Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 9 (1868)
- Issue
- Heft 11 (11.3.1868)
- Date
- 1868-03-11
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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179 yend eines Locals, worin oft in engen Räumen Kinder und Chachamim leiden. Und auch diese Mithilfe ist einzelnen reichen Individuen zu verdanken, welche derartige Gebäude für n"n stifteten. In vielen Gemeinden jedoch sind die armen Chachamim gezwungen, ihre einzige Wohnstube in ein Schulzimmer umzuwandeln. Wenn trotz dieser hemmenden Unterrichtszustände viele Reisende die jüdische Gelehrsamkeit der orientalischen Israeliten rühmten, so liegt dieß in einer gewissen Pietät, welche mir aber übel angewandt zu sein scheint. Der vernünftige Leser wird selbst zu beurtheilen wissen, welche Hoffnungen für eine gründliche Verbreitung der Thora zu hegen find, da, wo der Lehrer, der jüdische Lehrer eine solch' erniedrigende Stellung einnimmt wie in der Türkei. Es fehlt darum in diesem Lande wie überall an fähigen berufsergebenen Lehrern, da der mittelmäßigste Talmid-Chacham es vorzieht, in einer Jeschibah gegen eine sehr bescheidene Pension zu ftudiren. Die Unterrichtsfächer sind auch der progressiven intellectuellen Entwickelung des jugendlichen Geistes wenig anpasiend. Die Methoden sind insgesammt unpractisch. Zwar wird das Kind gar frühe in die Schule geschickt; vom 3. Jahre an. Es vergehen jedoch drei oder vier Jahre, ehe es nur zum geläufigen Lesen gebracht wird. Dann wird viele Zeit verbracht mit der Erlernung der Peraschahs, d.h. des Bibellesens nach den Accenten. Liest der Knabe einmal gut die Peraschah, dann ist der Vater schon zufrieden. Jndeß glaube ich, eine Entschuldigung für diesen saumseligen Lehrgang gefunden zu haben. Es ist noch nicht so lange her, daß unsere Brüder in der Türkei nur wenige jüdische Werke besaßen, so daß der Mangel an den nöthigen Sepharim die Lehrer zu dieser Zeitausfüllungsmethode brachte. Ich erinnere nur an dieeingeborenen Juden Indiens, um einen Begriff davon zu geben, wie weit die Jsolirung führen kann. Im Ganzen halte ich die religiös-moralische Seite des hebräischen Unterrichts in der Türkei für sehr vernachlässigt. Zwar gehen die Zöglinge fortwährend zum Chacham, der selbst am heiligen Ruhetag sich mit denselben abplagen muß; er liest mit seinen Schülern von Rosch-Haschanah bis zum letzten Elul, denn die Eltern wollen vor Allem Ruhe im Hause haben und gönnen den Kindern keine freie Stunde. Der arme Chacham hat noch eine andere Ausgabe; tagtäglich wandert er von Haus zu Haus, um seine Schüler zu holen. Gegen fünfzig derartige Anstalten kenne ich aus eigener Anschauung. Ich habe keine Gelegenheit versäumt, die aus diesem Systeme entstehenden Nebel zu bekämpfen, ich hatte aber noch nicht das Glück, eine Gesammtgemeinde, d. h. eine Gefammtverwaltung für den Unterricht zu interesfiren. Der Begüterte findet immer die besten Lehrer; oft sogar par la raison du plus fort nöthigt er einen Talmud-Chacham, das Unterrichtsfach zu ergreifen. Der Arme steht, wie in jeder Sache, auch hier verlassen, da Vn bn b^mw 'v Wie viel begabte Knaben wachsen unwissend auf und wenden den schlecht geleiteten Verstand zu unehrlichen Handlungen an, während bei vernünftiger Führung dieselben tüchtig unterrichtete Männer gegeben hätten! Wer noch zweifelt an der Glaubwürdigkeit meiner Angaben, der möge nur einmal die in den Straßen einer türkischen Stadt liegenden jüdischen Knaben fragen, warum sie nicht in die Schule gehen. Alle werden dieselbe Antwort geben: Unsere Eltern haben kein Brod, geschweige denn Geld für den Chacham. Der geschätzte Leser wird mit Recht sich wundern, daß die leitenden Rabbanim gegen diese Mißstände nicht ankämpfen. — Ich ersuche denselben um ein wenig Geduld; wenn ich vie Communalverhältnisse eingehend bespreche, so werde ich mich bemühen, einiges Licht auf die Stellung der türkischen Rabbinen zu werfen. Für jetzt beschränke ich mich auf die einfache Erklärung, daß diese eher der eines Richters und Administrators als der eines Seelsorgers gleiche. Wie ich schon bemerkt habe, liegt der Schwerpunkt des Uebels in der Nachlässigkeit, womit die Kehilloth leider jede Solidarität in Bezug auf das jüdische Nnterrichtswesen von sich weisen. Ob die Gemeinden zu einem andern Systeme zu bekehren sind oder nicht, werde ich später untersuchen. In einem meiner jüngsten Briefs schilderte ich den religiösen Sinn der spanischen Juden als einen lauen, oberflächlichen. Trägt hieran nicht dieses Unterrichtswesen die Schuld? Der arme Chacham ist zu arm, zu gedrückt, zu dürftig, oft auch zu unwissend, um jenes Feuer in seine Worte zu bringen, das im Herzen des zarten Jünglings eine unlöschbare Liebe zur heiligen Thora anfacht. Wenn ich nun bemerke, wie die hochheiligen Gestalten unserer Väter so leblos dem kindlichen Sinne vorgeführt werden, wie selten die großartigen Beispiele unserer verewigten Geistes- und Willenshelden dem für das Höhere erregbaren Jugendoerstande in ihrem Glanze dargestellt werden, kurz, wie mechanisch der ganze Thoraunterricht geleitet ist, dann erfüllt sich mein Herz mit Bangen ob der Zukunft der türkischen Judenheit, welche eben jetzt in den großen socialen Verband der europäischen Nationen eintritt. — Das türkische Judenthum, vor allen andern Brüdern des Orients, schreitet der Modernisirung entgegen. Welches werden die Waffen sein, womit sie den falschen trügerischen Ansichten einer entarteten Freigeisterei siegend begegnen werden? Wo die Helden, die vor den Strahlen einer blendenden Aufklärung nicht geblendet den Kampf aufgebcn?