Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 9 (1868)
- Issue
- Heft 17 (22.4.1868)
- Date
- 1868-04-22
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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293 Männer, die vermöge ihrer Bildung und ihres Standes eine solche hervorragende Stellung in der menschlichen Gesellschaft einnehmen, die sich rühmen, durch Humanität und Sittlichkeitsgefühl allein schon ihrem religiösen Bedürsniß genügen, und daher jede Intoleranz bei Andersdenkenden verpönen, und diese namentlich den Orthodoxen zum Vorwurfe machen, sich so weit vergessen können, eine beispiellose Härte gegen fromme und zum größten Theil im Gottesdienste und in der Gotteslehre ergraute Männer zu begehen und ihnen eine ReinigungS- und HeiligungSquelle, deren sie sich sowohl im Sommer wie im Winter, sogar bei der strengsten Kälte seit ihrer frühesten Jugend zu bedienen gewöhnt sind, zu verschließen, so daß am versiossenen s"y gegen zwölf Personen, um der talmudischen Pflicht (Rosch Hasch. 16 b.) ntf dik ^"i3 loay zu genügen, sich veranlaßt sahen, nach dem 11/2 Meilen von hier gelegenen Städtchen Schwersenz zu fahren, um das dortige rituelle Bad zu gebrauchen. Wenn wir demnach solche Vorgänge und Bestrebungen in unserer Gemeinde zu beklagen haben, so muß unser Verlust, den wir in dem plötzlichen Dahinscheiden unseres Seelenhirten beweinen, um so wuchtiger in die Waagschale fallen, je weniger nun die Aussicht vorhanden ist, einen, wenn auch nur annähernden Ersatz fitr ihn zu finden, auf den das orthodoxe Judentbum mit Sicherheit und Zuversicht als aus seine feste Stütze in Zeiten solches unliebsamen und unheilsvollen Gebahrens aufblicken kann. Wenn auch gegen solches kühne und rücksichtslose Vorgehen von Seiten der Neologen dem seligen Rabbiner scheinbar alle äußere Macht und Autorität genommen war, so hätte er doch im Stillen durch sein kluges Verfahren und sein besonnenes Verhalten die Gemüther der Gemeinde beschwichtigt, und den alten Frieden, ohne Einbuße unserer bedrohten Sitten und Gebräuche, wieder herzustellen sich beflissen. Doch was ist wohl jetzt zu erwarten? Wer wird in unsern Tagen ein p-iDU *iöiy sein? D’DBQa' ins« b]i Nb« \ywrö! Darum ist der Schmerz über den Seligdahingeschiedenen ein so großer und nachhaltiger, weil er, den betrübenden Auspicien nach, in der Gegenwart von so großer Tragweite ist, die unsere bis jetzt durch Gottesgelahrtheit und Frömmigkeit sich rühmlich auSzeichnende Gemeinde zu einer solchen degradirt zu werden befürchten läßt, zu welcher Halbheit, Materialismus, Neuerungssucht und Unkenntniß des Judenthums so manche dxi -py fast zu einer nrrun -py erniedrigt haben. Posen's Judenschaft hat daher ablegen müssen ihr freudiges Festgewand und auf jedem Antlitze lagerten sich Wolken der Betrübniß. Diese große Ergriffenheit und tief eindringende Erschütterung zeigte sich besonders an der allgeimeinen Betheiligung bei der am Sonntag darauf erfolgten Beerdigung des Verblichenen, bei welcher an seiner Bahre auf dem Friedhofe zwei Redner, und zwar der Nestor der jüdischen Beredtsamkeit, Herr S. Pleßner, und der Rabbiner der Brüdergemeinde, Herr Dr. Perles, zu sprechen berufen waren. Doch erbat sich der Schwiegersohn des Verewigten, der Rabbiner Dr. Landsberg, als dessen einziger männlicher Leidtragender die Erlaubniß der Priorität aus, um, seiner Kindespflicht zu genügen, zuerst einige Schmerzensworte sprechen zu dürfen, was derselbe auch in würdiger Weise vollkommen gethan, indem er Vielen von den Tausenden Versammelten so manche Thräne entlockt hat, zumal er so treffend den Vers anwandte: -pmca dy dx-,2" *asn, „Du Glanz Israel, Du bist auf Deiner Anhöhe (Kanzel) gefallen!" Darauf hielt Herr Pleßner eine ergreifende Rede, die ihre Stützpunkte aus dem Wochenabschnitte und dem plötzlichen, mitten in ihrem Gotteseifer ereiltem Tode der beiden Söhne Ahrons in der Stiftshütte, gleichfalls an einem heiligen Tage, wie ferner aus der Haphthora in dem unvermutheten Todesfall des Ufa bei der Bundeslade herholte, wo der tieferschütterte greise Redner den bei der letzten Erscheinung gebrauchten Vers *0,,, Ninn Di’3 'n nx -?n mit allem Feuer der Beredtsamkeit erörterte, ihn dahin deutend, daß, obwohl David Gott schon früher gefürchtet habe, gerade solche ungewöhnliche Momente geeignet sind, die Ehrfurcht vor Gott ganz vorzüglich wachzurufen, und mahnte daher, nachdem des Heimgegangenen Seelengröße und Characterzüge in allen Umrissen den entsprechendsten Ausdruck fanden, die Gemeinde zur Buße und Besserung, und namentlich zur Erhaltung des Friedens. Zuletzt hielt noch Herr Dr. Perles eine kurze, schwungvolle Rede, die bei der Schilderung der seltenen geistigen Begabung des Verewigten und seiner großen Tugenden besonders die hervorzuheben sich bemühte, daß er, obwohl wurzelnd in einer Zeit der alten Richtung, doch auch den Bestrebungen des modernen Judenthums (?) Rechnung zu tragen sich beflissen habe. — d. Aus Provinz Posen. In der höheren Töchterschule zu Krotoschin erhalten die Schülerinnen durch den Ortsrabbiner Dr. Joel regelmäßigen Religionsunterricht; die Commune bezahlt dafür. Daß dieser für jüdische Mädchen höchst wichtige Unterricht an der Anstalt ertheilt wird, ist der Mühe und der Ausdauer besonders der jüdischen Stadtverordneten zu danken. Am Gymnasium zu Lissa wird vom neuen Schulsemester ab der Rabbiner 1 >r. Back den jüdischen Schülern Religionsunterricht ertheilen und zwar in der Räumen der Anstalt. Es wird dies durch das energische Bemühen der dortigen Gemeinde geschehen. Schon die Zulassung eines regelmäßigen jüd. Religions-Unterrichts am Gymnasium wird allseitig als ein Entgegenkommen der Regierung begrüßt werden. Wünschenswerth wäre es, daß die Regierung die Kosten für diesen Religionsunterricht zahlte, wie sie dies für auch noch so wenige Schüler katholischer