Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 9 (1868)
- Issue
- Heft 10 (4.3.1868)
- Date
- 1868-03-04
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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IX. Jahrgang. Beilage z« Nr. 10 des Israelit. Zeitungsnachrichten und Correspondenzen. Deutschland. Cßlingen. Ihre Majestät die Königin Olga haben auf eine von Lehrer Löwenstein in Heilbronn im Auftrag des Vorstandes verfaßte und eingereichte Eingabe des Ausschusses des Unterstützungsvereins für Wittwen und Waisen israel. Lehrer in Württemberg aus Ihrer Casse einen außerordentlichen Beitrag von 100 fl. für die Zwecke dieser Anstalt bestimmt und auszahlen lassen. Eine wahrhaft königliche Gabe! Auf ein gleiches Gesuch an S. Majestät den König Karl ist die Allerhöchste Entschließung noch nicht eingelaufen. Berlin. 52. Sitzung des Hauses der Abgeordneten am 19. Februar.*) Die Sitzung wird um 10 Uhr 38 Minuten durch den Präsident von Forckenbeck eröffnet. Am Ministertische befinden sich die Herren Staats- Minister Freiherr v. d. Heydt und von Selchow und als Regierungs-Kommissäre die Herren Geheimen Finanzräthe Dr. Müller und Meinecke, Ministerial- Direktor v' d. Neck uno Geheimer Ober-Baurath Koch. Präsident: Die Sitzung ist eröffnet. Das Protokoll führt heute zu meiner Rechten der Herr Abgeordnete Dr. Lutterroth, die Rednerliste zu meiner Linken der Herr Abgeordnete v. Schoening. Das Protokoll der letzten Sitzung liegt zur Einsicht auf dem Bureau offen. Wir treten in die Tages-Ordnung ein. Erster Gegenstand derselben ist: Verlesung der Interpellation des Herrn Abgeordneten Laster, die gestern nach der Sitzung eingereicht ist. Ich ersuche den Herrn Schriftführer, die Interpellation zu verlesen. Schriftführer Abgeordneter v. Schöning (liest): Nach hier eingegangenen und durch einige Zeitungen veröffentlichten Privatberichten soll zu Jerusalem der dort der iGerichtsbarkeit des Preußischen Konsulats unterworfene Arjeh Markus in seinem eigenen Hause von dem Konsul der vereinigten Staaten Nord- Amerikas gewaltsam ergriffen, körperlich mißhandelt und ins Gefängniß geworfen worden sein. Als Grund des gewaltsamen Verfahrens und der Mißhandlungen wird angegeben, daß der Amerikanische Konsul ein vierzehnjähriges Mädchen jüdischer Religion, die hinterlaffene Waise eines geborenen Preußischen Bürgers Namens Steinberg, welche unter der Vormundschaft des Arjeh Markus steht, wider den Willen des Vormundes und des Mädchens selbst, einer zum Christenthume übergetretenen Schwester der Letzteren zuführen wollte, durch Veranlaffung des Arjeh Markus aber des Mädchens nicht habhaft werden konnte. Dem Preußischen Konsulate wird vorgeworfen, daß es, obschon angerufen, dem Arjeh Markus keinen Beistand geleistet, sondern den Amerikanischen Konsul iu feinem gewaltsamen Verfahren unterstützt habe. Ich erlaube mir, an die Königliche Staats-Regierung die Anfrage zu richten: I. Ob dieselbe von dem Vorfälle Kenntniß erhalten hat? II. Ob sie nach der ihr bekannt gewordenen Sachlage das Verfahren des Preußischen Konsulats für gerechtfertigt hält? III. Entgegengesetzten Falles: Ob und welche Mittel die Königliche Staats-Regierung ergriffen hat oder zu ergreifen gedenkt, um den bedrohten Personen wirksamen Schutz zu verleihen und die Beamten des Preußischen Konsulats zur Rechenschaft zu ziehen. Berlin, den 17. Februar 1868. Präsident: Ich ersuche das Königliche Staats- Ministerium um die Erklärung, ob und wann es die Interpellation zu beantworten bereit ist. Finanz-Minister Freiherr v. d. Heydt: Soweit die Staats-Negierung in der Lage ist, sich zu äußern, bin ich zur sofortigen Beantwortung der Interpellation bereit. Präsident: Dann ertheile ich das Wort zur Begründung der Interpellation dem Herrn Interpellanten, Abgeordneten Lasker. Abgeordneter Lasker: Meine Herren! Der Inhalt der Interpellation ist Ihnen soeben mitgetheilt worden und ich brauche ihn nicht zu wiederholen. Ich will mir nur erlauben, den Zweck und den Grund der Interpellation näher auszuführen. Es sind an mich vielfach Zuschriften ergangen, welche darthun, daß über den Vorfall, der übrigens in ganz genauer Umständlichkeit von den Vertretern der jüdischen Gemeinde und der Rabbiner in Jerusalem von dort hierher berichtet ist, daß also über diesen Vorgang in vielen Kreisen und namentlich unter meinen Glaubensgenoffen eine erhebliche Aufregung herrscht. Ich habe nun gemeint, daß sowohl aus speciellen wie aus allgemeinen Gründen es rathsam ist, die Aufregung zu beschwichtigen und eine Erklärung der Königlichen Staats-Regierung zu extrahiren, welche die Gemüther beruhigt, entwe- *) Nach den stenographischen Berichten.