Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 9 (1868)
- Issue
- Heft 21 (20.5.1868)
- Date
- 1868-05-20
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2446951-2447343-2447363--06151-2461692- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
392 „In dieser Lage gedachte ich deS würdigen Lehrers meiner Kindheit, des besten Freundes meines Vaters. „Bis jetzt habe ich mit meinem Manne ziemlich friedlich gelebt; erst in neuerer Zeit hat eS ernstere Mißhelligkeiten zwischen unS gegeben, weil ich mich weigerte, seinem, oder vielmehr deS Fürsten entschiedenem Verlangen nachzugeben und Christin zu werden. „Gestern Abend beim Hoffeste hat man mich nun — wie soll ich sagen? ich finde kein anderes Wort — überrumpelt. Man hat mein Schweigen für Zustimmung genommen; man hat dem ganzen Hofe die bevorstehende Taufe und meine Ernennung zur Ehrendame der Fürstin verkündet. Ich kann mich nicht mehr weigern, ohne die Stellung meines Gatten unhaltbar zu machen. Die Ideen vom christlichen Staate, welche in neuerer Zeit von Berlin aus verkündet werden, hätten auch o^mdies mir nichts übrig gelassen al« ein: entweder — oder. „Und mein Mann? Ja, wenn er mich noch liebte wie ehedem, so wäre Alles klar und glatt; so brauchte er nur seinem Amte zu entsagen, und dann wäre Alles gut. Aber, Sie wissen es ja und das ganze Land weiß es: Wetting liebt nichts mehr als sein Ministerportefeuille; er hat ihm seine Ueberzeugung geopfert und würde ihm auch sein Weid opfern. „Was soll ich nunmehr thun? „Soll ich zur Verrätherin werden an dem Glauben der Väter, an dem ich hange mit der ganzen Gluth meines Herzens? Soll ich mich öffentlich bekennen, zu einer Religion, der mein Denken und Fühlen widerstrebt, die auch nicht die Religion meines Mannes ist? — Denn Wetting glaubt an gar nichts. „Oder soll ich mich von meinem Manne trennen, um Jüdin zu bleiben? „Ein drittes ist nicht möglich. „Und nun, Herr Rabbiner, antworten Sie mir nach bestem Wissen, auf Ehre und Gewissen. „Meine Eltern haben mich verstoßen; Sie selbst haben mir vor vier fahren, was ich damals thun wollte und auch bald darauf gethan habe, meine Heirath mit Wetting nämlich, als eine große, schwere Sünde dargestellt. Bin ich nun nach jüdischer Religionsanschauung eine Verworfene, der die Rückkehr unmöglich ist, ziehe'ich nur — wie Wetting sagt — durch die Taufe die folgerichtige Consequenz meines damaligen Schrittes, wird an meinem Kinde in den Augen der Israeliten ein Makel haften? „Bejahen Sie diese Fragen, so werde ich mich, wenn auch mit schwerem Herzen, dem Wunsche meines Mannes und des Fürsten fügen. „Verneinen Sie dieselben, so habe ich Muth und Kraft genug, das Schwerste zu tragen, die größten Schwierigkeiten zu überwinden. „Halten Sie Ihre Antwort bereit; ich erwarte sie mit Ungeduld und werde sie in zwei Stunden abholen lassen. Elvire." „Nachschrift: Reden Sie, ich beschwöre Sie, mit Niemandem von diesem Briefe und Ihrer Antwort." Mit fliegender Eile hatte ich den Brief gelesen; meine Hand zitterte, alö ich die Feder ergriff, ihn zu beantworten; ich schrieb: „Meine liebe, ehemalige Schülerin! „Seit langer Zeit hat mich Nichts mit so unendlicher Freude erfüllt wie Dein lieber Brief. Wie mit Flammenschrijt geschrieben, leuchtet mir daraus die Versicherung entgegen, daß Du anhangeft dem Glauben der Väter mit der ganzen Gluth Deines Herzens. Diese eine Versicherung löscht Dein Vergehen aus und macht eö ungeschehen. „Nach jüdischer Religionsanschauung bist Du nicht allein keine Verworfene, der die Rückkehr unmöglich ist — im Gegentheil, nach reuiger Rückkehr wirst Du in den Augen Gottes und Deines Volkes höher stehen als eine solche, die nie gesündigt hat. „Wenn auch häufig die Sünde größere und schwerere Sünden nach sich zieht, so ist es doch durchaus unwahr, daß dies nothwendiger Weise geschehen muß. Der Mensch braucht überhaupt niemals der Nothwendigkeit zu gehorchen; Gott hat ihm als das köstlichste Gut die Freiheit deS WollenS gegeben. Zu der großen, ja größten Sünde, die man jetzt von Dir fordert, steht das, waö Du gethan hast, in keinem Verhältnis. O, sei stark und laß Dich nicht verlocken. „An Deinem Kinde wird kein Makel haften. „Welche Wonne wird Dein Vater, wird Deine Mutter empfinden, wenn Du in ihre Arme zurückkehrst! Dein Vater war vor einer Stunde bei mir; die Nachricht von dem Ereignisse des gestriges' Hofballs hat ihn und Deine Mutter fast §ur Verzweiflung getrieben. „Laß uns bald Erfreuliches von Dir hören. Wirst Du stark sein und treu ausharren, so wirst Du nächst Deinen Eltern Niemanden mehr beglücken als mich, der dann wieder mit Freuden daran denken wird, daß er einst war Dein Lehrer." Noch hatte ich den Brief nicht couvertirt, als Elvirens Diener eintrat, um ihn abzuholen. Die Ungeduld seiner Herrin hatte ihm nicht gestattet, die bestimmte Stunde abzuwarten. (Forts, folgt.) VeranrworUtche «edactton: Dr. Lehmann. — Verlag der Le Ro urschen Hofbuchhandlung. — Dampf - Vchneüpreffenvnnl von I. Gottlleben tu Main». ————■11 ■■■»■■ 1 ■ ■— S&ierpi drei Beilagen.