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Der Israelit · 1868-03-11 · Heft 11 (11.3.1868) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
9 (1868)
Issue
Heft 11 (11.3.1868)
Date
1868-03-11
Page
– (sequence 4)
Language
German
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180 Ich wende mich besonders bittend an die deutschen Juden, welche an der Wiege des philosophirenden Verneinens sich gestählt haben gegen die hereintobende falsche Aufklärung. Ihr, opfervolle und treusinnige Brüder, ihr möget Euer Augenmerk richten auf jenes Land, dessen Bewohner den hereinbrechenden Fluchen der Gedankenumwälzung keinen Damm zu setzen verstehen: Lehrt sie diese Fluchen bewältigen, helfet ihnen, dem reißenden Strome ein bescheidenes Bett zu graben. Lasset Euch nicht täuschen und zeihet mich nicht der Uebertreibung. Geht hin nach den großen Uferstädten, befragt dort die Rabbinen, wie es steht um unsre Emunah; sie werden ihre eigne Schwäche nicht verhehlen. Gehet nach Smyrna oder Salonichi, kaum daß noch zehn junge Leute wirklich Thora studiren. Viele Kinder lernen dort nicht einmal lesen II Diese Zustände wären weniger betrübend, stünden wir eben nicht an der Schwelle neuer Bedürfnisie, neuer Verhältnisie, die mehr denn je kräftige, in der heiligen Lehre gestärkte Männer nöthig haben. Ihr habt schon die Beispiele. — So steht es mit dem Unterrichte der Knaben, welche überall, wo christliche Schulen sind, gar bald ganz von dem jüdischen Unterrichte abgewendet werden. — Was lernen die Mädchen? Nichts, gar Nichts, wie ich schon berichtet habe, nicht einmal schema Jisrael. Von Tag zu Tag mehren sich die christlichen Schulen im Oriente; alle verfolgen einen speciell religiösen Zweck, woran sie keine Concurrenz hindert. Bis vor einigen Jahren ließ man die jüdischen Töchter zu Hause, man verheirathete sie zu 10 oder 11 Jahren. Da kam der Krimmkrieg und mit ihm eine radicale Umwälzung in der türkischen Regierungsform. Toleranz trat an die Stelle des Fanatismus. Es versieht sich von selbst, daß unsre Brüder in materieller Beziehung nur gewinnen konnten. Mit dieser Epoche beginnt ein neues Leben, eine neue Aera für das türkische Jutenthum.- In Ermanglung jüdisch - europäischer Schulen schickt man die Kinder in christliche, in denen sie gezwungen werden, nicht allein an dem Religionsunterrichte theilzunehmen, sondern auch an den Religionsübungen!! Man vertraut leichter die Mädchen an bigotte Lehrerinnen in dem Wahne, sie hätten ja doch keine Thora zu vergessen! Bedarf es meiner schwachen Feder, um ein System zu verdammen, welches am geeignetesten ist, in dem zarten Mädchenherzen einen bleibenderen nachtheiligeren Eindruck zu hinterlasien, als in dem doch etwas weniger sentimalen Knabensinn! Der Knabe hat doch einiges Bewußtsein von seinem jüdischen Berufe, von seinen Pflichten, er kann wenigstens vergleichen und erkennen. Aber das in der Unwisienheit erzogene Mädchen, welches kaum einen Begriff hat von der Thora, daS mit keiner der heiligen Grundlagen unsres Gottesgesetzes vertrgut ist, wie wird es gegen den christlichen Einfluß kämpfen? — Getäuscht sind jene in Europa, welche meinen, die türkischen Israeliten seien geistig kräftig genug, um derartigen Mißständen abzuhelfen. Nichts geschieht, nichts geschah und nichts wird gegen dieselben geschehen, wenn unsre europäischen Brüder nicht die Initiative ergreifen und nach dem Beispiele christlicher Gesellschaften, gute jüdische Schulen gründen, in denen neben Thora auch weltliches Wiffen gelehrt wird. Ich hatte vor langer Zeit im Sinne, den eben besprochenen Gegenstand in diesen Blättern zu behandeln. Was hat mich bis heute davon abgehalten? Nichts anderes als die Furcht, den Unwillen mancher unsrer Gesinnungsgenossen zu erregen, die in ihrem eifervollen Streben für wahres gesetztreues Judenthum ihre Besorgniffe zu weit treiben. Sorgen und nichts thun, um das Gefürchtete zu verhindern; scheint mir von geringem Nutzen für die heilige Sache unsres Glaubens. Auch die Rabbinen der Türkei sorgten und bangten, als man ihnen Lehrer schickte, welche die gesetzlichen Vorschriften nicht beobachteten. Was thaten sie? sie belegten mit Cherem denjenigen, welcher feine Kinder in eine jüdisch-französische Schule schicke. Bester hätten sie gethan, sich nach Europa zu wenden und dort sich über das Betragen des Lehrers zu beklagen und einen andern Anstaltsoorsteher zu verlangen. Denn wenn der Cherem bestehen durfte für die jüdische Schule, so wurden die Rabbinen verschiedener Städte bald gezwungen, den Cherem aufzuheben, womit sie die Eltern bedroht hatten, welche ihre Kinder den englischen Schulen anvertrauen würden. Die englischen Consuln befehlen hier zu Lande. — Seit den berüchtigten Vorgängen in Constantinopel hat sich gar Vieles geändert. Vor drei Jahren eröffnete in Smyrna ein gewisser M— eine Schule. Obwohl er Jude, ist dennoch seine Tochter Protestantin. Der Oberrabbiner von Smyrna wollte zwar besten Schule schließen, nichts destoweniger halten die Vorsteher der Smyrnaer Gemeinde für diese Schule eine Subvention von einer französischen Gesellschaft verlangt, welche dieses Verlangen zurückgewiesen hatte mit dem Bemerken, daß der Character des Lehrers nicht die genügenden Garantien für das Gedeihen eines derartigen Unternehmens biete. — Ich ignorire nicht die wirklichen Bedenken, welche wir bei derartigen Unternehmen zu erwägen haben. Meine Erfahrungen aber lehrten mich, daß wir Vielen Besorgniffen Vorbeugen könnten, so wir nur thatkräftig dem türkischen Judenthume beistehen wollten. Ich verlaste für heute Ihre geschätzten Leser; bald werde ich wiederum auf die Nothwendigkeit der Schulen in

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