Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 9 (1868)
- Issue
- Heft 7 (12.2.1868)
- Date
- 1868-02-12
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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106 heraus, und auch das Kind weigerte sich und sprach immerwährend: „Ich hange der Religion meiner Väter an und werde mich niemals taufen lassen". — „Als nun das Kind das Hospital verließ, kehrte es wieder zu Rabbi Arjeh Markus zurück, der es verborgen hielt, da er wohl wußte, daß man ihm nach - stellen würde. „Die getaufte Schwester nahm nun die Hilfe des Amerikanischen Cousuls in Anspruch, und da sowohl das Kind wie dessen Vormund Rabbi Arjeh Markus preußische Unterthanen sind, so wandte sich jener an das preußische Consulat. Der preußische Generalconsul wohnt aber gegenwärtig in Beirut, während hier nur ein Consulalssecretär sich befindet. Dieser ließ nun den Vormund vorigen Freitag Nachmittags rufen und fragte ihn, warum er das Kind nicht der Schwester überliefere. Auch der amerikanische Consul war zugegen. Rabbi Arjeh entgegnete, daß ja das Kind nicht zu seiner getauften Schwester wolle, daß es weinend — das Mädchen ist 14 Jahre alt — stets versichere , nicht getauft werden zu wollen, wie das ja der Consulalssecretär selbst im Hospital aus ihrem eignen Munde gehört habe. Nichtsdestoweniger verlangte der Sekretär, daß das Kind in das Consulatsgebäude gebracht werde, worauf Rabbi Arjeh erwiederte, daß das Mädchen noch krank sei und das Haus nicht verlosten dürfe; übrigens solle man erst beim Generalconsul in Beirut ansiagen, ob er das Kind herausgeben müsse; zugleich erlegte er das Geld behufs einer telegraphischen Anfrage. Dann ging Rabbi Arjeh nach Hause, um sich sabbatlich anzuziehen. Aber während er noch im Begriff stand, seine Alltagskleider auszuziehen, kam der amerik. Consul Beauboucher mit seinem Secretär und zwei Kawasten und verlangte stürmisch die Herausgabe des Mädchens. Als sich Rabbi Arjeh weigerte, gab der Consul Befehl, das Haus zu durchsuchen, worauf die Kawasten sämmtliche Zimmer durchsuchten, die Schränke erbrachen und ihres Inhaltes entleerten und die Betten aus den Laden warfen. Als sie nun im Hause des Rabbi Arjeh nichts gefunden hatten, so gingen sie in die Wohnung seines Schwiegersohnes, des Rabbinen Abraham Eisenstein, welcher englischer Unterthan ist. Die Frau des Rabbi Abraham war seit drei Wochen Wöchnerin. Nichtsdestoweniger drang der Consul mit seinen Leuten in das Haus und durchwühlte auch hier Alles. Als man auch hier nichts fand, befahl Herr Beauboucher, den alten, ehrwürdigen Rabbi Arjeh in das Gefänaniß abzuführen. Die Kawasten ergriffen den alten Mann, stießen und schlugen ihn. Auf das Geschrei der Frauen und Kinder eilten wir aus unfern Wohnungen herzu. Da wir sahen, wie man den ehrwürdigen Greis Rabbi Arjeh mißhandelte, traten wir näher, ihm beizustehen. Aber die Kawasten und der Secretär schlugen mit Knitteln auf uns los und verwundeten Mehrere von uns, und der Consul selbst zog sein Schwert und bedrohte damit meinen Schwager R. M. G. Goldschmidt, der sich nur durch eilige Flucht retten konnte. Unterdeß schleppte man den alten , ehrwürdigen R. Arjeh, der seit fünfzig Jahren hier wohnt und einer der geachtetsten Einwohner ist — er ist Synagogenvorsteher — unter fortwährenden Mißhandlungen in's Gefängniß wie einen Räuber oder Mörder. Diese Schandthaten erregten allgemeines Entsetzen; große Menschenmengen sammelten sich vor dem Gefängniß, während wir die Hilfe des preußischen Consulatsfecretärs beanspruchten , und als dieser sie verweigerte, nach Beirut an den preußischen Generalconsul telegraphirten. Unterdeß wurde es Sabbat, aber Niemandem fiel es ein, nach Hause und zu Tische zu gehen, solange der ehrwürdige Rabbi Arjeh im Gefängniß schmachtete. Erst um elf Uhr in der Nacht gelang es uns, mit Hilfe und auf Befehl des Pascha's den Gefangenen zu befreien. Der türkische Pascha mußte als Befreier auftreten gegen d^ie rohe Gewaltthätigkeit des ameritanifchen Consuls! „Unterdeß schwebt das Kind in der größten Gefahr, geraubt und gewaltsam getauft zu werden, wenn man auch vorgibt, daß man es nur bei der Schwester unterbringen und nicht taufen will; denn auch von dem preußischen Generalconsul Weber dürfen wir keinen Beistand erwarten. Aber alle unsere Glaubensgenosten, denen Gott Macht und Ansehen gegeben hat, rufen wir zur Hilfe auf, und von der deutschen, französischen, englischen und amerikanischen Presse, die durch den über den ganzen Erdball verbreiteten „Israelit" von diesem Vorfälle Kunde erhalten wird, erwarten wir, daß sie sich unser annehme und durch das Gewicht der öffentlichen Meinung uns Schutz gegen unsere Unterdrücker verschaffe. Wenn es einem amerikanischen Consul freiste! t, in die Häuser zu dringen und Menschen zu rauben — dann sind wir Alle unseres Lebens nicht mehr sicher, und die Religionsfreiheit, diese köstlicbste Errungenschaft der Neuzeit, wäre illusorisch geworden. „Am heutigen Tage haben nun sämmtliche Vorsteher der hiesigen Gemeinden, an ihrer Spitze die berühmten Rabbinen M Lir Auerbach und Samuel Sa laut einen Brief an unsere einflußreichen Glaubensgenoffen in Amerika gerichtet und denselben an Rev. Samuel Jsaacs, Nedacteur des „Jew. Messenger", in New Aork übersandt. In diesem Briefe wurde der Hergang wie oben berichtet, und folgende zehn Fragen wurden der amerikanischen Regierung vorgelegt: „1) Hat eine getaufte Jüdin das Recht, ihre 14jährige Schwester wider deren Willen zur Taufe zu zwingen?