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Der Israelit · 1868-03-11 · Heft 11 (11.3.1868) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
9 (1868)
Issue
Heft 11 (11.3.1868)
Date
1868-03-11
Page
– (sequence 2)
Language
German
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178 dacteur gewiß auch nicht verfehlt hat, das englische Lesepublikum darauf aufmerksam zu machen. Unglaublich mag der Bericht des Vorstandes der Missionäre, welcher eine im spanische» Viertel zuConstantinopel errichtete Schule dirigirt, erscheinen. Diese Anstalt ist nur für Juden bestimmt; Zöglinge beiderlei Geschlechtes finden darin unentgeltliche Aufnahme. Ich unterlasse es. die Übersetzung des in Rede stehenden Berichtes hier mitzutheilen, da Sie, geehrter Herr Redacteur, denselben Ihren Lesern aus dem „Jew. Chron." bereits vorgeführt haben. Unglaublich mag es klingen, daß in Constantinopel, einer Stadt von 30,000 jüdischen Seelen, dem Sitze des Chacham-Baschi oder türkischen Staats- Oberrabbiners, eine Schule errichtet werden konnte, in welcher die jüdischen Kinder ganz geläufig die christlichen Gebete aufsagen, in der die Jugend eben in Allem unterrichtet wird, was sie von dem Glauben unserer Väter adbringen kann. Ich sagte, es klingt dies unglaublich, aber nur für den, welcher das orientalische Judenthum aus der Ferne beurtheilt, für den, welcher wähnt, daß unter rothem Derbusch und weitem Kaftan auch immer ein wahres eifriges Judenherz schlägt. Weniger auffallend scheint aber der etwas pompöse Bericht des englischen Seelenjägers Demjenigen, welcher Gelegenheit hatte, den Orient in der Nähe kennen zu lernen. Schon im vorigen Sommer brachten Sie in Ihrem geschätzten Blatte die Correspondenz eines protestantischen Geistlichen, welcher aus Beyrut gemeldet hatte, daß bei dem am vierten Januar 1867 stattgehabten Examen die jüdischen Zöglinge der preußischen Schule sich ganz bewandert gezeigt hatten in der neutestamentlichen Geschichte. Ich hatte Gelegenheit, mich persönlich von der Wahrheit dieses Berichtes zu Übezeugen, nicht allein durch meine Nachforschungen, sondern auch durch meine Gegenwart bei einer zweiten Prüfung, welcher ich so lange beiwohnte, bis der Unmuth über das dort Vernommene nnch gewaltsam aus dem Prüfungssaale trieb. Ja, vortrefflich wußten die jüdischen Mädchen Antworten auf die aus dem Katechismus an sie gestellten Fragen zu geben. Ich verließ den Saal mit dem traurigen Bewußtsein, daß das Judenthum in der Türkei verwahrlost sei pso nmM *d j\xi. Dieß traurige Beispiel steht leider nicht vereinzelt da; gehen wir nach Smyrna, Salonichi, Damascus, überall werden wir auf dasselbe Uebel stoßen: jüdische Kinder in speciell christlichen Schulen, wo dieselben vor Allem christliche Gebete und Sprüche erlernen. Und überall kümmert sich Niemand darum. s'rr icpk fxso nyn or6. Glaube man aber ja nicht, daß dieß nur in der Freischule der Fall ist. Erwähnte Thatsachen in Beyrut fanden in einer Schule statt, in der der monatliche Schulpreis 15 Frs. beträgt. Als auf die Veröffentlichung des oben gedachte» Rapportes der „Libanon" energisch für die Errichtung einer jüdischen Schule in Beyrut gedrungen und sich zur Verwirklichung eines derartigen Planes gerade die beste Gelegenheit gefunden hatte, wollte fast keiner der arabischen Israeliten seine Kinder aus den christlichen Schulen zurückziehen. — Biele Ihrer Leser werden mit Recht fragen: woran liegt das Nebel? Ich werde mich bemühen, dieselben an die Quelle dieser traurigen Zustände zu führen. In der Türkei sorgt keine Gemeinde für den jüdischen Unterricht. Wer in sich das Bedürfniß fühlt, sein Kind in der heiligen Thora unterrichten zu. lassen, der bringt es zu einem Chacham oder Melammed. Diese sind selten sogenannte Lomdim, ja, oft treffen wir auch ganz unwiffende Lehrer. Wer sonst fein Brod nicht zu verdienen weiß, der eröffnet eine Schule, sucht sich eine gewisie Anzahl Zöglinge, die ihm sein spärliches Auskommen sichern. Das Schulgeld richtet sich nach dem Stande der Eltern; der Reiche bezahlt nach Belieben, der Unbemittelte nach Kräften. Zahlen muffen aber alle Kinder, und nur in wenigen großen Gemeinden habenn in jüngster Zeit einige edle Männer besondere Waisenchachamim angestellt, um so den Waisenkindern die Erlernung der Thora zu ermöglichen. Die natürliche Folge des eben geschilderten Systemes ist vor Allem die servilste Abhängigkeit des Chacham, der, seines Brodes halber, den Knaben reicher Eltern die größte Aufmerksamkeit schenken muß. Da die Kehillah sich um diesen so hochwichtigen Zweig des jüdischen Gemeindewesens nicht im mindesten kümmert, so wird auch keinerlei Aufsicht über die jüdischen Schulen und deren Leiter auSgeübt. Dem Vater allein liegt es ob, über die Fortschritte seines KindeS zu wachen. Derartige Verhältniffe einfach zu schildern, ist sprechender als alle rednerischen Phrasen, mit denen man sie verurtheilen könnte. So allein war es möglich, daß in Constanlinopel, Salonichi, Smyrna, Sofia rc. ganze Generationen heranwuchsen, welche nicht einmal wwp am Freitag Abend zu machen wissen. Der Chacham ist gewöhnlich ein armer Mann; gleichsam bettelnd wandert er wöchentlich von Haus zu Haus, um den sauer verdienten Wochen-Schullohn einzucassiren. Von ihm dürfen wir daher nicht erwarten, daß er seine Gelehrsamkeit umsonst verabreiche. Der Allerärmste muß wenigstens 30 Parah oder einen Piaster (circa 6 kr.) per Woche für ein Schulkind bezahlen. Eine solche reguläre Ausgabe wird drückend für den kinderreichen Armen, welcher oft nicht Brod hat für seine zahlreiche Familie, geschweige denn das Schulgeld für drei oder vier Kinder. Das Einzige, was die Gemeinden zum Unterrichte beitragen, besteht in dem unentgeltlichen Abtreten ir-

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