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Der Israelit · 1868-01-01 · Heft 1 (1.1.1868) · page 8

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Journal
Der Israelit
Volume
9 (1868)
Issue
Heft 1 (1.1.1868)
Date
1868-01-01
Page
– (sequence 8)
Language
German
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8 „O, Jakob, thue das nicht! Siehe, wenn du in reiner Absicht eindringen wolltest in die Tiefen der Kabalah — auch dann würde mir es bangen um Dich; denn da heißt es oft: Wer zunimmt an Erkenntniß, nimmt zu an Schmerz. Du aber willst mit einer Lüge vor den Rabbi treten! Du gehst zu Grunde. O, entsage, mein Freund, laß ab von dem frevlen Beginnen." „„Nimmermehr! Leb* wohl, Joseph, du siehst mich so wie heute niemals wieder. Sofort gehe ich zum Rabbi; ich werde ihn schon bewegen, meinen Willen zu thun."" II. In seinem Studierzimmer saß der alte, ehrwürdige Rabbi im Lehnstuhl; sein Auge blickte nicht in das vor ihm aufgeschlagene Buch, auf das eine einfache Lampe düstern Schein warf; der Rabbi war in tiefes Nachdenken versunken. Sein Schüler Jakob hatte ihm seit einigen Wochen viel zu denken gegeben. Er ** hatte den Geist der Ehrsucht und der Weltlust an dem Jüngling mit Kummer bemerkt, hatte aber noch nichts darüber geäußert. Jakob war der fähigste unter den zahlreichen Schülern des Rabbi; bisher hatte der Jüngling aufs Eifrigste dem Talmudstudium obgelegen; seit wenigen Wochen war er träumerisch geworden; manche unbedachte Aeußerung verrieth dem aufmerksamen Lehrer, was im Innern des Schülers vorging. Bis jetzt hatte der Greis geschwiegen; sollte er den Jüngling zu Rede stellen oder sollte er noch ferner abwarten? Diese Gedanken beschäftigten den Rabbi, als leise an die Thüre geklopft wurde und Jakob eintrat. „Was führt dich noch in später Nacht zu mir, mein Sohn?" fragte ihn sanft der Rabbi. „„Rabbi,"" antwortete Jakob demuthsvoll, „„Ihr wißt, mit welchem Eifer ich den Talmud und die rabbinischen Schriften studirt habe; Ihr selbst habt es oft genug ausgesprochen, daß ich tief eingedrungen bin in die Schachten der göttlichen Lehre. Jetzt aber möchte ich die tiefsten Tiefen des Wissens ergründen; Rabbi, lehrt mich die Kabalah! Der Rabbi erschrak, als er dieses Wort vernahm. “ „Jakob," sprach er, „ich habe in deinem Herzen gelesen. Du strebst nach Ehre und Reichthum und irdischem Genuß, und dazu soll dir die heilige Wissenschaft als Mittel dienen. Weißt du nicht, was die Weisen sagen: Wer die Krone als Werkzeug gebraucht, vergeht?" Eine tiefe Röthe hatte Jakobs Antlitz überzogen; er hatte keine Ahnung davon, daß ihn sein Lehrer seit Wochen beobachtet hatte. Jetzt sah er seine geheimen Absichten verrathen. „Nur der Kabalist vermag in den Herzen der Menschen zu lesen," dachte er. Um so größer wurde seine Begier. „„Rabbi,"" sprach er dann, „„es ist wahr, ich hatte solche Gedanken. Allein, ich schwöre Euch, ich will sie weit, weit hinwegbannen. Nur der reine Wissensdurst, nur das Streben, zu lernen, zu lehren, zu beobachten und zu halten, soll mich fortan leiten. Rabbi, ich bitte Euch, weiht mich ein in die Kabalah!"" „Jakob, armes Kind, du verlangst deinen Tod. Wer die Kabalah mißbraucht, ist verloren in dieser wie in der künftigen Welt." „„Rabbi, hört meinen heiligen Schwur; ich schwöre Euch, sie niemals zu mißbrauchen. O, erfüllt meine Bitte, Ihr werdet stets einen gehorsamen Schüler in mir finden!"" „Nun wohl," sprach da der Rabbi feierlich, indem er sich erhob, „ich werde dich zu den Proben zulassen. Bestehst du diese , so führe ich dich in die geheime Wissenschaft ein." Jakob's Auge leuchtete vor Freude; erwartungsvoll sah er den Rabbi an. „Setze dich in meinen Lehnstuhl!" sprach dieser. „„Auf meines Rabbi Platz?"" fragte Jakob erstaunt. „„Nimmermehr, Demuth ziemt dem Schüler!"" „Thörichter Knabe," entgegnete der Rabbi, „weißt du nicht, daß Gehorsam die erste Pflicht des Schülers ist?" Da setzte sich Jakob in den Lehnstuhl des Rabbi. Dieser aber öffnete einen geheimen, in die Wand gemauerten Schrank, nahm allerlei Essenzen und Kräuter heraus, braute einen Trank, und goß ihn in einen großen Becher, dcn er Jakob reichte. „Da trinke," sprach er dann, „der Trank wird dich stärken, daß du die Proben bestehest." Und Jakob trank. Plötzlich fühlte er sich wie neubelebt. Niegeahnte Kraft durchströmte sein Inneres, er fühlte es wie Feuer in seinen Adern fließen. Er glaubte der Erde entrückt zu sein und befähigt, den Himmel zu ersteigen. Lächelnd sah ihn der Rabbi an. „Deine Probezeit beginnt sofort. Du darfst mein Haus nicht verlassen, bis sie vorüber ist " Das war eine harte Zeit, die Probezeit. Fasten und Kasteiungen legten eine schwere Bürde auf. Des Himmels Mächte und der Tiefe Schrecken setzten sich in Bewegung, um Jakobs Standhaftigkeit zu erschüttern; allein er blieb unerschütterlich. Keine noch so furchtbare Erscheinung schreckte ihn, keine noch so reizende Verführung lockte ihn. Die Probezeit ging glücklich vorüber und die Lehrzeit begann. (Fortsetzung folgt.) Hierzu eine Beilage. Verantwortliche Redaction: Dr. Lehmann. — Verlag der Le Roux'fchen Hofbuchhandlung. — Dampf-Schnellpressendruck von I. Gottsleben in Mainz.

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