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Der Israelit · 1868-01-29 · Heft 5 (29.1.1868) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
9 (1868)
Issue
Heft 5 (29.1.1868)
Date
1868-01-29
Page
– (sequence 9)
Language
German
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IX. Jahrgang. Beilage zu Nr. 5 des Israelit. Aeitungsnachrickten und Correspondenzen. Deutschland. □ München, 8. Januar. Se. Majestät der König haben die von demBanquier Joseph Kohn in Nürnberg mit einem Kapital von 10,000 fl. unter dem Namen: „Sofie Kohn'sche Polytechnikum- Stiftung" gegründete Stiftung allerhöchst zu bestätigen geruht, und genehmigt, daß der durch die Begründung dieser Stiftung bekundete Wohlthätigkeitsfinn mittels des Regierungsblattes zur öffentlichen Kenntniß gebracht werde. — Württemberg. Nach der am 3. Dezember 1867 vorgenommenen Volkszählung befinden sich in Ulm 394, in Tübingen 34, in Heilbronn 454 Israeliten. In der letzten Stadt hat die Zahl seit 3 Jahren um 15 zugenommen und muß nun nach der Kgl. Verordn, von 1831 das Kirchenvorsteheramt künftig außer dem Rabbinen, Vorsänger und Kirchenpfleger, die von Amtswegen Mitglieder des Collegiums sind, aus 5 weltlichen Vorstehern bestehen, während anfänglich nur 3 solcher gewählten Beisitzer die Gemeindevertretung bildeten. Leider sind immer noch bloß die Ortsbürger wahlberechtigt, während die domizi.iirenden Gemeindegenossen, die allerdings auch nur aus der Hälfte ihres Erach Steuer zu zahlen haben, gesetzlich vom activen und passiven Wahlrecht ausgeschlossen sind. — Eßlingen hat 145 israel. Seelen, einschließlich der Zöglinge in der „Wilhelmspflege", worin die armen israel. Waisen des Landes untergebracht werden. Stuttgart, jetzt die größte Gemeinde des Landes, hat 1314 Israeliten. Es ist bei der jüdischen Seelenzahl Ul m's auffallend, daß die Gemeinde noch immer wie bei ihrer Kreirung nur 13 Vorsteher hat, um so auffallender, als diejenigen Gemeindegenoffen, welche mit dem jetzigen Collegium nicht allerwärts zufrieden sein können, durch Berufung auf den § 1 der Kgl. Verordn, vom 27. Oet. 1831 die Wahl eines vierten Vorstehers bei Kgl. Oberlamt beantragen und damit ein neues, vielleicht verbesserndes Element in das Vorsteheramt hineinbrin- »en könnten. [ Memel, den 16. Jan. Zur Illustration des «nter den Anzeigen dieser Nummer veröffentlichten vlufrufs, besonders des Nachtrags deffelben, sowie auch »n und für sich, dürfte eine Schilderung des jüdischen WebenS an hiesigem Orte sowie in den russischen Grenz- »ezirken von besonderm Interesse sein. Schon zur Zeit, »ls an hiesigem Orte erst 3—4 isr. Familien seßhaft waren, war hier der Sammel- und Tummelplatz einer Masse Fremder, besonders Russen und Polen, welche der reiche Geschäfts-Verkehr hierherzog, und mit der Zeit hat sich dieser Verkehr eher gesteigert als gemindert. Im Sommer wimmelt es hier von Juden auS Litthauen, Polen, Curland, Wolhynien u. s. w., theilweise prächtige Gtstalten, wie sie Lenardo da Vinci nicht besser darzustellen gewußt hat, theilweise auch sehr reiche Leute mit ihren jüdischen Dienern, Köchen, Unterhändlern; denn Memel war der Hauptstapelplatz der gewaltigen, russischen Hölzer, des Haupthandelsgegenstandes der Stadt. Mit Juli kommen diese Fremden und mit November verschwinden sie nach und nach. Die deutsch-israelitische Gemeinde unterscheidet sich in nichts von andern Gemeinden deutscher Städte. Die Mitglieder sind vermögend, gebildet, mit allem LebeM? comfort umgeben und leider ziemlich indifferent in religiösen Dingen' Auch in ihren Geschäften, die-wie ihr Leben einen großstädtischen Anstrich tragen, unterscheiden sie sich in nichts von den übrigen deutschen Glaubensbrüdern. Ihr erster Vorsteher ist Dir. der Medicin, außer welchem es hier noch einen Arzt jüd. Glaubens gibt. Sie sind ferner Engrossisten, Detailliflen, Produkten- und Salzhändler (an Salz allein wird jährlich für ein paar Millionen nach Rußland eingesührt), haben für die noble Welt Tuch- und Kleiderläden, Bank- und Speditions-Geschäfte, Bier- und Weinlocale. Nur ein Einziger hat ein Geschäft, das in Deutschland, vielleicht nirgends in dieser Form und Ausdehnung mehr vorhanden ist; er hat von der preußischen Krone die Bernstein- Baggereien und Gräbereien in Pacht, ein Geschäft das dem Manne in circa 12 Jahren über eine halbe Million eingebracht und auch mehreren Andern gleichfalls zu nicht unansehnlichem Vermögen verholfen hat. Beschreibung und Abbildung dieses Betriebs brachte neulich die Leipziger illustrirte Zeitung. Ganz anders verhält es sich jedoch mit 'den hier seßhaften polnischen und russischen Juden. Nur wenige haben Vermögen und huldigen deutschem Wesen und deutschem Comfort, und nur einige sind Inhaber und Theilhaber regelmäßiger Geschäfte. Fast alle sind Mäkler, Fuhrleute und Trödler; Koscher-Schneider und Kürschner, Garköche, Schochtim, Melamdim, Chasonim und Schamossim, Sofrim und Mohalim. Viele, besonders junge Leute, haben weiter kein Geschäft, als daß sie Tag und Nacht im „Beth,-Hamidrasch sitzen" und lernen. Die Zahl aller dieser beträgt fast das dreifache gegen die Zahl der deutschen Juden; sie läßt sich eigentlich gar nicht so recht bestimmen, sie nimmt ab und zu; man kömmt

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