Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 9 (1868)
- Issue
- Heft 20 (13.5.1868)
- Date
- 1868-05-13
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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368 altadligeö Fräulein heirathen? Gut, ich werde entsagen können — ich will Dich nicht zurüä halten von einer solchen mächtigen Verbindung! Du magst auch Dein Weib opfern Deinem." Elvire verstummte plötzlich, so zornig blickte Wetting sie an. Er konnte Alles eher ertragen, als eine Anspielung darauf, daß er seine Uebcrzeugung preisgegeben hatte, um sich sein Amt zu erhalten. Wetting schwieg für diesmal. Er bat den Fürsten, seiner Frau Zeit zu gönnen. Unlerdeß wurden andere Mittel „versucht, Elvire zur Taufe zu bewegen. Der^berho,Prediger, ein geist- und gemüthveller Mann, war von da an täglicher Gast in deS Ministers Hause. Unvermerkt wußte er die Hausfrau in ein Gespräch zu verwickeln, in welchem er das Christcnthum hervorzuheben sich bemühte. Wetting wurde auf einmal wieder der aufmerksamste Gatte; keine heftige Scene kam mehr vor. Die junge Frau wurde von ihm, wie man zu sagcn pstegt, auf Händen getragen. Auch zu den Hcfiesten, wo man sie in jüngster Zeit nicht mehr gern gesehen hatte, wurde sie wieder gezogen, und die Fürstin bot sich ihr als Taufpathin an. Der Fürst war sehr gnädig gegen sie und versprach ihr für ein „bald bevorstehendes Ereigniß" eine hohe Auszeichnung; sie solle, deutete er ihr an, nach vollzogener Taufe Ehrendame der Fürstin werden. Fürsten darf man nicht widersprechen; wenn Fürsten mit Entschi.denheit Etwas behaupten, so muß der Zuhörende sich stumm verneigen. Eine solche Verneigung kann dann als Zustimmung, ja, als Zusage gedeutet werden. Seine Durchlaucht deutete Elvirens Verneigung so, und Allerhöchstdieselben geruhten, dem versammelten Hofe das bevorstehende Taufsist der Frau von Wetting und deren Erhebung zur Ehrendame der Fürstin zu verkünden. Alle anwesenden Herren und Damen beeilten sich, Elviren und ihrem Gemahle zu gratuliren. So war denn Alles entschieden; es war nicht daran zu denken, Seine Durchlaucht Lügen zn strafen. Widerstandslos mußte Elvire Alles über sich ergehen lassen; alle Glückwünsche mußte sie mit dankbarem Lächeln entgegennehmen. Wetting überbot sich in Aufmerksamkeiten und Zärtlichkeiten; Elvire aber fühlte ihr Herz zu Stein erstarren. Elvire verbrachte eine schlaflose Nacht. Sie sollte also brechen mit Allem, was ihr von frühester Kindheit an heilig gewesen war; noch mehr, sie sollte sich öffentlich zu einem Glauben bekennen, der ihr ganz fremd war, von dem ihr Herz nichts wußte; ihr ganze« künftiges Leben sollte sich zu einer Lüge gestalten! Und ihre Eltern! Wie oft schon hatte sie es bitter bereut, dieselben so tief gekränkt zu haben! Und nun erst der öffentliche Abfall vom Iudenthume! Würden sie daö überleben? Andererseits, was sollte sie thun? Konnte sie zurückkehren, nachdem sie einmal so weit gegangen? Würde ihr LooS an Wettings Seite auch nur ein einigermaßen erträgliches bleiben, wenn sie nach dem Vorangegangenen bei ihrer Weigerung beharren würde? Was aber sollte sie eintauschen gegen die Religion der Väter? Dereinst, als Mädchen, da hatte sie sich Ideale gemacht von einer alle Schranken durchbrechenden Liebe, da hatte sie sich den Himmel geträumt an Wettings Seite .... Und wie waren diese Ideale verwirklicht worden? Sie hatte das Glück nicht gefunden, das sie gesucht hatte, sie hatte statt Frohsinn Kummer, statt Freude bittere Reue geerntet. Jetzt nun stand sie im Begriff, noch einen Schritt weiter zu gehen .... Und wenn sie abermals sich opferte ihrem Manne, und wenn sie für ihn eine Lüge, eine furchtbare, eine vernichtende Lüge aussprechen würde, wie würde er es ihr vergelten, der kalte Egoist? Wie hatte er ihr das vergolten, was sie schon um seinetwillen gethan? Sollte sie noch einmal seinethalben das Leben der Eltern gefährden, dieser Ellern, die ihr einziges Kind so geliebt , die jetzt in Kummer und Trübsal ihr Leben verbrachten, die daö re zende Enkelkind noch nicht an die Brust gedrückt hatten! O, welche Seligkeit, zu ihnen zurückzukehren, sich ihnen reuig zu Füßen zu werfen und das unschuldige Kind ihren liebevoll ausgestreckten Armen entgegenzuhalten!. Aber konnte sie denn auch zurückkehren? War sie nicht eine AuSgestoßene? Haftete auf ihrem Kinde nicht ein Makel in den Augen der Glaubensgenossen, in den Augen der Eltern? O, wer einen Ausweg wüßte aus diesem Labyrinth! Doch an wen sich wenden, von wem Rath erheischen? Und siehe plötzlich, wie durch göttliche Eingebung, trat das Bild des Freundes ihres Vaters, des Lehrers ihrer Kindheit, vor ihr geistiges Auge; auch ihn hatte sie tief gekränkt; allein, die väterliche Liebe, die er ihr stets bewiesen, wird sich — so dachte Elvire — auch jetzt noch bewähren. Sie beschloß des Rabbiners Rath einzuholen, bevor sie einen entscheidenden Entschluß fasten würde. — Dieser Gedanke beruhigte sie derart, daß sie endlich gegen Morgen die Augen schloß zu einem erquicklichen Schlummer. (Forts, folgt.) Hierzu drei Beilage«. verantwortliche Redaction: £>r. Lehmann. — vertag der Le Roux'fchen Hofduchhandümg. — Dampf - Schnettpreffendruek von I. GottSleben in Mainz.