Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 9 (1868)
- Issue
- Heft 1 (1.1.1868)
- Date
- 1868-01-01
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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IX. Jahrgang. Beilage z« Nr. 1 des Israelit. AeitungSnachrichten und Corresporrdenzen. Deutschland. Heidelberg, im Dezember. An der hiesigen Universität sind an den drei Fakultäten (bte theologische bleibt natürlich ausgeschlossen) israelitische Docenten in hervorragender Weise thätig. Als ordentlich öffenlliä er Lehrer gehört der juristischen Facultät Professor Goldschmidt, der philosophischen Professor Weil an, jener hochgeachtet in der gelehrten Welt als Autorität namentlich im Handelsrecht und bei der studirenden Jugend wegen seines klaren und gediegenen Vortrags sehr beliebt; dieser, ein ausgezerchnter Kenner der orientalischen Literatur, ist auch in weiteren Kreisen durch seine Arbeiten, die sich aus die Geschichte des Islams beziehen, bekannt. Außerordentliche Professoren find zwei jüdische Mediciner, der Pathaloge und praktische Arzt vr. Oppenheimer und der Ohrenarzt vr. Moos; als Privatdocent wirkt in der medicinischen Facultät Vr. Bernstein. Außerdem lehren als Privatdocentcn vr. Asher, der mit großer Strebsamkeit das römische Recht bearb-rtet, und vr. Lefmann, der sich mit Sprachvergleichung und dem diesem Studium zu Grunde liegenden Sanskrit beschäftigt. Profesior Oppenheimer steht auch an der Spitze eines Vereins, der es sich zur Ausgabe gesetzt hat, arme jüdische Studenten zu unterstützen. Eine Kollekte, die vor Kurzem unter den Wohlhabenden der studirenden Glaubensgenossen Statt fand, hat in die Kasse dieses Vereins eine ansehnliche Summe geliefert. Aus dem rd deutsche« Bunde, im Kislev. (Privalmitth.) Wir haben bereits schon gemeldet, wie im Mecklenburger Landtag die Vorlage der Regierung betreffend die Iudenverhältnisse dem Insttzcomite zur Berathung übergeben worden ist. In der Sitzung vom 11. December erstattete nun Herr v. Oertzen- Woltow im Namen der Commission Bericht über die Vorlage, und brachte somit dieselbe zur Discussion, die uns einen etwas klareren Einblick in die conservativen Interessen Mecklenburgs gewählt. Das Resultat der Berathungen der Commission war, daß sich das Comite nicht einigen konnte; die sechs ritterschastlichen und zwei landwirthschaftlichen Mitglieder finden, daß Rationalismus und sogenannte Toleranz die Juden auch öffentlich den Christen gleichstellen wolle, es sei aber der Humanität genügt, wenn sie privatrechtlich und gewerblich gleichgestellt würden, und seien sie von > Ortsobrigkeit und Polizei auszuschließen. Der Strelitz'sche Entwurf gestehe ihnen als Gutsbesitzern mit Unrecht I Landstandschaft, Jurisdiction, Strafpolizei und Aufficht j über christliche Schulen zu; das möge nach dem j schwerin'schen Entwürfe geändert werden. Die loyalen! Herren vom Landtage scheinen ganz und gar zu über- 1 sehen, welchen Vorwurf sie der Regierung, insbesondere! der strelitzer, machen, wenn sie deren Forderung als! Ausfluß eines Rationalismus bezeichnen, denn rationell j möchte doch die ftomme mecklenb. Regierung wohl um keinen Preis sein. Wir aber gehen gern darauf ein,! und möchten den Herren zu Gefallen ebenfalls die! Gleichberechtigung der Israeliten als vom Standpunkte! der ratio (Vernunft) gerechtfertigt, sogar geboten wissen. Den hochgelahrten Herren sei nämlich, da sie es nicht! zu wissen scheinen, von uns gesagt, daß rationell derj jenige verfährt, welcher den von der Erfahrung darge-! botenen Erkenntnißstoff nicht unmittelbar für den Aus-! druck des wahren Wissens hält, sondern denselben! einem prüfenden, umbildenden, berichtigenden und er-! weitenden Denken unterwirft. Ein so gewonnenes Wissen heißt ein rationelles und, insofern es durch! unabweiöliche Schlüsse erreicht wird, wohl auch ein demonstratives. In der Wissenschaft und im täglichen Leben kann ein solches rationelles Denken mit nichts Positivem in Collision kommen; nur in solchen Gebieten, wo gewisse Produkte des geistigen Lebens äußere Geltung gewonnen haben, deren Berechtigung und Wahrheit dann wieder in Frage gestellt wird, wie manchmal in den Gebieten des Rechts und des religiösen Glaubens, führt der Rattonalismus bei Skeptikern zu einem Kampfe des prüfenden Denkens mit dem Positiv-Geltenden. Ist dem aber so, so haben Diejenigen, die das Postulat der völligen Emancipatton der Israeliten stellen, nur ein Zeugniß davon abgelegt, daß sie fähig sind zu denken und auch gedacht haben; diejenigen aber, die der Humanität schon genügt zu haben glauben, wenn sie die Israeliten nur privatrechtlich und gewerblich gleichstellen, beweisen dadurch auf's Glänzendste, daß sie den Begriff „Rattonalismus" nur nach der einen Seite kennen, wo er mit dem Positiv-Geltenden im Conflikte sich befindet. Die Minorität im Comite, die besser unterrichtet zu sein scheint (die Herren Bürgermeister Karrig, Zegelin, Hermes und Wegener) will daher auch nach dem Bundesgesetze den jüdischen Gutsbesitzern, Landstandschast, Patronat, Schulaufsicht u. s. w. zugestehen, und entscheidet sich für den Strelitz'schen Entwurf. Es entsteht eine ziemlich lange Debatte, in welcher die Herren Gras v. Bernstoff, vr SchultetuS, v. Oertzm-Kotelow, a. Pluskow und v. Rieben für die Beschränkung der