Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 9 (1868)
- Issue
- Heft 10 (4.3.1868)
- Date
- 1868-03-04
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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168 Buch ein Zauberbuch sei, und daß ich, als Verfasser dieses Buches, ewiges Gefängniß verdiene. Auf Grund dieses humanen Gutachtens wurde ick zu lebenslänglichem Kerker verurtheilt, und den 19. Mai 1713 nach Schwabach, dem Sitze meines Rabbinats, in einen Mauerthurm gebracht. Hier wurden mir Hände und Füße in schwere Ketten geschlossen und einsam und allein sollte ich meine noch übrige Lebenszeit zubringen. Der Zutritt jedes menschlichen Wesens, außer dem Kerkermeister, war streng untersagt, und selbst dieser erschien nur einmal des Tags, Morgens, wenn er mir Wasser und Brod brachte. Er war stumm wie ein Fisch und ließ alle meine Fragen unbeantwortet. So weit ging die Grausamkeit der Menschen, aber Gottes Macht war bei mir, und ich fürchtete nichts. Der Thurm, in dem ich gefangen sitze, ist am Ufer des Flusses Schwabach gebaut, und das einzige vergitterte Fenster meiner Zelle geht auf den Fluß hinaus. Dieser Umstand verminderte meine Einsamkeit. Ich sah den ganzen Tag hindurch Menschen hin- und hergehen. Besonders bemerkte ich Anfangs meine ganze Gemeinde, Alt und Jung, Männer und Frauen, meinem Fenster gegenüber. Es war nicht Neugierde, die sie daher führte, sondern reines Mitleiden, das sie mit mir hatten; denn sie wußten Alle, daß ich unschuldig leide. Wie viele Thränen sah ich sie um mich vergießen, welche Senfzer und welches Schluchzen hörten meine Ohren! Auch des Nachts stand ich am vergitterten Fenster und sah mit Entzücken die Sterne am Himmel flimmern. Bald erhob sich die leuchtende Mondkugel in wunderbarer Klarheit über den dunklen Gewässern der Schwabach. Es war so still, so friedlich rings umher, ich hörte nur das Rauschen des Flusses. Ein seliges Gefühl hatte sich meiner bemächtigt, es schien mir, wie wenn die Stimme des Flusses mit mir spräche. Ach! da ward es ruhig in meinem Herzen; ich war nicht mehr allein, nicht mehr verlassen. Ihm konnte ich meine Leiden klagen, meine heiße Sehnsucht nach meiner treuen Frau, nach meinen geliebten Kindern aussprechen. Eines Abends, als ich so am vergitterten Fenster stand, und den weiten unendlichen Himmelssaal in seiner ganzen Klarheit und Majestät mich umwogen sah — alle die Millionen Sternlein rauschten um mich her, verschlangen sich zu goldnen Strahlenkränzen — da durchdrangen sie mein ganzes Innere mit ihrem Zauberschein. Da dachte ich mit Wehmuth an die glücklichen Tage, in denen ich umringt war von meinen blühenden, liebevollen Kindern und meiner guten und wackern Gattin. Ich vernahm das Rauschen des Flusses und mein Mund öffnete sich zu Klagen. Wehe den Kindern, die vom Tische ihres Vaters verbannt sind, und wehe dem Vater, der entfernt von seinen Kindern zu leben verdammt ist! Wehe der Ehefrau, welche ihren Gatten leben , und wehe betn Ehemann-, welcher U . k Standes trennt von ferner Frau verl^ * ' S? e^c ^fara* ^itdem entrissen wurde, lche rch ohne Freude, ohne Lu jegliches Glück. Werden wir uns hremeden »telr ich sterbe vor Sehnsucht, Dich und dieglichen Kinder noch einmal an mem pochendes Pressen. , ^ch hatte kaum diese Wortc^g^rychen, als dre Thure meiner Zelle sich öffne bc* Kerkermeister ehrfurchtsvoll hereintrat. „Ehrwürdiger Rabbiner," sag.^ „ich habe den Ausbruch Ihrer Sehnsucht nach va'u unb Kinder vernommen; so spricht kein Zaube. ^in Gotteslästerer. Verzeihen Sie mir, wenn ich gegen Sie benommen und auf keine Fragen geantwortet habe. Ich hatte Furcht vor &uen weil ich Sie schuldig glaubte. Nun aber bi überzeugt, daß Sie unschuldig sind, wie man ich gleich nach Ihrer Einkerkerung versicherte. O, :e grausamen Menschen! Einen Mann, wie Sü voller Gottesfurcht und Menschenliebe, der so vie-Grites gewirkt, so viele milde Gaben auSgetheilt hat,sv zu behandeln. Zärtlicher Gatte, gefühlvoller Vate. ich werde Sie nicht mehr hart behandeln. Zwar ann ich Ihre Ketten nicht lösen, aber Alles, was nur ou mir abhängt, soll geschehen." — Herr Meister, wenn Sie wirklich die Gühaben wollen, mein trauriges Geschick einigermaßer zu mildern, so geben Sie mir morgen früh Papier und Tinte, damit ich einen Brief an den Vorstand der israelitischen Gemeinde hier schreiben kann. Diesen Brief müssen Sie mir gefälligst im Geheimen besorgen; Sie werden es nicht bereuen. Er verneigte sich und ging ohne ein Wort zu sprechen. Des Morgens aber brachte er mit dem Wasser und Brod ein Tintenfaß, Papier und Feder und sagte, daß er recht gern nicht nur den Brief, sondern jeden andern Auftrag von mir besorgen wolle, ohne daß Jemand es erfahren würde, da seine Frau ihm erzählt habe, wie wohlthätig ich während meines Rabbineramtes gegen die Armen gewesen wäre, daß sowohl die armen Christen, wie die armen Juden wöchentlich von mir Almosen erhielten, daß ihre Mutter namentlich von diesen Armen war. Der Kerkermeister hielt auch Wort; er besorgte mir Alles, was ich ihm aufgab, mit Verschwiegenheit und Treue, denn er war kein böser Mensch und die Belohnung, die ich ihm gab, machte ihn ganz zu meinem Freunde. Man wird vielleicht hier fragen, mit was ich ihn belohnen konnte, da doch mein ganzes Vermögen eingezogen wurde? Freilich besaß ich nichts mehr, aber die Juden sind gut und barmherzig, sie bestimmten mir einen jährlichen Gehalt von tausend Gulden, damit ich ruhig leben solle und meine geliebte Frau und Kinder unterstützen könne.