und Kraft gegeben, noch so Vieles aus dem Schiffbruche Deines Lebens zu retten!" Hierzu zwei Beilagen. Verantwortliche Redaction: Dr. Lehmann. — Verlag der Le Roux'schen Hofbuchhandlung. — Dampf - Schneltprefjendnnk vo« Z. GottSleben in Mainz.