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Der Israelit · 1868-04-01 · Heft 14-15 (1.4.1868) · page 13

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Journal
Der Israelit
Volume
9 (1868)
Issue
Heft 14-15 (1.4.1868)
Date
1868-04-01
Page
– (sequence 13)
Language
German
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245 Feuilleton. Der Gefangene. Eine wahre Geschichte, von dem Helden derselben selbst ausgezeichnet. Mitgetheilt von E. (Jarmoly. (Fortsetzung.) „Lieber Mann," sprach mein gutes Weib, „sei nicht verzagt, sondern beruhige Dich. Geschehene Dinge können durch alles Trauern und Klagen nicht ungeschehen gemacht werden." „Es ist ein harter, sehr harter Schlag für uns!" versetzte ich, „wir haben Schulden, große Schulden; mit was kann ich die vielen Tausend Gulden meines Bruders, für die ich Bürgschaft leistete, bezahlen? Und mein armer Moscs, was soll aus ihm werden!" „Gott weiß, was Er thut," erwiederte Klara. „Darum soll der Mensch nicht klcinmüthig werden und verzweifeln, wenn ihn Ung'ück und Leiden treffen. Sie währen ja nicht ewig. Sieh, lieber Hirsch! wie schön die Sonne dasteht, und die Erde wieder erhellt und erfreut! Wie düster und schauerlich war noch vor einiger Z it der Himmel und wie klar und heiter ist er jetzt! Wäre der nicht ein Thor, der gleich verzagte, wenn die Sonne sich einmal hinter düsterem Gewölle verbirgt? Er warte es nur geduldig ab, sie wird bald wieder hervortreten in ihrer Pracht uud von Neuem Licht und Freude um sich verbreiten. Und so verzage auch der Mensch nicht, wenn ihm bisweilen etwas Widriges begegnet und fein Leben sich in dunkle Nacht zu hüllen anfängt; es wird wieder Tag für ihn werden und seine Glückssonne wird ihm früher oder später wieder scheinen." Diese Worte der edlen Gattin machten einen tiefen Eindruck auf mein Herz. Ich blickte nach der Sonne hin; sie schien mich tröstend und ermunternd anzulächeln und mir gleichsam zuzurufen: Verzweifle und verzage nicht! Meine Seele wurde heiterer und ich nahm mir vor, bei allem Unangenehmen, das mir von nun an begegnen sollte, immer an die Sonne zu denken und mich daran zu erinnern, daß, sowie sie nicht ewig von finsterem Gewölke verhüllt bleibe, so auch das menschliche Leben nicht immer traurig und unglücklich sei, sondern oft genug durch manche Freuden erhellt und erheitert werde. Mein Bruder Moses suchte mir die Last meiner Bürgschaft einigermaßen zu erleichtern, indem er mir einen Brief von einem Freunde au8 Minden zeigte, welcher ihn zum Theilhaber an seinem Geschäfte wünschte. „Da sein Geschäft sehr einträglich ist." bemerkte er, „so werde ich in wenigen Jahren die Schuld, für die Du Bürgschaft leistetest, abzahlen können. Sprich mit meinen Gläubigern; sie werden so lange Geduld haben, da ich doch nicht schuld an dem Brande war." Die Gläubiger, die vielen Antheil an dem Unglück nahmen, bewilligten mir gleich die verlangte Frist zur Zahlung, und mein Bruder reiste bald nach Minden, ^r hatte sich nicht getäuscht; das Geschäft, an dem er Theil nahm, war wirklich ein gutes Geschäft, das er durch seinen Fleiß und seine Tätigkeit bald noch mehr in Flor brachte. Moses Fränkel konnte nicht nur seine Gläubiger in Schwabach zur bestimmten Zeit bis auf den Heller befriedigen, sondern erwarb sich auch ein bedeutendes Vermögen und einen guten Ruf als gewandter und ehrlicher Kaufmann. Die ganze Gemeinde in Minden ehrte und achtete ihn; er wurde ihr Vorsteher. Doch die glücklichsten Jahre meines Lebens waren jetzt vorüber, und es stellten sich mehr als bisher mancherlei Leiden bei uns ein. Ich will sie nicht herzählen. Aber das Schwerste unter ihnen bestand darin, daß so manche Menschen, die sich Israeliten nannten, mich auf eine empfindliche Weise kränkten, mich verleumdeten und dadurch meiner Ehre und Würde nicht wenig schadeten. Einmal war ich hinter die Schliche und Ränke zweier Männer, der Gebrüder Model aus Anspach gekommen, die meine Rechtschaffenheit verdächtig zu machen suchten. Diese Erfahrung schmerzte mich tief, und nie war meine Gemüthsstimmuug feindseliger als diesmal. Es stand mir als Ge^etzlehrer, als Landrabbiner frei, die Verleumder in den Bann zu legen und sie aus dem Verband der Israeliten zu stoßen, und ich wollte dieses wirklich thun. Schon machtich die Einleitungen dazu. Da legte sich mein gutes Weib in's Mittel. „Sei nicht rachsüchtig, mein lieber Rabbi!" sprach sie in mildem Tone, „sondern verzeihe Deinen Feinden." „Es sind schlechte Leute!" erwiederte ich heftig. „Sie haben Böses gethan; sie mögen dafür büßen." „Lieber Mann, blicke doch nach der Sonne hin." „Was willst Du damit sagen? Was willst Du wieder mit der Sonne? Hierher paßt sie nicht!" „Wohl paßt sie sehr gut hierher. Siehe sie nur an. Sie ist so hold und anmuthsvoll! Nur der Gute verdient, daß sie ihn so freundlich anlächele, aber leuchtet sie wohl nur dem Rechtschaffenen? Scheint sie nicht auch dem Bösen? Und hat sie nicht Gott erschaffen? Und läßt Er sie nicht aufgehen über Gerechte und Ungerechte? Was soll das bedeuten? Doch wohl nichts Anderes, als daß Gott will, der Mensch möge handeln wie er, und auch gegen seine Feinde Liebe üben und ihnen Gutes thun." Die Worte der rechtschaffenen Frau sielen nur auf's Herz. Die Gefühle der Rachsucht verschwanden Es meiner Seele. Ich reichte Klara die Hand und sprach: „Du hast Recht; durch die Sonne, die da aufgeht über Gerechte und Ungerechte, will uns Gott einen väterlichen Wink geben, daß wir unfern Widersachern verzeihen und Böses mit Gutem vergelten sollen."

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