Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1868-06-03 · Heft 23 (3.6.1868) · page 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
9 (1868)
Issue
Heft 23 (3.6.1868)
Date
1868-06-03
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2446951-2447343-2447365--06191-2461734
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

wo wir die gegründete Ausficht haben, daß die Ideen, welche Mühlfeld mit bewunderungswürdigem Feuereifer vertrat, bald wenigstens theilweise zu Ehren und zur Geltung gelangen werden. Der Verlust, den die Stadt Wien, zu deren hervorragendsten Bürgern Mühlfeld zählte, das Land, das Reich, das Parlament, der Juristenstand, ja man darf wohl sagen, die gebildete, nach Fortschritt und immer größerer Verbreitung humaner Ideen ringende Gesellschaft Europas erleidet, ist ein schwerer, vielleicht im gegenwärtigen Momente gar nicht zu ersetzender. Wohl ist das Hauptwerk Mühlfeld's, die Reform der konfessionellen Verhältnisse, die er hauptsächlich zur Anregung gebracht, ein vorläufig abgeschlossenes, aber nicht nur auf diesem Gebiete wäre von seiner energievollen Thatkraft noch viel Ersprießliches zu erwarten gewesen. Mühlfeld's unerschrockener Muth, seine außerordentliche Gesetzeskenntniß, sein fortwährender Verkehr im praktischen Leben, endlich seine rücksichtslose Energie machten ihn im Abgeordnetenhaus geradezu zum Anreger der wichtigsten gesetzgeberischen Reformen. Das Abgeordnetenhaus, zu dessen ersten Zierden Mühlfeld gehörte, verliert in ihm eine der frischesten Kräfte, die für die gesetzgebenden Arbeiten geradezu unentbehrlich war und mit Herbst und Waser eine Trias von Juristen bildete, welche jedem Parlamente zur Ehre gereichen würde. Die Stadt Wien hat mit dem Tode Mühlfeld's den Verlust ihres hervorragendsten Abgeordneten zu beklagen, der durch lange Jahre auch im Gemeinderathe seine Sorge der Pflege der speciellen Gemeind eint eressen widmete, die Stadt verliert einen der populärsten Bürger, dessen Namen weithin Ruhm verkündete. Der österreichische Advocatenstand endlich sieht einen Mann aus seinen Reihen scheiden, der diesem Stande zur hohen Ehre gereichte. Mühlfeld — man kann ihn wohl den deutschen Favre nennen — war eine der glänzendsten Erscheinungen in der juridischen Gelehrtenwelt, und als Vertbeidiger speciell hatte er wohl keinen Rivalen. Unterstützt von einer fesselnden, oft hinreißenden Beredsamkeit und einer wunderbaren Kraft des Gedächtnisses, gebot er über eine wahrhaft beherrschende Kenntniß des Gesetzes, und dies Alles, verbunden mit der unbesiegbaren Gewalt seiner Logik, machte Mühlfeld zum ersten Vertheidiger, zu einem der ersten Rechtsmänner Deutschlands. Der Verlust dieses Mannes ist also, wie wir bereits bemerkten, schwer, vielleicht gar nicht zu ersetzen, und die Trauer, mit der morgen, man darf wohl sagen, ganz Wien Mühlfeld das letzte Geleite geben wird, wird überallhin gleicher Weise getheilt werden. Wenn aber Etwas diese Trauer zu mildern im Stande wäre, so ist es vielleicht die Hoffnung, daß der Name MAhlfeld aus lange Zeit hitr in unseretn Staatsleben in mannigfachen geistigen Kämpfen, die wir vielleicht noch zu bestehen hcwen werden, zur Nachahmung, noch als eine Art Führer voranleuchten wird. Was Mühlfeld, zwar römisch-katholischer Christ, speciell für die Juden Oesterreichs gewesen und geleistet, geht aus Obigem zur Genüge hervor. In vielen Synagogen wurde während seiner langen Krankheit für seine Wiederhersttllung gebetet; sein Andenken wird uns ein unvergeßliches sein. — Wien. Zu der am letzten April vom Reichskanzler Baron v. Beust veranstalteten festlichen Versammlung waren auch unsere Glaubensgenossen, die Herren Baron v. Rothschild, Tedesko und Dr. Jellinek geladen. Gewiß für Oesterreich ein erfreuliches Zeichen unserer Zeit. Frankreich. Paris. Es ist ein nickt gerade erfreuliches Zeichen der Zeit, daß die hebräische Zeitschrift „Libanon" hervorzuheben für nöthig hält, daß, als am Samstag den 16. d. M. der Oberrabbiner von Frankreick, Herr Isidor, vom Kaiser Napoleon zur Tafel gezogen worden war, dieser weder nach dem Schlosse gefahren sei, wie die andern hohen Herren gethan, noch von den den Juden verbotenen Speisen gegessen habe. Paris. Am 3. Mai wurden die neuen Mitglieder zum Central-Comite der „All-.-Jsr." gewählt. Die Wahl fiel auf nachbenannte Herren: Karwalla, Albert Cohn, Cremieux, Derenbourg, Horn, Oberrabbiner Isidor, Advocat Lehmann, Advocat Leven, Rodrigues. Von Männern außerhalb Frankreichs wurden gewählt: Die Herren Rabbiner Jsak in Ferara, Astruc in Brüssel, Dr. Frankel in Breslau. England. London. Vor 14 Jahren wurde dahier von den Israeliten eine jüdische Auswanderungsgesellschast gegründet, die auch im Laufe dieser Zeit 1400 Personen zur Auswanderung verholfen hat. Doch sind in jüngster Zeit so viele Bittgesuche an die Gesellschaft gemacht worden, daß sie denselben nicht zur Hälfte entsprechen kann. London. Bei der festlichen Versammlung der Westminster jüdischen Freischule wurden zu Gunsten derselben 420 L. '(5040 fl.) gesammelt. Rußland und Polen. □ Warschau. Der „Russischen Petersburger Ztg." schreibt man aus Sedletzkischen Gouvernement (im Königreich Polen), daß der Argwohn der dort

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.