Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 9 (1868)
- Issue
- Heft 13 (25.3.1868)
- Date
- 1868-03-25
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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224 „Was willst du eigentlich aus dem Kinde machen?" fragte ich oftmals meinen Freund. „Es lernt zu viel, um dermaleinst eine gute Hausfrau zu werden!" — Er lachte dann und sagte: „Laß meine Elvire rrur ungehindert sich entwickeln! Du wirst noch Freude <m ihr erleben." Ach, er sollte nur zu bitter enttäuscht werden! Es war in den vierziger Zähren, als ein junger Advocat in der kleinen Residenz sich niederließ, der bald die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich zog. vr. Wetting war ein sehr tüchtiger Nechtsgelehrter von durch und durch liberaler Denkweise. Bald erwarb er sich große Praxis, denn er führte die Processe mit vielem Geschick; auch nahm er sich der Armen an und verschaffte ihnen unentgeltlich das sonst so theure Recht. Mit Juden verkehrte Wetting sehr gern, und als er in die zweite Kammer gewählt wurde, ward er der eifrigste Verfechter der Emancipation, die damals erst erkämpft werden mußte. Im Hause meines Freundes Metz war Wetting ein häufig und gern gesehener Gast; er hatte für den reichen Banquier einige wichtige Processe geführt und gewonnen; er war bei dieser Gelegenheit einigemal zur Tafel geladen worden, hatte diese so liebenswürdige Familie liebgewonnen und verkehrte seitdem fast täglich im Hause derselben. Elvire war damals noch ein Kind — sie zählte erst fünfzehn Jahre — und arglos ließen die Eltern sie viel mit dem Doctor verkehren. Dieser, der die schönsten geselligen Talente mit einer gediegenen Bildung verband, spielte mit Elviren vierhändig Clavier oder ließ sich von ihr begleiten , wenn er die damals so beliebten Volkslieder mit seiner wohlklingenden Tenorstimme sang; erbrachte ihr die neuesten Bücher; Geibels Gedichte, die zu jener Zeit so großartiges Furore machten, empfing sie aus seiner Hand; Herwegh, dessen politische Gedichte verboten waren, lernte sie durch ihn kennen. Unterdeß ward Elvire älter, und die Eltern singen doch an, den Umgang ihrer Tochter mit dem vr. Wetting schärfer ins Auge zu fassen: ich rieth meinem Freunde, sein Kind auf einige Zeit fortzuschicken; Adolph folgte meinem Rathe und brachte seine Töch- 1er nach einer ziemlich entfernten, größeren Stadt zu Verwandten. vr. Wetting schien die Entfernung Elvirenö kaum zu bemerken, und mein Freund athmete frei ans. Große Dinge bereiteten sich unterdessen auf Er-! den vor. Ein frischer Luftzug zog durch ganz Europa, j Die Sonderbundstreitigkeiten in der Schweiz, das l Ringen nach einer Verfassung in Neapel, die Vermählung der spanischen Königin und ihrer Schwester, wodurch anscheinend die spanische Erbfolge einem Sohne Louis Philipp's zugeführt werden sollte, und noch viele andere Dinge hielten Europa in Atbem. Auch in den k'einen deutschen Parlamenten wurde kräftig um die Freiheit gerungen, während das große Preußen in dem „vereinigten Landtage" einen Vorgeschmack von constitutioneller Verfassung bekam, in Oesterreich dagegM^ Fürst Metternich nach wie vor unumschränkt herrschtet Da wurde der Ruf nach politischer Reform in Paris , laut, und in Deutschland tönte die Rede Mittermaier's, der in der badischen Kammer dem Sehnen des deutschen Volkes nach Freiheit und Einheit und dem Verlangen desselben nach einem allgemeinen deutschen Parlamente Ausdruck verliehen hatte, von einem Ende des großen Vaterlandes bis zum andern wieder. Der Zündstoff lag thurmhoch aufgespeichcrt in Europa — ein Funke, und eine gewaltige Explosion mußte erfolgen. Der Funke siel mitten in den Zündstoff, und Europa explodirte. Zn den letzten Februartagen des Zahres 1848 mußte Louis Philipp dem Throne entsagen; in Frankreich wurde das Königthum abgeschafft und die Republik erklärt. Dann zog die Revolution wie ein Lauffeuer durch ganz Deutschland; Fürst Metternich mußte aus Wien entfliehen, Friedrich Wilhelm IV. beugte sich vor den Berliner Barrikadenhelden, in Frankfurt a. M. fand sich ein Vorparlament zusammen , um das erste deutsche Parlament zu berufen. Zede kleine deutsche Residenz hatte damals ihre Revolution; die alten Bureaukrateu verschwanden vom Schauplatze, und die Lieblinge des Volkes traten an die Spitze der Regierungen. Auch in dem kleinen Lande, in welchem unsere Geschichte sich ereignet hat, vollzog sich die zur Mode gewordene Revolution; der Fürst entließ seine ergrauten , vornehmen Diener; ein liberales Ministerium wurde berufen, in daö auch Wetting als Zustizminister eintrat. Um diese Zeit kehrte Elvira in das Vaterhaus zurück. Sie war zur unendlichen Freude ihrer Eltern zu einer lieblichen Zungfrau herangewachsen. Mit ihr zog der Frohsinn wieder in das Haus des Banquiers ein, dem die unruhigen Zeiten, die Entwerthung der Papiere, die Gefährdung des Eigenthums, die kriegerischen Aussichten viel Sorge und Kummer bereitet hatten. Wetting schien in seiner neuen Stellung die alten Freunde vergessen zu haben; die vielen AmtSgeschäste nahmen seine Zeit auch gar zu sehr in Anspruch. _(Forts, folgt.)_ Hierzu eine Beilage. Die Spendenliste ist nicht fertig geworden und erscheint deßhalb zur nächsten Nummer. Verantwortliche Redaction: vr. Lehmann. — Verlag der Le Roux'schen Hofbuchhandlung. — Dampf * Schnellpressendruck von I. Gottsleben in Mainz.