Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 9 (1868)
- Issue
- Heft 6 (5.2.1868)
- Date
- 1868-02-05
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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96 Ein vierter Herold kam mit einem Stabe, stellte sich vor Jakob hin und rief, indem er den Stab zerbrach: «Das Urtheil ist gesprochen, Der Stab, der ist gebrochen, Mensch, du mußt sterben." Dann wurde Jakob bedeutet, das Blutgerüst zu besteigen. Auf dem Schaffot nahte sich ihm ein Priester mit einem Kreuze, um noch einmal mit ihm zu beten. Jakob aber stieß den Priester mit Heftigkeit zurück und rief: „Ich bin ein Jude und will als solcher sterben!" Dann legte er seine Hand auf die Augen und rief mit lauter Stimme und^m freudiger Begeisterung: „Schema Jisrael, Haschem Elodenu, Haschem Echad:" „Höre Israel, der Ewige unser Gott, der Ewige ist einzig!" Lang dehnte er das „Echad," Todtenstille herrschte unterdetz ringsum; endlich zog Jakob die Hand von den Augen. aber, wohin waren Henker und Blutgerüst, Kaiser und Pabst, Herzoge und Ritter, Herolde und Diener gekommen? Sie waren verschwunden! Aber vor Jakob stand der alte Rabbi von WormS, ihn mit mildem Lächeln betrachtend. „„Rabbi, Rabbi, wo bin ich?"" rief Jakob erstaunt.' „Schaue dich um, mein Sohn," sprach dieser sanft, „du bist in meinem Studierzimmer." „„Und wie bin ich hierher gekommen?"" „Du hast mein Gemach seit gestern Abend nicht verlassen." „„Seit gestern Abend?"" „Ja, da du zu mir kämest, mich zu bitten, daß ich dich in die Kabalah einweihe." „„Und so wäre Alles, was ich seitdem erlebt zu haben glaubte, nichts als ein Traum gewesen? Ich war nicht Herzog von Schwaben, nicht der Verlobte der Kaisertochter, nicht zum Tode verurtheilt?"" Der Rabbi lächelte. „Ich weiß von all Dem Nichts," sagte er. „Aber das weiß ich, daß du eingeschlafen bist in Meinem Lehnsessel, und daß du die ganze lange Winternacht, die nunmehr bald zu Ende ist, sehr lebhaft geträumt hast. Was, ein Herzog bist du gar geworden?" Da warf sich Jakob seinem Lehrer zu Füßen und bat ihn um Verzeihung darob, daß er ihm mit jenem Buche entlaufen und dankte ihm, daß er ihn vom Tode errettet. „Ich weiß es," sagte er, „kein Anderer als Ihr hat mich aus Rom dem Richtschwert entführt; Ihr wollt es nur nicht Wort haben. " ' In diesem Augenblicke erschollen die Hammerschläge des Synagogendieners, die da die Andächtigem zum Gottesdienste riefen. Der Rabbi hieß Jakob sich entfernen; dieser eilte in seine Wohnung, wo er Joseph noch schlafend antraf. Er weckte ihn und fragte: „Wie lange ist es, Joseph, daß wir uns nicht: gesehen haben?" „„Seit gestern Abend,"" antwortete Joseph, „„da du zum Rabbi gingest, ihn um Unterweisung in deir Kabalah zu bitten."" „Also doch" sprach Jakob leise vor sich hin, „alsodoch — nur ein Traum!" Und er schüttelte sein Haupt, wie Jemand, det noch nicht ganz überzeugt ifi Als ihm aber auch in der Synagoge Niemand besondere Beachtung schenkte, da fing er endlich an* dem Rabbi zu glauben. Nach dem Gottesdienste begab er sich wieder zrr seinem Lehrer und erzählte ihm ausführlich seinem wunderbaren Traum; er verschwieg ihm Nichts. Als Jakob geendet hatte, sprach der Rabbi r „Mein Sohn, ich habe dir jenen Trank gereicht, daß er dich mit Schlaf umfange, zugleich aber deine Einbildungskraft belebe, damit der Traum dir deine innersten. Gedanken zu Tage treten laste. Du bist dir nun klar geworden über dich selbst. Wann wollen wir jetzt, mit dem'Studium der Kabalah beginnen?" theurer Rabbi,"" rief Jakob lebhaft, „„ich will mich wiederum mit all meiner Kraft dem Talmud widmen."" „Nun, ich sehe, mein Tränklein hat seinen Zweck nicht verfehlt. Geh mit Gott, mein Sohn." Und Jakob ging; er war wieder der fleißigste und eifrigste unter den Schülern der Wormser Jeschibah geworden. Eines Tages nahm ihn sein Lehrer bei Seite und trug ihm die Hand seiner einzigen Tochter Sarah an; mit Freuden willigte Jakob ein. Nach wenigen Monaten wurde die Hochzeit gefeiert, und Jakob zog in das Haus des Rabhi, der schon seit lange Wittwer war. Als nun ein Jahr verflossen, da faßte der Rabbi den Entschluß, nach Palästina zu wandern, um dermaleinst sein müdes Haupt in heiligem Boden zur Ruhe zu legen.. Sein Schwiegersohn ward sein Nachfolger tot Amte. Jakob ward ein Großer in Israel; sein Nameward gerühmt in allen Ländern; mit dem Studium der Kabalah aber befaßte er sich erst dann, als seine schwarzen Locken sich weiß gefärbt hatten. — Hierzu eine Beilage. Verantwortliche Redaction: Dr. Lehmann. — Verlag der Le Roux'schen Hofbuchhandlung. — Dampf»Schnellpreffendruck von I. GottSleben in Mainz.