Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 9 (1868)
- Issue
- Heft 19 (6.5.1868)
- Date
- 1868-05-06
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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344 Frankreich. Aus den Todeswunden der Communisten flössen Ströme Bluts, und Frankreich ging unaufhaltsam dem Cäsarismus entgegen. Jemehr das Jahr seinem Ende nahte, desto stärker erwuchs die Reaction; die blutigen Septemberereignisse in Frank,urt a. M., die schmähliche Ermordung AuerSwald's und Lichuowsky's lehrte das deutsche Volk die Schrecken der Anarchie kennen; im October ward Wien erobert und die österreich'sche Rerolution zu Grabe getragen, ihre Helden mit Pulver und Blei stumm gemacht; im November wurde das Berliner Parlament gewaltsam nach Brandenburg verlegt, und das Ministerium Brandenburg-Manteuffel verstand es, die Revolution zu ersticken und ihre Führer in die Zuchthäuser zu sperren; im December ward der künftige Kaiser der Franzosen, der Mann, der in Europa die Ordnung wieder herstellte, Präsident der Republik. Das Jahr 49 vollendete, was schon in seinem Vorgänger war begonnen worden. Das Frankfurter Parlament nahm ein trauriges Ende, nachdem Friedrich Wilhelm IV. die dargebotene Kaiserkrone abgelehnt hatte; die Revolutionen in Baden und der Pfalz wurden mit Heeresmacht niedergeworfen, das ungarische Heer mußte vor der vereinten Macht Rußlands und Oesterreichs die Waffen strecken. Diese gewaltigen Ereignisse in den großen Reichen Europas blieben natürlich nicht ohne Einfluß auf die deutschen Mittel- und Kleinstaaten. Auch in dem kleinen Staate, in welchem sich unsere Geschichte ereignet hat, vollzog sich bald eine vollständige Reaction. Die im März 48 ertheilte Verfassung und alle mit ihr im Zusammenhänge stehenden freiheitlichen Institutionen wurden zurückgenommen; zu gleicher Zeit traten die alten, vor Jahresfrist beseitigten Staatsmänner wieder in ihre Aemter ein, während die liberalen College» Wettings ihre Entlassung nahmen. Nur Wetting wollte das Schicksal seiner Genossen nicht theilen; es war ihm fürchterlich, nachdem er so lange auf dem Gipfel der Macht gestanden, wieder ins Privatleben zurücktreten zu sollen. Der Ehrgeiz in seiner Brust war mächtiger als seine politische Ueberzeugung. Er stellte sich dem Fürsten zur Verfügung und bot willig die Hand zum Umstürze des Gebäudes, das er selbst hatte aufrichten helfen. Dem alten Fürsten, der Wettings Geschick und Talent hatte schätzen lernen, waren solche Diener, die keine andere Rücksichten denn die Befehle des Herrn kennen, willkommen. An dem Tage, an welchem die Verfassung ausgehoben wurde, ward Wetting zum Präsidenten des Ministeriums ernannt und in den Adelstand erhoben. Elvire hatte ihm unterdeß eine Tochter geboren; dieselbe sollte als Jüdin erzogen werden, da dem beiderseitigen Uebereinkommen beim Abschluß der Ehe gemäß die Söhne der Religion des Vaters und die Töchter der der Mutter folgen sollten. Mit Elviren war unterdeß eine große Veränderung vorgegangen. Ach, es war so Vieles ganz anders gekommen, als sie es sich hatte träumen lassen! Zuerst vermißte sie an ihrem Gatten jenes eigentümliche Zartgefühl, das nur die jüdische Ehe kennt, das nur in der jüdischen Familie waltet. Das Judenthum schreibt dem Manne vor, sein Weib zu lieben wie sich selbst, eö aber zu ehren mehr als sich selbst. Diese Lehre ist im jüdischen Stamme gleichsam zu Fleisch und Blut geworden. Die Ehre seines Weibes steht dem religiösen, gewissenhaften Juden so hoch, daß er sich förmlich fürchtet, die Gattin durch Wort oder That zu verletzen. Daher herrscht ein inniges Zartgefühl im Verkehre der Gatten mit einander, das anderswo ganz unbekannt ist. Und dieses Zartgefühl war es, dos Elvire vor Allem vermißte. Es ist das wie der Schmelz, der auf den Flügeln des Schmetterlings ruht. In seiner zarten Schöne entzückt er das Auge, aber die täppische Hand verwischt ihn. Doch das war's nicht allein, was störend zwischen die Gatten trat. Es war das Stammesvorurheil, dem selbst der vorurtheilsfreie Wetting sich nicht entziehen konnte; bei der geringsten Differenz schwebte das Wort „Jüdin" auf seinen Lippen, das er anfangs allerdings unterdrückte, späterhin aber gar manchmal in noch verstärkter Nüance: „Judenweib!" aussprach. Was aber am Meisten trennend auf die Gatten einwirkte, das war der durchaus verschiedene religiöse Standpunkt. Elvire hatte zwar durch die Hartnäckigkeit, mit I welcher sie einen das jüdische Religionsgesetz in so schwerer Weise verletzenden Schritt auögesührt, mit welcher sie den Ungehorsam gegen ihre Eltern auf die Spitze getrieben und diesen so großen Kummer bereitet, einen Leichtsinn bekundet, dem alle Religiosität! fern zu liegen schien; allein in ihrer wenig freudvollen I Ehe, bei der craffen Selbstsucht und Grundsatzlosig-! feit ihres Gatten, erwachten die Eindrücke der Kind-! heit mit erneuter Macht, da erschienen ihr das Eltern-1 Haus, der liebevolle Verkehr zwischen Vater und | Mutter, die religiöse Weihe, welche die Sabbate undl Festtage geboten, in einer Verklärung, welche sie alles I von ihr Aufgegebene aufs schmerzlichste vermissen I ließ. Im Hause des nichtjüdischen Galten erst lernte» sie die Religion der Väter lieben und werthschätzen. I (Forts, folgt.) I Hierzu drei Beilagen. Verantwortliche Redaktion: Dr. Lehmann. — Verlag der Le Roux'schen Hofbuchhandlung. — Dampf» SchneLpresjenvruck von I. SottSlebe» in Staing.