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Der Israelit · 1868-04-29 · Heft 18 (29.4.1868) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
9 (1868)
Issue
Heft 18 (29.4.1868)
Date
1868-04-29
Page
– (sequence 9)
Language
German
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IX. Jahrgang. Beilage z« Nr. 18 des Israelit. Leitender Artikel. Literarischer Gericht. Eine Vorlesung von Robert Prutz. Der Judenhaß hat fi* in den letzten Zähren aus dem Gebiete des Alltagslebens und auch der Journalistik fast gänzlich in das Gebiet der schönen Literatur geflüchtet und behauptet hier seine Stelle zum Kummer aller Vernünftigen ganz dreist und unerschrocken. Ganz unwillkürlich (?) sehen wir die bedeutendsten Schriitsteller der Romantik des jungen Deutschlands wie überhaupt der ganzen Epigonenliteratur in den gemeinsten Judenhaß verfallen. Zn der Geschichte der Theologie, der Philosophie hat sich dieser Judenhaß schon überlebt und vernünftigeren Anschauungen Platz gemacht. Desto stärker tritt derselbe in der Literaturgeschichte wie überhaupt in der schönen Literatur auf. Wir haben den geschätzten Lesern des „Israelit" bereits mehrere Pröbchen dieses Judenhasses an zwei hervorragenden Repräsentanten der schöngeistigen Literatur, an Th. Galen und an Alfred Meißner, gegeben und könnten diese Beispiele noch durch hundert andere vermehren. Allein, lassen wir dieses Capitel, und wenden wir uns zu einer erfreulichen Erscheinung in der Literatur unserer Tage. Robert Prutz, der bekannte Dichter und Literarhistoriker, dessen Name in dem Herzen jedes Deutschen die edelsten Gefühle und Erinnerungen wachrufen muß, weilte vor einiger Zeit hier und hielt vor einem überaus zahlreichen Publikum, der Elite der hiesigen Stadt, Vorlesungen über die deutsche Literatur von 4830— 1866. Natürlich mußte derselbe im Laufe seiner Vorträge auch auf den Einfluß des JudenthumS auf die deutsche Literatur zu sprechen kommen. Es sollte dieß dem Programme nach im 4. Vortrage geschehen. Ich gestehe es, mir bangte vor diesem vierten Vortrage! Wird Robert Prutz, der edle Kämpe für Freiheit, Recht und Licht, etwa in die Fußstapfen der andern deutschen Literarhistoriker eines Julian Schmidt u. a. folgen und das Judenthum verunglimpfen? Wird die Elite der hiesigen Stadt, in der, beiläufig bemerkt, das Rifchus noch ganz üppig wuchert, auch heute sich so zahlreich wie sonst einfinden, und wird es auch heute dem trefflichen Manne dieselbe Aufmerksamkeit und denselben Beifall zollen wie sonst? Diese und ähnliche Fragen waren eS, die ich mir auf meinem Wege zum Musiksaale der k. Universität vorlegte. Doch welche angenehme Ueberraschung harrte meiner hier! Bereits um 6 Uhr war der Saal zum Erdrücken voll und welches Publikum? Aus den hohen und höchsten Kreisen hatte sich dasselbe heute hier eingefunden, um dem Vortrage des begeisterten Dichters über den Einfluß des Judenthums auf die deutsche Literatur zu lauschen. Was Prutz gesprochen, mit welcher Begeisterung derselbe das geknechtete Judenthum des Mittelalters und das neuauflebende Judenthum der Gegenwart schilderte, das kann ich unmöglich wiedergeben; aber wenige bedeutungsvolle Stellen will ich, wie sie mir im Gedächtniß geblieben, den geschätzten Lesern mittheilen. „Was Göthe und Schiller für die klassische Literatur gewesen sind, das find Börne und Heine für die Literatur der 3Oer Jahre, die Tonangeber, die Stammväter für die nachfolgende Zeit, beide gehörten dem Judenthume an, und obwohl sie das christliche Bekenntniß annahmen, so haben sie doch kein Hehl daraus gemacht, daß sie nur dazu durch äußere Gründe bestimmt worden sind. Wir sind also verpflichtet, sie als Juden zu betrachten, und sie sind nicht die einzigen Juden, die in neuester Zeit in hervorragender Weise gewirkt, sondern sie sind auch in dieser Beziehung nur die Stammväter eines zahlreichen Geschlechtes. Viele, ja die meisten hervorragenden Männer in Wissenschaft, Kunst und Poesie sind dem Judenthume entsprungen. Das ist von gewissen Namenchristen, welche I die Religion der Liebe nur zum Deckmantel ihrer Gehässigkeiten machen, beklagt worden, als ein Beweis für den sittlichen Verfall und die geistige Auflösung unseres Jahrhunderts und man hat, um diesen Antheil des Judenthums an unserer Literatur und Bildung zu erklären, hingewiesen auf die Rührigkeit und das industrielle Talent der Judm, auf ihr enges, einiges Zusammenhalten, ihre Erfolge seien nur ein Product der Coterie und Clique; ja, sogar aus der jüdischen Bosheit und Verstocktheit, die den Christen das Brot vom Munde weghaschen will, hat man diese Erfolge erklären wollen. Aber man muß tiefer graben in dm Kern unserer innigsten Entwicklung. Der Jude war feit dem Mittelalter der Paria, von allen lebenden Wesen das elendste. Deßhalb suchte sich der Jude eine Freistatt in der Wissenschaft, in Kunst und Bildung; der Getretene, Geächtete will selbst seine Menschenwürde beweisen, indem er Theil nimmt an der geistigen Arbeit des Jahrhunderts, und er, der selbst das Meiste gelitten, hat auch das tiefste Mitgefühl und das richtigste Verständniß für die allgemeinen Leiden der Zeit. Es war mithin eine geschichtliche Nothwendigkeit, daß im Beginne der 3Oer Jahre jüdische Männer die Herolde wurdm für die Kämpfe der Zeit."

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