Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 9 (1868)
- Issue
- Heft 1 (1.1.1868)
- Date
- 1868-01-01
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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12 Papier, ganz an der Spitze meiner Bibliothek? Das ist die Geschichte unserer Colonie, angefcmgen im ersten Jahre unserer Ankunft in diesem Lande, und fortgeführt bis auf den heutigen Tag; denn bei uns hat eder Rabbiner die Verpflichtung, ein Register zu halten, in welches alltäglich die Ereignifle seiner Gemeinde eingeschrieben werden; diese Arbeit wird alle fünf Jahre an unfern Oberrabbiner geschickt, welcher, von mehreren Gelehrten unterstützt, von all' diesen Documenten eine Universalgeschichte der Colonie herausgibt; dieses Werk wird sofort wieder jedem Rabbinen überschickt, welcher es sorgfältig aufbewahrt und seinem Nachfolger Übermacht, und so findet sich in jeder Gemeinde eine Geschichte der Colonie. Ich: Wiffen Sie, daß diese Einrichtung ebenso geistreich wie nützlich ist? Wenigstens misten Ihre Rabbinen fich mit einer ernsten Arbeit zu beschäftigen: wollte Gott, die Unsrigen wüßten es eben so gut! aber sie denken gerade wie ein christlicher Schriftsteller unseres Landes: „Glücklich die Völker, die keine Geschichte haben". Er: Sie verleumden vielleicht Ihre Rabbinen: in jedem Falle, lasten wir sie für den Augenblick: sie werden den Gegenstand einer unserer Unterhaltungen bilden, und da werden Sie mir Alles mittheilen, was sie betrifft. Ich: Sie haben Recht; auch bin ich äußerst neugierig, zu erfahren, was Ihre Beschäftigung ist, welche Geschäfte Sie betreiben, welchen Handwerken Sie sich widmen. Er: Ein Wort reicht aus, Ihnen über diesen Gegenstand Aufschluß zu geben: wir sind alle Ackersleute. Ich: Ackersleute!! — Sie scherzen mit mir? Er: Nicht im Geringsten, versichere ich Sie; wir sind, wie ich die Ehre habe, Ihnen mitzutheilen, Ackersleute: wir bewohnen Dörfer; es gibt wohl unter uns einige Handwerker, aber sehr wenige; was den Handel betrifft, so gibt es fast gar keinen in dieser Gegend, und der geringe, der getrieben wird, ist in den Händen der Chinesen. Ich: In der That, ich kann mich von meinem Erstaunen nicht erholen; Sie, Ackersleute und Landbebauer? und sind Sie nicht theilweise BanquierS, Kaufieute u. s. w.? Er: Nichts von all' diesem, aber ich erkläre mir nicht Ihr Erstaunen, was treiben denn die Israeliten bei Ihnen? Ich: Sie treiben Alles, außer Ackerbau, sie sind Alles, vom Colporteur bis Minister, aber keine Ackerbauer. Er: Also sind sie abgewichen von ihrer früheren Beschäftigung in Palästina? wie Sie wohl wiffen werden, waren wir alle Ackerbauer. Ich: Ich weiß es wohl, aber wir find fortgeschritten. Er: Wie, Sie nennen das fortschreiten, wenn Sie den Ackerbau vernachlässigen? Ich: Ist das Ihr Ernst? Steht der Handel nicht über dem Ackerbau? Erfordert es nicht mehr Verstand, eine Elle Tuch zu verkaufen, als sechs Morgen Land zu cultiviren, oder einen Wagen voll Heu zu ernten? Er: Sie mißverstehen mich. Gegen beide Gewerbe laffen sich Einwendungen machen, beide erfordern aber auch Verstand; jedoch nur derjenige, der sich ausschließlich mit dem Handel befaßt, kann sehr leicht Schicksalsschläge erleiden, von denen er sich kaum erholen kann. Ich: Welche Gefahren und welche Schicksalsschläge? Ich bitte, theilen Sie mir solche mit und ich werde Ihnen es frei heraussagen, wenn meine Glaubensgenoffen unter der Wucht Ihrer Bemerkungen fallen sollten. Er: Jemand, der sich ausschließlich mit Handel beschäftigt, ist gewöhnlich nicht religiös; der Ackerbauer aber ist fromm, seine Beschäftigung weist ihn gleichsam schon daraufhin, schon allein darum, damit es regne und das Wetter günstig für ihn ist. Beim Kaufmann ist dies das Gegentheil; der hat sehr wenig mit dem Ewigen zu thun; ist er aus dem Tempel gegangen, so denkt er nicht mehr an Gott, die Menge von Geschäften absorbiren unaufhörlich seinen Geist, er lebt für seine eigene Religion, für das Gold. Wollen Sie noch mehr Beweise? Ich: Ich habe Ihnen Aufrichtigkeit versprochen und muß, ohne Ihren Einwurf ganz zuzulassen, gestehen, daß die occidentalischen Juden nicht fromm find und sich sogar täglich von der Religion immer mehr entfernen. Er: Ich habe Ihnen noch nicht Alles gesagt. Ihre Abendländischen Juden haben das Unglück gehabt, in dem Lande, wo sie sich niederließen, gleich Wurzel zu fassen, sich dort einzubürgern, die Sitten und Gewohnheiten ihrer Mitbürger anzunehmen. Merken Sie Sich wohl, ich will hier von der Emancipation sprechen, aber nicht von der bürgerlichen Gleichstellung, die, wie ich weiß, schon lange bei Ihnen ist, sondern von der eignen, freiwilligen Emancipation will ich sprechen, unterstützt von den Sitten ihrer Mitbürger. Die alten Vorurtheile müssen fallen, der Kaufmann muß mit dem Bauer eines Weges ziehen. Auf dem Lande wird es immer schlechter, dem Bauer scheint Eure Kleidung luxuriös. Eure Beschäftigung gibt Euch ihnen gegenüber das Ansehen eines Edelmannes. Leget alles dieses ab und Ihr werdet sehen, eS wird Alles beffer werden. Habe ich Recht? Ich: Aber es ist nicht unsere Schuld, daß wir