Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1868-02-19 · Heft 8 (19.2.1868) · page 7

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
9 (1868)
Issue
Heft 8 (19.2.1868)
Date
1868-02-19
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2446951-2447343-2447351--05878-2461407
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

127 -»achte, das Güt des Grafen St. noch vor Einbruch der Nacht zu erreichen. Eben hatte er, auf dem Pferde -sitzend, das Minchah-Gebet verrichtet. Was war 's doch, das ihn beunruhigte, als er den Schlußsatz nach der Schemoneh-Eßreh sprach: „Mein Gott, bewahre meine Zunge vor Bösem!?" — Ja, des Bruders Worte kamen ihm in den Sinn; er hatte Unrecht gethau, so wegwerfend von Tugend, Frömmigkeit und Thora-Kenntniß zu sprechen und Alles dem Gelde unterzuordnen! Aber, war er nicht auch schwer gereizt worden? Sollte er seine einzige Tochter, die Erbin seines großen Vermögens, einem Habenichts geben, -sollte er mit den sauer erworbenen schätzen einen Fremden reich machen? Hatte er doch sein Leben lang weder Mühe noch Arbeit gescheut, Sonnenhitze und Winterlälte etragen, oft genug den Beschwerden und Gefahren weiter Reifen sich preisgegeben, um seinen Besitz zu mehren, und nun, da ihm dies so großartig gelungen, sollte er Alles einem Gelbschnabel in den Schoos; werfen, der sich nicht darum bemüht hatte? Freilich war der junge Mann ein ganz vorzüglicher und brauchbarer Mensch — aber, was ging das den Abraham Veitelsohn an? Ein wildfremder Mensch! Doch — war er wirklich so ganz fremd? War Ahron nicht der L>ohn des Lehrers seiner Jugend? Hatte nicht sein Vater, der ehrwürdige Rabbi Me'ir, seinen Schüler Abraham an sein Sterbebett rufen lassen und ihm die Sorge für die mutter- und bald auch vaterlose Waise anvertraut? Ja, hatte doch auch Abraham sein Versprechen erfüllt, hatte dem talentvollen Jungen eine gediegene Erziehung angedeihen lassen, hatte ihn dann auf sein Comptoir genommen — aber, war er verpflichtet ihm die einzige Tochter und mit ihr das mühsam erworbene Vermögen zu geben — nein, nimmermehr! Abraham war während dieser Gedankenreihe sehr lebhaft geworden, hatte dabei hefttg gestikulirt und die letzten Worte laut ausgerufen; da scheute das sonst so fromme Pferd; der in Gedanken abwesende Reiter konnte die Zügel nicht halten; das Pferd ging durch, im rasenden Galopp, bis es wider einen Baum rannte und dann zusammenstürzte. Abraham fiel zu Boden; doch bald erhob er sich wieder und gewann die freudige Ueberzeugung, daß er selbst unbeschädigt war. Nicht also das Pferd; es konnte nicht aufstehen. Rathlos stand Abraham neben seinem tteuen Rosse, als ein Landmann des Weges kam, der ihm das Pferd aufrichten half; aber es hatte sich an dem Baum verletzt; es konnte nur mit Mühe zum Gehen gebracht werden und unmöglich einen Reiter tragen. Der Landmann rieth dem Reisenden, in einem in der Nähe, im Walde delegenen Wirthshause einzukehren. Wenn das Pferd einige Stunden kalte Aufschläge bekommen würde, so könne es ihn morgen früh weiter tragen. Es lang schon an zu dunkeln, als Abraham und der Bäuer, Letzterer das verwundete Pferd führend, das stattliche Wirthshaus erreichten; Abraham hatte sich bei seinem Begleiter -nach den WirthSleuten erkundigt und eine schr befriedigende Auskunft erhallen. Im Gasthofe angekommen, übergab er sein Roß -dem Hausknecht zur Pflege, belohnte den Landmann, der ihm Hilfe geleistet hatte und verlangte ein Zimmer für sich allein, das ihm die freundliche Wirthin sogleich anwies. Dann ließ er sich ein Licht und einen Krug Bier bringen, verrichtete das Abendgebet, nahm Brod und Fleisch aus seinem Mantelsacke und speiste mit gutem Appetit. Nachher begab er sich in den Stall, um noch einmal nach seinem Pferde zu sehen, das er in Folge der angewandten Mittel bereits viel besser fand; dann kehrte er in sein Zimmer zurück, und begab sich zu Bett. Das Lager war gut., und von dem anstrengenden Ritte und der frischen Lust ermüdet, schüef er noch während des Nachtgebetes fest ein. Kein Traum beunruhigte ihn, keine warnende Stimme zeigte ihm die Gefahren, die ihn bedrohten. Das Wirthshaus im Waloe war eine Räuberhöhle. Nur die Eingeweihten wußten davon; in der Umgegend erfreute sich das Wirthshaus „Zum Stern" eines sehr guten Rufes. Wirth und Wirthin standen in hohem Ansehen; und das Landvolk verkehrte gern dort, weil es daselbst stets billige und gute Speisen und Getränke gab. In stiller Nacht aber war das Wirthshaus im Walde der Sammelplatz einer Diebesbande , welche die gestohlenen Sachen in den Kellern des Gebäudes barg. Der Wirth selbst und feine Knechte zogen häufig mit auf den Raub aus. Als Abraham ankam, hatte der Wirth mit dem Anführer der Räuber, Hanspeter, am Fenster gestanden. Hanspeter war der Sohn eines vordem beim Grafen St. bediensteten, nun aber verstorbenen Försters und hatte eine gute Schulbildung genossen; er selbst war noch vor zwei Jahren ein gräflicher Jäger gewesen; allein ein ausschweifendes Leben hatte verursacht, daß er auS dem Dienste war gejagt worden. Als sein Vater starb, trat er bei dem Sternenwirthe als Knecht in Dienst; aber nur zum Schein; in Wahrheit war er der Anführer einer großen Diebesbande. Viele Einbrüche waren seitdem verübt, und nicht einer war bis jetzt entdeckt worden; Hanspeter war ebenso schlau wie kühn; stets wußte er die in damaligen Zeiten gar schlecht organisirte Polizei auf eine falsche Fährte zu lenken, und unbehelligt hatte er noch immer seinen Raub mit seinen Genossen getheilt. — „Wirth," flüsterte Hanspeter seinem Spießgesellen zu, als Abraham in den Hof trat, „das ist, so wahr ich lebe, der reiche Jude Veitelsohn, der dem Grafen immer Geld bringt. Gewiß hat er auch heute die Taschen voll Gold. Da läuft uns ein fetter Karpfen ins Garn!"

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.