Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 9 (1868)
- Issue
- Heft 5 (29.1.1868)
- Date
- 1868-01-29
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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„Nicht doch, btt mußt eines schimpflichen Todestertott, verhöhnt von all dem Volke, das dir so oft zugejauchzt hat!" Kaum hatte der Dämon ausgeredet, so verschwand er mit seinen Genoflen, und Jakob blieb allein zurück, Verzweiflung im Herzen. Ach, die Prophezeiung seines Freundes Joseph hatte sich nur zu bald erfüllt. O, hätte er ihm doch rechtzeitig ein williges Ohr geliehen! — Da lag er im finstern Kerker, die schweren Ketten verzweiflungsvoll schüttelnd, den Ehrgeiz verfluchend, der ihn hierhergebracht, um ihn dem entsetzlichsten Tode entgegenzuführen. Unterdeß war eS Nacht geworden; selbst daS spärliche Licht, welches das Hochoben befindliche, mit Eisenstäben vergitterte Fenster bisher eingelassen hatte, verschwand und machte der tiefsten Finsterniß Raum. Aber noch finsterer sah es in Jakobs Innern aus — kein Hoffnungsstrahl, kein Hoffnungsschimmer! Verrathen und verlaffen von denen, für die er bisher Alles gethan hatte, gab er fich der furchtbarsten Eelbstqual hin. „Wahrlich," sprach er endlich, „ich habe mein Schicksal verdient. Möge der Tod die Sühne meiner Sünden sein." Und fiehe, auf einmal ward es hell in seinem Innern. Er gedachte seines Vaters im Himmel, er bereute seine Sünden, und erinnerte sich des Wortes der Weisen, daß ein reuevoller Tod alle Verbrechen sühne. Da fühlte er seine Ketten nicht, da bedauerte er seinen Sturz von schwindliger Höhe nicht mehr, er erkannte, daß eS so bester war für sein ewiges Heil und dankte seinem Schöpfer für diese Wendung der Dinge, die ihn erretten vom ewigen Verderben. Plötzlich schreckte ihn das Knarren der Kerkerthüre aus seinem Sinnen hervor. Zu seinem Erstaunen sah er den Kaiser ein treten. „Bilhard," redete der Kaiser ihn freundlich an, „schon bereue ich meine Schwäche, daß ich dich deinen Feinden preisgegeben. Bilhard, ich komme, deine Fesseln zu lösen." „»Ich heiße nicht Bilhard,"" antwortete der Gefangene in dumpfem Tone, „„ich heiße Jakob. Die Hülle ist gefallen, ich werde sie nicht wieder aufnehmen." " „Was ist das?" fragte erstaunt der Kaiser. „Hat die kurze Hast deinen Muth so schnell gebrochen? Fürchte dich nicht; ich verderbe deine Ankläger, ich hebe dich wieder empor zur alten Höhe!" „„Das werdet Ihr nicht thun, Herr, sobald ich Euch sage, daß ich fest entschlossen bin, keinen Augenblick mehr zu lügen und zu heucheln, daß ich wieder als Jude leben und daß ich als Jude sterben werde."" - „Sei kein Thor, Bilhard! Hast du in diese» j dumpfen Loche den Verstand verloren?" „„Nein, mein Kaiser, ich habe vielmehr in diese» Kerker meine geistige und sittliche Kraft wiedergefunden. Ihr konntet mich stürzen; aber ich selbst hab^ mich wieder erhoben. Niemand hat mehr Gewalt: über mich, denn mein Gott allein. Ich habe Jh» verleugnet im Leben , ich will Seinen Namen heilige» durch meinen Tod!"" — Der Kaiser schüttelte das Haupt, ging dann zur Kerkerthüre hinaus und kehrte mit seiner Tochter wieder. Als diese ihren ehemaligen Bräutigam so gefesselt da liegen sah, warf sie fich über ihn, umarmte ih» und benetzte ihn mit ihren Thränen. Die Ketten hinderten Jakob, sie von sich fern zu halten. „Bilhard, geliebter Mann," rief die Prinzessin: unter Thränen, „kannst du mir verzeihen? Ich war so schnell bereit, dein Urtheil zu fällen; ich habe es bereits bitter bereut! Mein Kaiser, warum laßt Ihr die Ketten des edlen Mannes nicht sofort lösen?" „„Laßt mir meine Ketten, Prinzessin,"" entgegnete Jakob. „Ich werde nicht zu Euch zurückkehren. Durch meinen Tod will ich das Verbrechen sühnen, daß ich meinen Glauben verleugnet habe einen Tag lang. Ich bin wieder Jude und will als solcher leben undsterben."" Als die Prinzessin das vernahm, entfärbte sie sich; doch unterdrückte sie den aufsteigenden Zorn. „Herzog Bilhard," sprach sie, „Euer Gemüth ist durck» die jüngsten Ereignisse verbittert. Vergebt uns und seid wieder wie zuvor." „„Ich habe Euch längst vergeben; ich werde ohne Groll aus dem Leben scheiden; ich verzeihe allen meinen Feinden; ich selbst habe mein Geschick verschuldet und will dafür büßen. Doch wisset das Eine: Nie wäre ich Christ geblieben; als Kaiser wäre ich zum Judenthume zurückgekehrt, wäre nach Jerusalem gezogen, das alte jüdische Reich dort wieder aufzurichten."" Als das der Kaffer vernahm, war er außer sichvor Zorn. „So fahre denn hin, elender Jude," rief er, „du verdienst dein Geschick!" Dann ergriff er die Hand seiner Tochter und führte sie aus dem Gefängnisse. Hinter ihnen schloß fich die Kerkerthür; Jakob war wieder allein in dem finstern, engen, dumpfe» Raume; aber sein Herz erfüllte himmlische Freude. Er fühlte, daher durch die ebenbewiesene Standhaftigkeit, Vieles wieder gut gemacht aus seinem vergangenen Leben. (Schluß folgt.) Hierzu zwei Beilagen. Verantwortliche Redaction: Dr. Lehmann. — Verlag der Le Roux'schen Hosbuchhandlung. — Dampf» Schnellprefsendruck von I. GottSlebe« in Mainz.