Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 9 (1868)
- Issue
- Heft 1 (1.1.1868)
- Date
- 1868-01-01
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2446951-2447343-2447345--05775-2461298- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
14 Und so verlebtest Du noch drei Jahre; schwach an Körper und Geist , an das Krankenlager gefesselt, bis der Tod endlich Deinen Leiden ein Ende machte. Einer andern Welt ging Dem Sehnen, einem andren Leben gingen Deine Blicke entgegen. Was hier mühsam gesäet, ruht im Lande der Leiden, es grünet dort prachtvoll in ewiger Blüthe. Hirsch Fränkel! Deine Kinder, die nach Frankreich ausgewandert, haben in tiefer Ehrfurcht Deinen Namen dorthin verpflanzt; noch Dein Sohn hat Deine Geschichte aus dem Hebräischen in's Jüdisch - Deutsche übersetzt, und sie mit einem Epilog versehen, den Schluß Deiner- Geschichte enthaltend. Er hatte sie zum Druck bestimmt; aber es gelang ihm eben so wenig, sie drucken zu lassen, wie Deine hinterlasinen Schriften, die er, nach Deinem Wunsche, herausgeben sollte, zum Druck zu befördern. Ich erfülle heute nach mehr als hundert Jahren das Verlangen Deines wackern Sohnes und veröffentliche Deine Geschichte nach seiner Uebersetzung. Ein historischer Bericht von Deinem Enkel, Sohn Deiner Tochter Kelah, Namev'S H'enoch Cohen Schiff, der über sechzig Jahre Rabbiner in Balbron bei Straßburg war, und zu 96 Jahren starb; die Nachricht von den bei Dir angetroffenen kabbalistischen Büchern lammt beigefügten, nach absolvirter Inquisition von der theologischen und juristischen Facultät in Altdorf ertheiltem Responsum, sowie die Untersuchungsakten Deines Bruders Man Fränkel, haben meine Erzählung vervollständigt. Und so möge sie als ein treues Bild finstrer Zeiten von Neid und Bosheit, Aberglaube und Verfolgung durchflochten, dem geneigten Leser vorgeführt werden. II. Der Traum. Seit vier und zwanzig Jahren sitze ich hier gefangen im Thurme von Schwabach. Ich bin ein alter Mann geworden, ein Siebenziger. Es wird Zeit, daß ich mich zur großen Reise rüste. Meine Sehnsucht nach dem Tode, der mich, o Gott l in Deine Arme zurückführen wird, ist groß, ist unaussprechlich. Jedoch möchte ich noch für meine geliebten Kinder die Geschichte ihres unglücklichen Vaters schreiben, ehe mir die Feder aus der Hand fällt. Hier ist sie: Im Jahre 1501 wurde in der Landtagsversammlung des Königreichs Böhmen beschlossen, den Israeliten einen offenen Versicherungsbrief ausfertigen zu lassen, daß sie für ewige Zeiten bei der böhmischen Krone geduldet, und wenn Einer oder der Andre unter ihnen wider die Landesgesetze sich vergehen sollte, nur der Thäter allein bestraft, der ganzen Judenschast hingegen nichts zur Last gelegt werden könne. Dieser Landtagsbeschlutz, vom König Wladislaw bestätigt, zog viele Israeliten in seinen Staat. Unter diesen bemerkte man einen Großhändler aus Franken, der Fränkl oder Fränkel genannt wurde, obgleich sein Name Levi war. Fränkel oder Fränkl galt allgemein, und zwar mit Grund, für den reichsten und dabei edelsten Mann in Prag, wo er sich niederließ. Als der Sohn eines armen Rabbiners von Crailsheim hatte er sich aus seiner Dürftigkeit zu einem Stande großer Wohlhabenheit emporgeschwungen und sich durch Wohlthätigkeit ausgezeichnet. Wenn man ihn über die glückliche äußerliche Lage reden hörte, in der er sich befand, so vernahm man oft von ihm die Aeußerung: Mein ganzes äußerliche Glück habe ich einem Traume zu verdanken. Er hatte ,nicht Unrecht. Die Sache verhielt sich wirklich so. Der einzige Sohn seiner Eltern, war er ihre größte Lebensfreude und ihre größte Hoffnung. Sein Vater war ein gelehrter Mann, der bei all seiner Sparsamkeit und Genügsamkeit doch nicht quälenden Nahrungssorgen entging und oft genug mit den Seinigen darben mußte. Nichts tröstete ihn über seine traurige Lage mehr, als der Hinblick auf seinen Sohn Gabriel, der von oer Natur ausgezeichnete Anlagen erhalten hatte, deren Entwickelung sich der Vater sehr angelegen sein ließ. Ost, wenn er bekümmert da saß, und mit seinem harten Schicksale hadern wollte, kam der kleine Sohn voll Munterkeit und Freundlichkeit zum Vater gehüpft, um ihn zu liebkosen, und die Sorgen, die diesen drückten, schwanden bei dem Anblicke des geliebten Kindes und bei den schönen Hoffnungen hinweg, die dasselbe erregte; bas väterliche Herz erheiterte sich und überließ sich froher Aussichten für die Zukunft. Gabriel war, seiner ausgezeichneten Anlagen wegen, zum Studiren bestimmt. Als er reif genug war, eine Hochschule zu beziehen, entließen ihn die Eltern nicht ohne herzliche Ermunterungen und Bitten, die von Thränen der Liebe begleitet waren. Der Vater drückte ihn an sein Herz und sprach zu ihm: „Mein theurer Sohn, vergiß es nie, daß Deine Eltern Dich auf das Innigste lieben, und daß Du ihre Freude und Hoffnung" bist. O, vereitle uns unsre Hoffnung nicht! Unser ganzes Glück liegt in Deinen Händen, mein Sohn! Du wirst es nicht zerstören; nein, daL wirst Du nicht! Gott sei mit Dir, und sein guter Geist führe Dich einst so zurück zu uns, wie Du jetzt von uns scheidest." Gabriel war tief gerührt. Mit dem heiligen Versprechen, sich nie zu ändern, schied er von den geliebten Eltern, und degab sich nach der Hochschule zu Nürnberg, empfohlen von seinem Vater.' Da er arm war, so erhielt er nach altem Gebrauch Kost und Wohnung bei einigen wohlhabenden Mitgliedern der Gemeinde