Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 9 (1868)
- Issue
- Heft 12 (18.3.1868)
- Date
- 1868-03-18
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2446951-2447343-2447355--05958-2461491- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Möge der Segen jenes Mannes von Gott ein reicher, die Nachahmung eines edlen Beispieles in unserer Gemeinde eine vielfache, den heiligen Gegenstand wirksam fördernde sein!" © Aus Oberungarn. Wir beginnen heute unfern Bericht mit der Hauptstadt Oberungarns, mit Kaschau, und betrachten uns da die jüdischen Verhältnisse. Hier durfte vor einem halben Jahrhundert noch kein Jude im Weichbilde der Stadt übernachten, geschweige wohnen; heute zählt die Gemeinde gegen 400 Familien und ist im fortwährenden Zunehmen. Daß eine so junge Gemeinde aus heterogenen Elementen zusammengesetzt ist, versteht sich von selbst, um so größer ist das Verdienst des würdigen Herrn Joseph Adler, der der Constituirung der Gemeinde Zeit und Geld opferte, und unter seiner langjährigen Vorstcherschaft Alles anwendete, um die Gemeinde zu heben und deren Wohl zu fördern. So kaufte H. Adler vor Jahren den Grund an, auf welchem die jetzige prachtvolle Synagoge steht, aus eigenen Mitteln, um einen äußerst billigen Preis, und ließ in langen Raten die Rückzahlung sich zukommen; er war's, der aus eigenen Mitteln einen Leichenwagen der Gemeinde anschaffte und zu allem Gemeinnützlichcn scin Schärfletn beitrug; er endlich war's, der eine zweiclassige isracl. Schule in^s Leben rief, die aus nicht verstandenem Interesse nach kurzem Bestände sich wieder ausiöste. Hat nun der folgende Vorstand durch den Bau der Synagoge, der vor einem Jahre vollendet wurde, ein bleibendes Heiligthum bjjd tcnpo hergestellt, so hat die innere Einrichtung dieses Gotteshauses, die nco oben, eine Spaltung in der Gemeinde herbeigeführt. H. Hirsch, Rabbiner zu Ofen, der als königlicher Commissär zur Untersuchung hier war, hat sein Gutachten beim Ministerium abgegeben, und dieses hat entschieden, daß den Orthodoxen ein eigenes Bettocal rv3 eingeräumt werde. Wir hätten einen Ausgleich auf friedlichem Wege durch daS Stellen des Almemors in die Mitte lieber gesehen als Zank und Hader. — Der jetzige Vorstand, an dessen Spitze Herr Vr. Kain, geht jetzt mit Eifer daran, eine 4classige Schule in's Leben zu rufen, und sind von der Regierung st. 800 ö. W. jährlich aus dem Schulfond als Beitrag zugesagt. Auch ein tüchtiger Rabbiner soll binnen Kurzem für die Gemeinde gewonnen werden, und das thut sehr noth; denn der Indifferentismus und die Verwahrlosung der religiösen Erziehung haben hier ihren Höhepunkt erreicht. Die Verlegung des Wochenmarktes von auf einen andern Tag wäre, um dem naty zu steuern, sehr wünschenswerth, und ein gediegener Religionsunterricht oberstes Gebot. Dies aber kann nur durch einen tüchtigen, gottesfürchtigen Rabbiner bewerkstelligt werden, der durch Lehre und Beispiel vorleuchtet. Kann man doch dm Kaschauer Israeliten den Sinn für das Beffere nicht absprechen. Wurde doch unter wmiger als einem Jahre eine prachtvolle Synagoge ohne Beihilfe von Außen und ohne geringste Besteuerung der Unvermögenden hergestellt, von Einzelnen sogar noch besondere Spenden gemacht, z. B. von H. Adler 4 prächtige Wandluster, von H. Grünwald ein N'vri *u von H. Barkan eine min u. s. w. Die Opferwilligkeit überbot sich, und trägt ein gewandter Redner das Wort Gottes vor, so ist die Synagoge von Männern und Frauen überfüllt. Dies zu bemerken hatten wir schon öfter bei unserer Anwesenheit in Kaschau Gelegenheit, besonders aber zeigte sich dies am 30. Januar, wo die Emancipationsfeier stattfand, und die Synagoge in allen Räumen v^llgepropft war. Auch viele christliche Besucher gabs da. Da waren: die Generalität mit dem Osfiziercorps, die Spitzen der Komitats-und Staatsbehörden — Letztere wurden hart getadelt, daß sie nicht gleich den Erster» in Galla erschienen — die Akademie, die Geistlichkeit aller Confessionen, das Obergymnasium, die Oberrealschule, die Gewerbe- und Handelskammer u. s. w. Es war denn auch der Gottesdienst ein sehr erhebender. Nachmittags wurden reichliche Spenden an das Elisabetinum, den Honvedfonds und die Armen aller Confessionen — darunter 324 christliche — verabreicht. England. London. Es ist kaum glaublich, daß in unserm Zeitalter und besonders in dem aufgeklärten England noch eine solche Handlung der Intoleranz begangen werden kann, wie diejenige, die in South Shields vorkam. Ein Jude wurde gegen sein Gewissen und trotz aller seiner Vorstellungen, die erwachte, gezwungen, seinen Namen am Sabbate zu unterzeichnen. In den englischen Colonien ist man in ähnlichen Fällen viel toleranter, als in England; jüngst wurde bei einem Gerichte in Australien beschlossen, daß das gerichtliche Verhör von Samstag auf den folgenden Montag verschoben werde, weil ein Jude bei den Parteien war. Folgendes ist der Bericht aus einem Blatte in South Shields: „Samstag Morgms ereignete sich eine intereffante Handlung auf dem Polizei-Gerichte in South Shields. Herr I. Jackson, ein Jude, war vorgeladen, Zeugniß abzulegen über einen Matrosen, dem er eine Uhr verkauft hatte, und als die Rechtssache vorüber war, wurde er ersucht, seinen Namen zu unterschreiben. Herr Jackson: Aber heute kann ich es nicht thun. Heute haben wir Sabbat. Der Gerichtsschreiber: Sie müffen aber schreiben, Herr Jackson. I.: Heute aber darf ich nicht. Ich will es morgen thun. Es wird kein Unterschied sein. Der Gerichtsschreiber: Nein, das geht nicht. Sie haben Ihr Zeugniß abgegeben. Was ist denn für ein Unterschied zwischen dem Hierherkommen und dem Unterzeichnen Ihres Namens?