Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 9 (1868)
- Issue
- Heft 6 (5.2.1868)
- Date
- 1868-02-05
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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101 Feuilleton. Der Gefangene. Eine wahre Geschichte, von dem Helden derselben selbst ausgezeichnet. Mitgetheilt von E. Carmoly. (Fortsetzung.) VI. Die goldne Wiege. Im Jahre 1670 spielte in Wien die Tragödie Her jüdischen Gemeinde ein Drama, daS meine Familie aus der Hauptstadt Oesterreich'S nach Baiern versetzte. Schon zwei Jahre früher wurden die Studenten von Wien gegen die Juden gereizt, weil man sie, obgleich mit großem Unrecht, beschuldigte die Feuersbrunst der Burg am 24. Februar 1668 veranlaßt zu Haben. Diese Feuersbrunst war so heftig, daß die ^Kaiserin Wittwe und die Erzherzoginnen kaum ihr -Leben retten konnten. Die Aufregung der Studirenden war außerordentlich, und die Judenstadt ward von ihnen angegriffen und ausgeplündert, wobei die Israeliten indeß fich tapfer ihrer Haut wehrten; es Men Mehrere von beiden Seiten. Glücklicher Weise machte eine gute Anzahl Truppen dem Tumult ein Ende. Der Vorstand der Gemeinde merkte bald, daß dies nur eiu Vorspiel zu größerer Tragödie war. Er wollte dem Vorbeugen und beschloß, die Kaiserin Margaretha, eine geborene Spanierin, die den Anden noch aus Spanien her sehr gehäsfig war, durch ein reiches Geschenk zu gewinnen. Da die Kaiserin gerade schwanger war, so ließ der Vorstand eine schöne Wiege aus gediegnem Golde verfertigen, und bat sie bei Veberreichung derselben um Wohlwollen und Schutz. Allein Magaretha nahm weder das Geschenk noch die Bitte an. Bald darauf kam die Kaiserin vorzeitig nieder und das Kind hatte nur so viel Leben, das Licht der Welt zu erblicken und zu sterben. Um sich nun an den Juden, denen sie diese Begebenheit zur Last legte, zu rächen, erhielt sie durch viele Bitten von Ihrem Gemahl, dem Kaiser Leopold, die Ordre, welche sie schon lange vergebens von ihm gewünscht hatte, daß nämlich alle Juden aus Wien und Oesterreich verbannt wurden. Vierzehnhundert Israeliten, alt wie jung, wußten im Anfänge des Jahres 1670 Wien verlaßen. Der Jammer der Unglücklichen war groß, war unbeschreiblich! Aus dem Lande vertrieben, das ihre Heimath war; bedrängt und hinausgestoßen, um in einem fremden Lande eine Stätte aufzusuchen, wo neue Drangsale, neue Verfolgungen sie erwarteten! Ihre beiden Synagogen in Kirchen verwandelt, und den Friedhof, wo die geliebten Vater und Freunde ruhten, entweihet, zerstört zu sehen! Zwei hochherzige Männer aus meinem Stamme, Jfaac und Israel Frankel, durchdrungen von Gottesfurcht und Liebe zu ihre» GlaubenSgenoffen, standen dem Tiefgebeugten mit Rath und Thal bei. Zuerst wandten sie stch im Namen der österreichischen Israeliten an den Kaiser mit einer Bittschrift, in welcher sie auf die Freibriefe und die Dienste, die sie den Erzherzogen geleistet, hinwiesen. Als sie beim Kaiser kein Gehör fanden, und fich in die verzweifelte Lage fügen mußten, eilten sie zu den Stadtbehörden, um wenigstens die geliebten Gräber vor Entweihung und Zerstörung zu retten. Sie bote» dem Magistrat die Summe von 400 Gulden in Silber an, damit der israelitische Friedhof unangetastet, und die Grabsteine unverrückt bleiben möchten. Ihr Verlangen wurde genehmigt, und das Haus des Lebens, wie wir bedeutungsvoll den Friedhof bezeichnen, wurde gerettet. Jsaac und Israel Fränkel kauften auch von dem Gemeinde-Vorstand die goldne Wiege, die sie nach Fürth brachten, wo sie fich niederließen. Mein seliger Vater, der diese Wiege bei den Gebrüdern Fränkel in Fürth gesehen hatte, ^erzählte unS oft von ihrer Pracht und ihrem Glanz. Sie hatten fie für denselben Preis von dem Gemeinde-Borstand gekauft, den üe gekostet hatte, weil fie aus der Gemeindekaffe bezahlt war, und nun bei der Auflösung der Gemeinde die Kaffe an die Armen vertheilt wurde. Die Wiege brachte ihnen viel Glück, indem Einer ihrer Söhne dieselbe zu Schmuck-Gegenständen mit vielem Geschick verarbeitete. Jsaac Fränkel's ältester Sohn, Names Aron Fränkel, ein lebhafter und in Handarbeit geschickter Jüngling, sollte Goldschmidt werden und die Schmucksachen selbst verfertigen. Man schickte ihn zu diesem Ende nach Metz und empfahl ihn an dm berühmten Rabbi Gerson Oulif, der früher Rabbiner in Wien war und nach der Vertreibung der Juden auS dieser Stadt in derselben Eigenschaft nach Metz berufen wurde. In dem Empfehlungsschreibe» wurde der ehrwürdige Gesetzlehrer ersucht, seinen Einfluß auf die Mitglieder der israelitischen Gemeinde zu verwenden, daß der junge Fränkel bei einem christlichen Goldarbeiter in die Lehre komme, um fein Handwerk zu erlernen. Rabbi Gerson Oulif, der mit der Familie Fränkel sehr befreundet war, ließ sich die Sache sehr angelegen sein; er berieth sich mit allen GoldundSilberhändlern seiner Gemeinde, die mit den Goldschmieden der Stadt mehr oder weniger in Verbindung standm. Alle stimmten für Jean Laurier, als Einen der geschicktestm und rechtschaffensten Meister von Metz. Man sprach mit ihm;, und er willigte mit Vergnügm in diese Angelegmheit ein. Alsbald begann Aron mtt Fleiß und Einsicht seine Arbeit zur größten Befriedi-