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Der Israelit · 1868-06-03 · Heft 23 (3.6.1868) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
9 (1868)
Issue
Heft 23 (3.6.1868)
Date
1868-06-03
Page
– (sequence 2)
Language
German
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430 Zn unserer Synagoge wurden gestern, am Sabbat vor dem Wochenfeste, die Namm von Hunderten von heiligen Gemeinden verlesen, welche im 11., 12., l:i. und 14. Jahrhundert freudig ihr Leben aushauchten zur Heiligung des göttlichen Namens. Die Kreuzfahrer durchzogen Europa; in England, Frankreich und Deutschland wollten sie unsere Väter zwingen, der Thora untreu zu werden, wollten mit dem Wasser der Taufe das Gotteslicht löschen, das unsichtbar brennt auf den Häuptern unserer Männer, Frauen, Jünglinge, Jungfrauen, Kinder, das GotteSlicht, dessen Oel die Mizwoth und dessen Flamme die Thora ist — und unsere Väter und Mütter und deren Söhne und Töchter flohen lieber in Elend und Noth oder bestiegen, wenn es nicht möglich war, zu entfliehen, die Scheiterhaufen, gaben die Brust dem Mordschwerte, den Nacken dem Henkerbeil preis. Und als später eine mildere Zeit eintrat und man die Juden nicht mehr schlachtete und verbrannte, da ließen sich unsere Väter ihrer heiligsten Menschenrechte berauben, ließen sich dem Hohne und der Verachtung preisgeben, ließen sich in dumpfe Ghettos sperren — um ihre Lebensaufgabe erfüllen, um die Thora sich erhalten zu können. Hätten die Väter den Entschluß gefaßt, der Zeit Rechnung zu tragen, die Thora den Zeitverhältnissen unterzuordnen, sie hätten sich alle jene Leiden erspart, — bann aber würde es heute keine Juden mehr geben. Dem Opfermuthe der Väter, dem Heldenmuthe der Mütter, ihrer Ausdauer und Dulderkraft haben wir es zu verdanken, daß wir die Thora, die uns Gott vor 3180 Jahren verliehen, noch heute unverfälscht und unverkürzt besitzen. Uns liegt es ob, dieses größte Kleinod, diesen erhabensten Schatz, für den es gar keinen Werthmesser gibt, D’ ’jc rrami nio pNö rom, den später» Geschlechtern so zu erhalten, wie wir ihn von unfern Vorfahren überkommen habm. Auch unsere Zeit hat ihre Versuchungen und Gefahren, und wahrlich, nicht geringere denn die vergangenen Jahrhunderte. Unsere milde, schöne, gerechte Zeit kennt keine gelbe Flecken an Jakobs Gewändern, keine Ghettis und Scheiterhaufen mehr. Juda's Söhne sind geehrt und geachtet bei allen Nationen. In dem stolzen Albion steht Einer aus unserm Blute an der Spitze der Regierung; aber ach, sein Vater war ein gegen die Religion der Väter gleichgiltiger Jude, und der Sohn muß von unö als ein verlorener betrachtet werden. Im ruhmreichen Frankreich stand bis vor kurzer Zeit ein Nachkomme Abrahams au der Spitze der Verwaltung; aber er heirathete eine nichtsüdische Frau, und seine Leiche ruht auf dem protestantischen Friedhof. In der Hauptstadt des norddeutschen Bundes gab dieser Tage die Börse dem großen, deutschen Parlamente ein Fest; ein Jude prästdirte dem Feste und brachte den ersten Toast aus. Der Erwähnte ist nicht nur Jude, er ist auch erster Vorsteher jener größten norddeutschen, isr. Gemeinde, und dieser Mann, dem nach preußischem Gesetze die erste Stimme zusteht und entscheidender Einfluß auch bei den religiösen Angelegenheiten seiner großen Gemeinde — ist nur dem Namen nach Jude, für den das isr. Religionsgesetz nicht existirt. Und ist es anderswo anders? Geht hin in die meisten wohlhabenden Gemeinden der deutschen Großstädte und seht Euch die Männer an, denen die Gemeindeverwaltung anvertraut ist! Männer, denen Sabbat und Festtag, Speise- und Reinheitsgesetze rc. ganz in Vergessenheit gekommen, Männer, die häufig nicht Hebräisch lesen können, die sich kaum noch erinnern, von Tephillin einmal gehört zu haben! Und diese Männer stellen Rabbinen, Prediger und Lehrer an, die ihnen gleichen, die nur noch insofern auf Religion halten, als dieselbe ihr Acker und ihr Pflug ist; die Mikwah verfällt, die Schechitah befindet sich in Händen, denen kein Vertrauen gebührt — und die Schule, daß Gott erbarm! die Synagoge wird reformirt, Orgelklvng und Weibersang verscheuchen die Andacht und um.vandeln die Synagoge in ein Schauspielhaus, derart, daß es oft selbst den eigenen Entrepreneuren zu arg wird. *) Ist eine Religionsgemeinde, in welcher sabbatschänderische, Terephot- und Nebeloth-essende Vorsteher die Verwaltung in Händen haben, in welcher nihilistische Rabbinen, denen unsere heiligsten Religionsgesetze veraltete Gebräuche sind, fungiren, in welcher apikorßische (epikuräische) Prediger „das Wort Gottes" von der Kanzel verkünden, in welcher Gesetz und Lehre verhöhnende Lehrer den sogenannten Religionsunterricht ertheilen und so die Jugend verderben — noch eine jüdische Religionsgemeinde zu nennen? Was ist da zu thun? Fragen wir die Geschichte. Als unsere Väter aus der babylonischen Gefangenschaft zurückkehrten, wiesen sie die dargebotene Gemeinschaft mit den Kuthäern zurück; freilich zogen sie sich dadurch unzählige Verfolgungen und Leiden zu, aber sie erhielten die Thora unverkürzt und unverfälscht und konnten sie so ihren Kindern vererben. Als am Hofe der hasmonäischen Könige die Sad- . duzäer groß und mächtig wurden, sagte man sich von *) So hat Herr Rabbiner vr. Aub in Berlin unlängst die Besucher der großen, prachtvollen Berliner Synagoge mit folgenden elastischen Worten (itt einer Predigt) characterisirt: „Ihr kommet hierher, keine Andacht im Herzen, kein Gebetswort auf der Lippe und kein Gebetbuch in der Hand." i

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