Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 9 (1868)
- Issue
- Heft 5 (29.1.1868)
- Date
- 1868-01-29
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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SS ANZEIGEN« Aufruf. Mitbrüder! Das schwere Geschick, welches die Provinz Ostpreußen betroffen, ist Jedermann hinlänglich bekannt. Wo nur ein deutsckes Herz schlägt, hat man zur Abhilfe unseres Nothsiandes sich bereit gesunden. Kein Ort aber leidet unter demselben so emfindlich wie der hiesige. Memel mit seinen Arbeiter-Vororten Schmelz und Bommels- Bitte umfaßt eine Bevölkerung von ca. 30,000 Seelen. Vielleicht die Hälfte davon ist gegenwärtig beschäftigungslos und hungernd. — Unsere einzigen Verkehrsadern, die Gewäffer, gerathen mit November in's Stocken. Durch sechs Monate gänzlich fehlenden Verkehrs leidet besonders der Handwerkerstand unsäglich. Trotz des beim Mangel einer Eisenbahnverbindung stetig abnehmenden Sommer-Verkehrs nach Außen wird doch auch jetzt noch unser Hafen mit einigen Ausnahmen jährlich in der Zeit vom Mai bis November von ca. 1000 Seeschiffen und 3000 bis 4000 Binnenfahrzeugen besucht. Seitdem die Industrie sich anderwärts der Eisenbahn zu ihrem Verkehre bedient, ist der Nothstand bei uns in den Wintermonaten ein regelmäßiger unliebsamer Gast geworden und es haben im verfloffenen Jahr Mißerndte, Arbeitslosigkeit, Vertrauensmangel die Roth bis zum höchsten Grade anwachfen lasten. Schon als wir diese noch in weiter Ferne erblickten, haben wir unsere Vorkehrungen getroffen. Wir sind zu einem ganz unabhängigen Verein zusammen getreten, und von unfern wohlhabenden Mitbürgern unterstützt, und selbst vom Magistrate, der die städtischen Armen-Vorsteher gemeinsame Sache mit uns machen ließ, mit einer Beisteuer von 700Thlr. versehen, haben wir Vorräthe an Kartoffeln, Erbten, Reis und Graupen herbeischaffen lasten, welche wir theils an die Bedürftigsten 20 bis 50°/o unter dem Kostenpreis verkaufen, theils zu Suppen verkochen, und gegenwärtig täglich fast 2000 Portionen ä */* Quart, % umsonst und */« zu 4 Pf. die Portion, zur Vertheilung gelangen lasten. Auch haben wir 1000 Thlr. zur Beschaffung häuslicher Arbeit vom Berliner Hilfsverein für Ostpreußen erhallen. Aller alles dieses ist bei der Höhe der Ansprüche nicht ausreichend. Roth verlangt vor Allem nach Brod; aber die Vertheilung von Brod haben wir aus Mangel an Geldmitteln noch nicht in den Bereich unserer Thätigkeit zu ziehen vermocht. Ihr Mitbrüber von nah und fern, wes Standes, Glaubens und welcher Rationalität ihr auch sein möget! — wir machen ja auch keinen Unterschied; und so lange wir noch einen Pfennig besitzen, unterstützen wir alle Unglückliche gleichmäßig, welches Glaubens und welcher Nationalität sie auch sein mögen; denn als Grenz-, See- und Handelsstadt beherbergen wir eine große Anzahl Fremder; — darum gewährt uns die Mittel, unsere hungernden Armen wenigstens nothdürftig mit Brod vergehen zu können; alsdann gelingt es uns vielleicht, über diele Calamität hinweg zu kommen, bis der Frühling die Schnee- und Eisdecke geschmolzen hat, und mit Beginn der Schifffahrt sich wieder Arbeit findet. Memel, den 14. Januar 1868. Der Verein znr Abwehr des RothstandeS. Hasse, Consistorialrath. Benj. Kundt. Kaufm. Vorsitzender. Kastenführer. Dr. Rülf, Prediger der Synagogen-Gemeinde. Schriftführer. Die Ausschuß - Mitglieder. Ancker, Moritz Becker, Herrmann Block, Consul Fowler, Director Dr. Heinrici, W. Herrmann, I. Jlgenstein, Jänisch sen., H. Laaser, Meyer Lewy, M. Parz, W. A. Rosenbaum, W. Schröder, Stantien, I. E. v. Zaborowsky, Zachlehner jun. Die Armenvorsteher der Stadt. E. Heinrich, Wm. Hewelcke, I. D. Mölchert, F. Rosenbaum, I. G. Scheu, Schorning, Franz Zwick. Vor Allen fordert der Unterzeichnete seine Glaubensbrüder zu recht reger und reicher Betheiligung auf. Die Mitglieder der deutsch-israelitischen Gemeinde sind zwar durchgehends wohlhabend und thun auch das Ihrige in dieser schweren Calamität; allein es wohnen hier vierzig bis fünfzig israelitische Familien, welche aus den nahen ruffischen Grenzbezirken, deren Gesammtbevölkerung gut drei viertel aus Juden besteht, theilweise sich hier niedergelaffen, theilweise nur vorübergehend ihren Wohnsitz haben. In der überaus großen Roth, in welcher sich diese befinden, werde« auch sie von dem Verein auf das Kräftigste und Unparteilichste unterstützt. In Rücksicht dessen ist es nicht nur. Nothwendigkeit, sondern auch Ehrensache, daß die Gaben für unfern Verein, welche der Unterzeichnete stets entgegenzunehmen bereit ist, recht reichlich fließen mögen. Im Uebrigen verweisen wir auf die Berichte im „Israelit" und in der „Zeitung des Judenthums", woselbst auch die einlaufenden Gaben von Glaubensgenossen veröffentlicht werden. Dr. Rülf, Prediger der Synagogen-Gemeinde.