Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 9 (1868)
- Issue
- Heft 21 (20.5.1868)
- Date
- 1868-05-20
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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387 Regelung ihrer Gemeinde- und Schulverhältniffe in autonomer Weiie vorzunehmen. Nachdem sich schon bei den vorläufigen Conferenzberathungcn zwei verschiedene Strömungen kundgegeben, tritt nun die eine, sich gerne orthodox nennende Partei mit allen Mitteln der Agitation Jenen unserer Glaubensgenossen entgegen, die die Ideen unseres Jahrhunderts, die Ideen des Fortschrittes nnd der Civilisation auf ihre Fahne geschrieben. Wie überall so ist es auch bei uns die Reaction, die die stärksten Hebel ansetzt, um ihre Zwecke zu erreichen, ist cs der jüdische Nltramontanismus, der in fanatischem Eifer Alles aulbietet, um dem Eongresse einen fortschrittsfeindlichen Ehararter aufzudrücken. Die Mittel, deren sich diese Partei bedient, sind Jedermann wohl bekannt. Wir sehen, wie sich alle-.orts Verbindungen bilden, die unter dem Deckmantel religiösen Eifers eigentlich nur bezwecken, auch das Judenthum in die Fessel klerikaler Herrschsucht zu schlagen! Wir hören von frommen Sammlungen, die den Fanatismus der leicht lenkbbarcn großeil Masse auch materiell weit ausnützcn; es werden gegen die Liberalen, die verketzerten „Neologen"'Tractätlein geschrieben und Philippiken gedonnert und gar manches Mittel in Anwendung gebracht, das die öffentliche Meinung nicht zu den erlaubten rechnen würde. So hat man es z. B. nicht gescheut, jene Verdächtigung auszustreuen, als ob cs in der Absicht der liberalen Parier läge, an den religiösen Einrichtungen zu ändern! Die Verläumdung in dieser Richtung erstickt sich sogar so weit, daß man der Fortschrittspartei insiunirte, die Beschneidung und ähnliche Glaubensiustitutionen ganz avschaffen zu wollen; man cntblödcte sich nidrt. diese handgreifliche Lüge auszustreuen, als sollten die Lehrstühle an der zu errichtenden Rabbinatsschule thcilweise durch Nichtjndcu besetzt werden! Unter solchen Umständen wird zur dringenden Rothwendigkeit, daß die liberale Partei dieser Bewegung ein entschiedenes Auftreten entgegensetze. Es ist Pflicht jedes Einzelnen, der zu dieser großen "Partei gehört, solche böswillige Berläumdungen zu entkräften und dahin zu arbeiten, daß in seinen Kreisen eine richtige Beurtheilung unserer Verhältnisse Platz greife. Ueberhaupt soll die Männer des Fortschritts diesesmal jener harte und leider so beg'ündcte Vorwurf nicht mehr treffen, daß sie in gemächlichen! Vertrauen auf ihr gutes Recht die Hände in den Schoost legen und nur zu spät — wenn das Heft ihrer Hand bereits entrissen — zur Einsicht gelangen, daß man ohne Kamps nicht siegen, ohne Saat nicht ernten tonne, und daß man der Agitation ebenfalls mit Agitation begegnen muß. Um nun alle aufgeklärten Gsauüensgenossen im Lande zu einem compacten einheitlich zusammenhängenden Ganzen zu verbinden, hat sich am 21. März d. I. das „Central-Comitö der Consercnzmajoritüt" in Pesth constituirt, und besteht dasselbe aus folgenden Herrn: Or. Ignatz Hirschler, Präses, Ignatz Barnay, Philipp Höllischer, I. I Kohen, Jacob Lany, Dr. Mezei, i>r. Pollak, Dr. Rozsay, Carl Ullmann und Moritz Wahrmann. Ferner sollen sich in jedem bedeutenden Orte die Beilen unserer Partei vereinen und ebensooiele Brennpunkte des Parteilebens bilden, um die sich dann alle scharen mögen, die unsere Ansichten theilcn. Welches die Zwecke sind, deren Erreichung uns vor Augen schwebt — wir haben nie daraus ein Geheimniß gemacht und wir legen sie auch offen aus: Wirwollen, daß derCongreß unter Beseitigung aller theologischen Streitfragen sich ausschließlich nur mit unfern Gemeinde- und Schulverhältnissen befasse. Wir wollen Frieden, Gerechtigkeit und Ordnung in der Gemeinde und nur solche Männer an der Spitze derselben, die das allgemeine Vertrauen dahin gestellt hat. Wir wollen, daß eine Erziehung unfern Kindern theilhaftig werde, die sie zu würdigen Söhnen ihres Vaterslandes mache, wollen, daß die Civilisation und Bildung an die I Stelle verschrobener Einseitigkeit oder gar krasse; Unwissenheit trete. Wir wollen endlich tüchtige,; jübifcf) religiöse, und auf der Höhe der Zeit stehe n d e N a b b i n e n. Dies das Programm unserer Partei; zwei leitende Ideen durchwehen jedes seiner Punkte: Wahrung der Gewissensfreiheit und des Fortschrittes. Das Central-Comitö ist überzeugt davon, daß Sie, gcehr- . tev Herr, diese Ansichten im vollsten Maaße theilen, und es! richtet im Vertrauen hierauf dieses confidenticllc Schreiben an | Sie, um Sie einerseits von dem Geschehenen zu verstünd'gen! und anderseits Ihre gewichtige Unterstützung für die gute Sache! zu gewinnen; es erwartet, daß Sie und Ihre Freunde von Zeit zu Zeit Mittheilungen an das Central - Comits machen und ist i es überhaupt im Interesse der Sache nothwendig, dast Sie mit : diesem in brieflichem Verkehr treten. — Sollten Sie cs für! zweckmäßig erachten, das; au eine gewisse Person direkt vom Eentral-; Eomitö aus e n Schreiben gerichtet werde, so bitten wir um j deren Adresse.; Damit das Central-Eomitö seiner Ausgabe gerecht werden 1 könne, bedarf es eines eigenen Organs, daß die Zeitfragen fort-; laufend erörtert u d den Freunden des Fortschrittes von allen i Vorkommnissen Kenntniß bringt. Dieses Partei-Organ ist der! „Jzraelita Közlöny. "'lim demselben in weitern Kreisen Einfluß i zu verschaffen, erscheint zu demselben vorläufig allvierzehntäglich,; später voraussichtlich allwöchentlich eine deutsche Beilage. : Sowohl tm Interesse unserer Parte«, als auch die Nebenrücksicht; darauf, daß die Herausgabe dieser Organe im Beginne ziemliche Gcldopfer erheischt, ersuche ich Sie im Namen des Central-Eoi ruitö's auf das dringendste, sich die Verbreitung des Kozj löny sehr angelegen sein zu lassen. Die Pränumeration! betrügt von Anfang April bis Ende Dezember t fl. 50 kr.; (guarla'itcr I1,» fl.). Gelder und Pränumerationslistc wollen I Sie entweder an die Redaction, Waiznerstraße Re. 8 oder auch! an mich absend n. : Das Central - Coinitö wird seine Bemühungen reichlich belohnt finden, wenn es ihm gelingen sollte, die Gesinnungsgenossen im Lande zu einheitlich zusammenwirlendein Handeln zu , vereinigen. Gespannten Auges blicken unsere Glaubensgenoffen in ganz Europa aus die in autonomer Weise vorznnehmende Lösung unserer Ausgabe, womit wir uniern in andern Ländern wohnenden Glaubensgenossen ein Beispiel zu geben berufen sind. Einst ryar es Paris, der Sitz des großen Sanhcdrins, wohin die Juden Europa's blickten. Heute ist cs das freie Ungarn, dessen freie jüdische Bürger aus pailameutarischem Wege die Lösung der innern Wirren versuchen werden. Möge sich Niemand der Mitarbeit entziehen wollen, wenn cs gilt, aus die Zustände einer halben Million Brüd-r bestimmenden Einfluß zu nehmen. Wir stehen vor einem historischen Momente, auf den kommcnrc Generationen vielleicht noch in Jahrhunderten zurückweisen werden: sei sich daher Jedermann der Verantwortlichkeit bewußt, die auf ihm lastet, wenn er es unterlassen, das Gelingen dies großen Werkes zu unterstützen. Pest, den . .. 1868. Mit dem Ausdruck besonderer Hochachtung Ihr ergebenster vr. Hirschler w. p. Spiegelgasse 2. Lassen wir nunmehr unsere Bemerkungen folgen: „Die sich gern orthodox nennende Partei trete mit allen Mitteln der Agitation jenen entgegen, die den Fortschritt, die Cultur und die Civilisation auf ihre Fahnen geschrieben." Wir haben dazu zu bemerken: die Bezeichnung „orthodox" war ursprünglich ein Spitzname und vermeintliches Schimpfwort, mit dem eben unsere Gegner