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Der Israelit · 1868-04-22 · Heft 17 (22.4.1868) · page 13

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Journal
Der Israelit
Volume
9 (1868)
Issue
Heft 17 (22.4.1868)
Date
1868-04-22
Page
– (sequence 13)
Language
German
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301 noch mich. Die edle Frau war außer sich, einen so großen Geist, wie ihren Gatten, blödsinnig zu sehen. Sie versuchte umsonst, seinen Geist wieder zu erwecken; er blieb aber in seiner traurigen Lage bis an das Ende seines Lebens. In diesem verzweifelten Zustande meines armen Vaters kam unser Verwandter Juda Selkele Frankel, Sohn des Moses Fränkel aus Minden, nach Schwabach. Dieser edle Mann, der in Gemünd wohnte, brachte seinen jungen Sohn, Namens Mardechai Model, auf die Hochschule zu Fürth, als er die Entlassung seines ehrwürdigen Onkels aus dem Gefängniß erfuhr. Er eilte sofort nach Schwabach und überraschte uns mit seiner Gegenwart. Seine Thränen flössen aus Herzensfülle, als er den guten Vater sah, von dessen Verstand und Scharfsinn er so viel gehört hatte. Er überredete uns, mit ihm nach Gemünd zu ziehen, wo wir in seinem Hause alle Bequemlichkeit finden würden, die zur Pflege des Märtyrers nöthig und nützlich seien. „Mein Haus," sagte er, „stößt an einen großen Garten, von einem klaren Bache durchschlängelt, wo der Kranke sich täglich erholen kann." Wir reisten sogleich mit dem edlen Verwandten nach seinem Orte, nicht ohne zuerst der großmüthigen Gemeinde in Schwabach unfern innigsten Dank für Alles, was sie an dem geliebten Vater und Gatten und an uns gethan, abzustatten. In Gemünd fanden wir in der That Alles, was der Vetter uns gesagt hatte, und seine Güte verschaffte, was noch fehlte. Di« kräftigste und gesundeste Nahrung, die ältesten und besten Weine zierten täglich den Tisch meines Vaters. Ruhebette, Lehnstühle und Sessel aller Art schmückten das Zimmer des Kranken und den Garten, seinen Erholungsplatz. Ich mußte bald nach meiner Heimath im Elsaß zurückkehren; die gute Mutter aber blieb beim Vater, um ihn unter Leitung eines Arztes zu pflegen. Jeden Tag, wenn es der Vetter erlaubte, führte sie ihn in den Garten und setzte ihn an den Rand des silberhellen Baches. Aber weder das sanfte Rieseln des Baches, noch die harmonischen Gesänge der Vögel machten den geringsten Eindruck auf den Kranken. Er saß stumm und unbeweglich auf dem Lehnstuhle, bis ihn die Mutter wieder auf sein Zimmer führte. Dort ruhte er ebenfalls Tage lang, ohne ein Wort zu sprechen. Später wurde der arme Vater, ungeachtet der guten Pflege, mit jedem Tage schwächer, so daß er nicht mehr von seinem Lager aufstehen konnte. So verlebte der große Märtyrer seit seiner Entlassung auö dem Kerker drei Jahre, bis der Tod ihn im Jahre 1740 von all' seinen Leiden befreite. Er wurde feierlich in Gemünd begraben, und aus der ganzen Umgegend wohnten viele Fromme dem Leichenbegängniß bei. Nach seinem Tode öffnete man das Paquet seiner Schriften und fand außer einem Commentar der Psalmen ein Testament, die Mittheilungen des Magid's enthaltend. Beides brachte mir meine Mutter nach ihrer Zurückkunft mit. Früher erhielt ich schon zwei andere Werke von meinem seligen Vater, die er mir aus dem Gefängniß schickte. Außer diesen vier Schriften, die ich besitze, verfaßte er noch ein Werk über den Talmud und rabbinischen Gutachten, welche von der Regierung mit Beschlag belegt wurden. Noch fand ich von ihm, seinem Testament beigefügt, ein Gedicht über eine Vision im Kerker, einen Lobgesang an Gott, ein Lobgedicht an den Magid und mehrere heilige Gebete. Bei meinem Vetter Juda Selkele Fränkel sah ich eine autographische Handschrift meines seligen Vaters über die Leiden der Juden im Fürstenthum Anspach. Er hatte diese Schrift in den ersten Jahren seiner Landrabbinerschaft verfaßt und seinem Bruder Moses zum Andenken gegeben; von diesem kam sie in die Hände seines obengenannten Sohnes. Diese Schrift ist sehr wichtig, ich habe mir mehrere Auszüge daraus gemacht, die ich hier kurz mittheile. Die Geschichte der Juden in Deutschland ist mit Blut geschrieben. In keinem Lande der Welt wurden die Nachkommen Jakob's so schrecklich verfolgt als im heiligen (!) römischen Reiche. Hier allein wurden sie als Kammerknechte des Kaisers behandelt, der über sie nach Belieben walten und schalten konnte. Bald legte man ihnen alle möglichen Steuern auf, bald belastete man sie mit erdichteten Verbrechen, damit sie ihre Schätze als Lösungsgeld gäben, bald hob man ihre Ausstände aus, um einen Theil davon sich anzueignen, bald ließ man sie tootschlagen, um sich ihres ganzen Vermögens zu bemächtigen. Dieses schreckliche Bild, einem abscheulichen Zeitalter angehörig, gilt noch für unsere Tage im Fürstenthum von Anspach. Der Markgraf legte den armen Juden alle mögliche Lasten auf, die sie nur ertragen konnten: Kopfsteuer, Nachsteuer, Schutzgeld, Neujahrsgeld, Pferdegeld, Gänsegeld, Federngeld, Leibzoll, Todtenzoll u. s. w. Mit diesen vielen Abgaben noch nicht zufrieden, wurden von Zeit zu Zeit polizeiliche Untersuchungen angeordnet, die immer mit großen Strafgeldern endigten. Diese Untersuchungen, die bald über hebräische Gebetbücher, bald über hintertriebene Judentaufe und bald über jüdische Forderungen stattfanden, wurden mit der größten Strenge vollzogen, obgleich Jedermann wußte, daß es sich nur um Gelderpressung handelte. Daher wurden auch nie einzelne Personen, bei denen man die hebräischen Gebetbücher fand, oder solche Personen, die eine Judentaufe verhindert haben, bestraft, sondern die ganze Judenschaft. Ja, man verbarg so wenig die Absicht der Regierung, daß bei

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