Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 9 (1868)
- Issue
- Heft 20 (13.5.1868)
- Date
- 1868-05-13
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Australien. Melbourne. Bei der jüngsten Wahl zur gesetzgebenden Versammlung wurden zwei Juden, Herr Eduard Cohen für Melbourne und Karl Dyte für Ballarat in dieselbe gewählt. Herr Rabb. Goldreich von Hobart TownIwurde nach Ballarat berufen. Afrika. Tetuun. Neue Mordthaten wurden wieder an Juden in Marokko begangen. Eine telegraphische Depesche von Tetuan meldet, daß unweit dieser Stadt zwei Juden den Schlägen des berüchtigten A. Hai'ssa unterlegen sind. Der franz. Minister hat dem franz. Consul die Ordre zugehen lassen, sich nach Rabat zum Kaiser von Marokko zu begeben, um die Bestrafung der Mörder und Garantien für die Zukunft zu verlangen. Feuilleton. Elvire. (Mitgrthrtlt von einem Rabbiner.) (Fortsetzung.) VIII. Wir haben bereits aus Wettings eigenem Munde vernommen, daß er „ein wenig Materialist" war und auch dem „Egoismus Berechtigung zuerkannte." Elvire mußte das bitter empfinden. In den Flitterwochen freilich hatte Wetting Alles schön und liebenswürdig gefunden, was sie gethan und gesagt hatte; später verfolgte er mit Spott und Hohn jede religiöse Regung, die zu Tage trat, und als die Mißhelligkeiten zwischen Mann und Frau immer größeren Umfang annahmen, da konnte er auch recht zornig werden, da mußte „das Judenweib" Worte vernehmen, die sie im Elternhause niemals gehört hatte. Aber auch noch andere Dinge waren es, die dazu beitrugen, Elviren recht, recht unglücklich zu machen. Die eheliche Treue, die in den gottesfürchtigen jüdischen Familien so heimisch ist.Doch, ziehen wir einen Schleier über diese traurigen Begebenheiten. Elvire litt unsäglich; allein sie trug Alles mit Geduld. Was sie sich durch eigenes Verschulden bereitet hatte, das wollte sie standhaft tragen. Aber immer größer wurde die Kluft, die sie von ihrem Gatten trennte. Als die Tage der Reaction gekommen waren, da hatte Elvire erwartet, daß ihr Mann von seinem Ministerposten zurücktreten würde; sie hatte auch aus ihrer Ansicht kein Hehl gemacht. Als aber Wetting Minister blieb um jeden Preis, als er gar die Hand dazu bot, seine ehemaligen Gesinnungsgenofsen, die ihn emporgehoben hatten, zu verfolgen, da verlor er die Achtung seines Weibes ganz und gar. Aber eS sollte noch schlimmer kommen. Zugleich mit der Reaction machte sich eine pietistische Richtung geltend, die an vielen Fürstenhöfen die herrschende wurde; und siehe da, Wetting, der Materialist, der Atheist, wurde plötzlich ein streng kirchlicher Mann, der eine Frömmigkeit zur Schau ttug, die, da sie nur eine gemachte, äußerliche war, nicht verfehlte, den widerlichsten Eindruck hervorzubringen. Unter diesen Umständen mußte die vom Civilstandsbeamten geschlosiene, des Priesters Segen entbehrende Ehe Wettings mit einer Jüdin überall Anstoß erregen. Gelang es daher dem Minister, seine Gattin zur Taufe zu bewegen, so war dieser Mißstand nicht allein beseittgt, sondern es war ihm auch Gelegenheit geboten, sich in den maßgebenden Hofkreisen ganz besonders zu insinuiren. Elvire und ihre Tochter — zwei Seelen - der Hölle zu entreißen und für den christlichen Himmel zu gewinnen, das wog schwer in jener Zeit. Wetting ließ es denn auch an Anstrengungen, diesen Zweck zu erreichen, nicht fehlen. Hier jedoch stieß er auf größeren Widerstand, als er erwartet hatte. Wetting, der keine andere Rücksicht als die durch die „Klugheit" gebotenen kannte, konnte nicht begreifen, daß Elvire, nachdem sie so weit gegangen, nicht auch die letzte Consequenz ihrer Herrath mit ihm ziehen und wenigstens äußerlich einen Glauben annehmen wollte, der auch ihm nur eine äußere Form war. Gar zn gern wäre der gefügige Minister einem Winke von Allerhöchster Stelle zuvorgekommen; „allein, der Starrsinn seines Weibes — so sagte er — „entbehrte jeder Klugheit." Jener Allerhöchste Wink ließ denn au st nicht lange auf sich warten; es wurde dem Minister nahe gelegt, daß seine Ehe mit einer Jüdin Aergerniß errege und daß man die Taufe seines Weibes und seines Kindes mit Bestimmtheit erwarte. Nunmehr forderte Wetting seine Gattin mit Entschiedenheit auf, dem Wunsche Seiner Durchlaucht nachzukommen. Mit derselben Entschiedenheit beharrte Elvire dabei, Jüdin bleiben zu wollen. Da gab es sehr heftige Scenen; Elvire hielt ihrem Manne die großen Opfer, die sie ihm gebracht hatte, vor, wie sie Vater und Mutter, Freunde und Verwandte verlassen hatte um seinetwillen. Wetting entgegnete in gereiztem Tone. „Habe ich keine Opfer gebracht?" sagte er. „Hätte ich mir nicht die vornehmsten und mächtigsten Familien deö Landes verbinden können?" „O," entgegnete Elvire, „stehe ich etwa Deinem Glücke im Wege? Willst Du vielleicht heute noch ein