Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 9 (1868)
- Issue
- Heft 13 (25.3.1868)
- Date
- 1868-03-25
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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226 Schriftstellerthum. Dafür muß natürlich das ganze jüd. Volk zur Verantwortung gezogen werden, während das überwiegend Gute, welches Juden geleistet und leisten, ignorirt bleibt. „Im Uebrigen, geehrter Herr H. I.," antwortet er dem Verfasser der erwähnten zweiten Entgegnung von jüd. Seite, „scheint unsere große Streitfrage wieder einmal zu beweisen, daß Ihr Judenthum allezeit bereit ist, sein schlagfertiges Cont'.ngent zu stellen, sobald es gilt, bestehende Einrichtungen des in christl. und deutscher Bildung erwachsenen Staatsgebäudes zu erschüttern oder neuzubegründende zu recensiren, während dasselbe für sich selbst, ähnlich der katholischen Kirche oder dem Königthume von Gottes Gnaden, die höhere Weihe der Unfehlbarkeit in Anspruch nimmt. Kein Theil unserer Bevölkerung hat in Prosa und Versen mit seiner ätzenden Unermüdlichkeit destructiver gewirkt, als die Sprößlinge des unter uns verstreuten Semitischen Stammes; — es genügt, an Heine und Offenbach, an die Berliner Poffe, an „Kladderadatsch" und „Wespen" zu erinnern." Wir fragen dagegen: Wird durch die einmalige Schulversäumniß in der Woche eines kleinen Theils der Schüler der Bestand der Volksschule in Frage gestellt? Und ist es wohl dem Streben, das Staatsgebäude zu erschüttern, zuzuschreiben, daß hier vor wenigen Tagen von jeder der beiden politischen Parteien ein Jude als alleiniger Candidat zum norddeutschen Reichstag aufgestellt ward? In derselben Nummer der „Hamburger Nachr." schwingt noch ein Zweiter, von Kampfbegierde entbrannt, seine Lanze, vergeblich gegen den Dispens, der, wie wir s. Z. berichteten, von der Oberschulbehörde ausgesprochen wurde, ohne Anregung von Seiten der Juden, und erst dann von diesen der Bürgerschaft zur Annahme empfohlen ward. Er beginnt, daß selbst die Befreiung der jüd. Kinder vom Schreiben am Sabbat eine „überschü'sige Liberalität" wäre, aber bei geistiger Theilnahme am Unterricht, die Händchen in den Schooß zu legen" verbiete ihnen ihre Religion durchaus nicht. „Wem fällt es ein," fährt er fort, „für den mosaischen Kriegsmann am Sabbat Befreiung vom Exercieren, vom Manöver, vom Wachtdienft, vom Casernenfegen zu fordern?" — Fiel schon Manchem ein, und er erwirkte die Befreiung. — „Ohnehin aber dürfte der israel. Andrang zu unserer neuen Volksschule schwerlich ein so großer werden, wie man nach dem wiederholten Ruf nach Sabbatdispens vermuthen sollte." — Darum hat sich aber die Gesetzgebung nicht zu kümmern. — Dann wehklagte der Essender über die Liberalen unter den Gesetzgebern, vaß Ü.v, die sonst im öffentlichen, oder im Privatleben über jede zuzchtlfte Bedenklichkeit hinaus seien, weich und zartfühlend *»qrven, sobald die enfants chöris ber modernen Civilq^on ins Gedränge gerathen, und schließt: „Doch gibt es für den schärfer Sehenden (hier ist hinzuzufügen: durch die graugefärbten Glaser des Neides) auch eine einfachere, weniger sentimentale Lösung des Räthsels. Die Hamburger Judenschaft ist ein erregbares, rühriges Völkchen; sie stellt ihre lauten und dreisten Wortführer in den Wahlversammlungen, hat durch einen mächtigen Einflußin der Localpreffe, über wenigstens Tausend Stimmen in der Wahlurne zu verfügen. (Wenigstens über das Doppelte, mein Bester!) Hinc illae lacrimae, haec illa cst misericordia! Um so besser, wenn das gemeine Parteiintereffe sich hinter der schimmernden Firma edler Toleranz verstecken darf. Wie aber kann man aus dem Corso der Politik den Heiden spielen, wenn man sich gleichzeitig in den Ghetto des religiösen Vorurtheils einsperrt?" — Nicht wahr? Auf dem Corso der Politik den Helden spielen! Sie wiffen am besten, Verehrtester, wo Sie der Schuh drückt. Darum dies Lamentiren! Und doch konnte Ihr scharf sehender Artikel, der am 3. März vor den Wählern in seinem vollen Glanze strahlte, nicht verhindern, daß an diesem Tage der Jude M. W. Hinrichsen, besten am Sabbat geschlostenes Geschäft von seiner strengen Feier dieses Tages zeugt, fast einstimmig aus der Wahlurne als Abgeordneter zum norddeutschen Reichstag hervorging! Wir räumen Ihnen ein, daß dies gar nicht sentimental ist. Hinc illae lacrimae l rufen wir auch Ihnen zu. Für die hiesigen Juden sind solche fanatische Ausfälle keineswegs erquicklich; wenn auch obige Jnvectiven ihren ausgesprochenen Zweck nicht erreichen sollten, so sind sie doch geeignet den erstrebten zu erzielen, nämlich eine judenfeindliche Erregung bei einer Klaffe des Volkes yervorzurusen. Daß der größte Theil der hiesigen Bevölkerung diesen Judenhaß nicht theilt, beweisen die während der kurzen Zeit der völligen Gleichstellung der Juden stattgehabten Wahlen. Es berathen mehrere Juden in der Bürgerschaft, zum constituirenden Reichstag wurde ein Jude, wenn auch nur dem Namen nach, der Lehrer Dr. Ree und vor einigen Tagen bei einer Nachwahl zum Reichstag der Kaufmann M. W. Hinrichsen gewählt. — Bemerkenswerth ist, daß auch die Gegenpartei, die demokratische, einen streng orthodoxen Juden als ihren Candidaten aufstellte , einen Vorsteher der jüdischen Gemeinde, den Advokaten Dr. Levy, welcher jedoch seine Candidatml wieder zurückzog, und so der Candidat der Freihafen-, Partei, Hinrichsen, fast sämmtliche abgegebene Stim-! men erhielt. — Ein erfreuliches Zeichen von der Ge-I sinnung der hiesigen Bevölkerung und von der Tüch-I tigkeit und Ehrenhaftigkeit jener Herren. I Solche Facta widerlegen j?ne schmählichen An-I griffe wohl am besten; dennoch gelingt es, wie di» Erfahrung lehrt, sehr leicht, den weniger Einsichtiger»