Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 9 (1868)
- Issue
- Heft 5 (29.1.1868)
- Date
- 1868-01-29
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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78 und geht, und Niemand, selbst nicht einmal die städtischen Behörden kümmern sich darum. Unter diesen Leuten herrscht gegenwärtig eine unbeschreibliche Roth. Ein Mitglied unserer deutschen Gemeinde, Moritz Becker, eben jener reiche Bernstein-Händler, hat fünfzig Last Roggen h 60 Scheffel billig angekauft, hat sich dafür Steuererlaß erbeten und läßt denselben nun zu Brod verbacken und dieses an die Armen der Stadt zum Kostenpreise verkaufen, wodurch ein Ersparnis von einem halben Sgr. pr. Pfund erzielt worden. Da kömmt nun so ein junger Mensch aus dem Beth-Hamidrasch, auf dessen Bänken er sitzt, lernt, ißt, trinkt und schläft, holt sich bei dem Unterzeichneten „Gnen Zettel of Bröut", erhält eine Marke, worauf er 2 Pfund Brod zu 2 Sgr. empfängt; davon und weiter gar nichts Anderem lebt er l*/2 Tage. Mindestens vierzig Familien holen sich so die Marke zu Brod oder andern Nahrungsmitteln: Kartoffeln, «is, Graupen und Erbsen, welche ihnen 20—50 % ter dem Kostenpreise verkauft werden, d. h. falls sie das Geld dazu besitzen; aber theilweise besitzen sie es gar nicht, theilweise bei weitem nicht ausreichend. Trotzdem sind alle diese bedeutend bester gestellt, als die Juden drüben in Rußland, woselbst sie, wie schon gesagt, 3/s der Grenzbevölkerung ausmachen, die zur Zeit sämmtlich wohlhabend waren, einen großen Theil des Binnenhandels in Händen hatten, bis durch Eisenbahn und Zollermäßigung, schärfere Grenzbewachung fast 90% derselben brodlos geworden ist. Der Jammer und die Noth dieser Menschen sind unbeschreiblich. Das Gute, was sie ausrecht erhält, daß sie nicht verhungern und verkommen, ist: ihre fast an die alterthümliche Ascetik grenzende Enthaltsamkeit; ihre fast den Communismus verwirklichende Wohlthätigkeit, welche sie gegenseitig üben; ferner sind ein großer Theil „Wohllerner" und ein absoluter Am-Häarez selten Einer. Die Noth dieser Menschen in gegenwärtiger, schwerer Zeit zu lindern, dazu reichen alle Mittel nicht aus. Unterstütze einmal einer 100,000, sage hundertausend Menschen, die allein an der Grenze wohnen!*) Daß wir nun von Schaaren solcher hungernder Menschen umschwärmt sind, denen wir trotz der Calamität helfen müssen, ist selbstverständlich, daß wir das aber ohne die wirksame Beihilfe unserer Brüder im In- und Auslande nicht vermögen, ist selbstverständlich. DaS ist ein trauriges Bild, welches ich zuletzt *) Anm. der Red.: Wir glauben nicht, daß man sich auf diese Weise der Pflicht entschlagen darf, seine Nebenmenschen, seine Glaubensgenossen dem Hungertode zu entreißen. Es wäre wohl angemessen, wenn sich in jener Gegend Comite's bildeten speziell zu dem Zwecke, die an der preußischen Grenze wohnenden, russischen Israeliten zu unterstützen. Wir glauben, daß Aufrufe derart nicht ohne günstigen Erfolg sein würden. entworfen habe, und trotzdem möchte man so ähnlich wie der alte Weise sagen: „Die Tochter Israels ist doch schön, nur die Roch hat sie entstellt." Dr. Rülf. Oesterreichischer Kaiserstaat. Wien. Nach einer unter dem 16. Januar vom österreichischen Central-Comitö für die Pariser Ausstellung veröffentlichten Liste haben folgende österreichischen Israeliten bei der Pariser Ausstellung Medaille erhalten: Max Springer zu Reindorf bei Wien, Moritz Redlich in Brünn, Löw und Schmal in Brünn, Wolf Fürth u. Comp, in Strakonitz, D. H. Pollak in Wien, Weiß u. Sohn in Wien u. Perelis und Pollak in Prag. Lemberg. Der feierliche Gottesdienst im L e mb erg er israelitischen Tempel um Erstehung des göttlichen Beistandes für die Erhaltung des Lebens Dr. Mühlfeld's war äußerst zahlreich besucht und die Stimmung der versammelten Menge eine wahrhaft andächtige. Prediger Löwenstein hielt eine kräftige Ansprache, und es wurden mehrere Psalmen gesungen, darunter insbesondere der bekannte, den die Juden in Erkrankungsfällen hochangesehener Männer beten, und in welchem es heißt: „Gott lasse die Feinde nicht triumphiren, die da sich freuen und sagen, das Leben dieses Mannes geht zu Ende." Zum Schluffe verkündete Prediger Löwenstein der Gemeinde, daß die Gebete für Mühlfeld fortwährend täglich werden wiederholt werden, so lange 'nicht die freudenbringende Nachricht vom Befferbefinden des hochverehrten Mannes einlangt. (Frbl.) Polnisch Krone. (Großh. Posen.) Die hiesige isr. Gemeindevertretung hat aus freiem Antriebe den Lehrern der hiesigen Schule eine Theuerungszulage gewährt, was um so mehr anzuerkennen ist, als die Gemeinde in diesem Jahre von allen Seiten sehr in Anspruch genommen und namentlich durch die nothwendig gewordene Aufführung eines neuen Schulgebäudes stark belastet wurde. Besonders verdienen die Bemühungen des Präses der Gemeinde, Herrn Dr. med. Pincus, heroorgehoben zu werden. Der auch in diesen Blättern mehrfach genannte Dr. Abraham Nager aus Berlin wurde zum hiesig« Rabbiner erwählt. Am 30. Nov. hielt derselbe seine Antrittsrede, die auf alle Zuhörer den günstigste! Eindruck machte. S — ne. Nikolsburg, am 12. Januar. Die kleinei Synagogen werden nunmehr geschloffen, und wurd gestern die bezügliche Kundmachung in allen Hiesigei Bethäusern verlesen. Man sollte nicht glauben, daß diese so dringen gebotene Maßregel — der auch in Nr. 50 v. Jahrg