Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 9 (1868)
- Issue
- Heft 1 (1.1.1868)
- Date
- 1868-01-01
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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8 geistige Schaffen von Tag zu Tag umfaffender und segensreicher wurde; ein Streben, dem selbst unsere Feinde reinen Damm zu setzen vermocht haben. Durch den Verfall des Morgenlandes gingen viele der besten intellectuellen Kräfte verloren für die heilige Sache, denn ein wahrer Zauber hat sie Alle gebannt. Man liebt in diesem Lande das dolce far mente, man meidet jederlei Aufregung. Wir sind ganz betroffen, wenn wir in diesem Lande irgend einer freudigen oder i"n einer traurigen Gelegenheit beiwohnen. Freud' oder Leid, keines von beiden faßt tiefe Wurzel im Herzen der Orientalen. Vergebens suchen wir bei Hochzeiten jene reine Simchah schel mizwcch, die wir bei solchen Festen im Kreise jüdischer Familirn Europa's antreffen. Ueberall herrscht Gleichgiltigkeit, wie wenn Alles von einem unerbittlichen Fatum so bestimmt wäre. Wenn auch weniger wie der Muselmann, so ist der spanische Jude doch im gewiffen Sinne Fatalist, und darum wieder höchst zufrieden und genügsam. Er ist glücklich, wenn er nur für den heutigen Tag seine Nahrung gefunden hat. Der kommende liegt für ihn in einer weitentfernten Sphäre. Reich oder arm. bewegt sich der türkische Jude in diesem Gedankenkreise, er freut sich so recht feines Theils; die Zuversicht auf Gott stärkt ihn. Oft überschreitet er die Grenzlinie des Vertrauens auf Gottes Hilfe; überhaupt handelt man ohne Vorbedacht und werden bei einem Unternehmen selten die Kehrseiten berechnet. Eine natürliche Folge hievon sind die häufigen und plötzlichen Vermögensverluste. Der Verarmte verzweifelt aber nicht; geduldig fügt er sich in sein Geschick mit dem Bewußtsein, daß dies Schicksal ihn so hat treffen müffen. Ich habe Männer gekannt, welche früher im Wohlstände lebten, jetzt aber Denen dienen mußten, welche ehemals von ihnen Spenden empfangen hatten; kaum, daß sie noch ihren Fall verspürten. Die Leidenschaften und Gefühle böser und guter Art schlummern in den Bewohnern des Morgenlandes. Es ist überhaupt eigentümlich, daß die Menschen stufenweise ruhiger und in geistiger Beziehung träger sind unter tropischem Clima, während man den Südländern sonst ein feuriges Temperament beilegte. Der Orientale ist im Allgemeinen weder zornig noch rachesüchtig, dabei aber auch weder eifrig noch aufopfernd für eine gute Sache. Es ist unglaublich, mit welchem Gleichmuthe der Morgenländer das Unglück seiner Brüder betrachtet, als wohne in ihm keine Faser menschlichen Gefühles. Ich übertreibe nichts und rede aus täglicher Erfahrung, in welcher ich mich überzeugt habe, wie wenig Sinn hier zu Lande der Mensch für seinen Nächsten hegt. Doch auch dieser Mangel ist eine regelrechte Folge der allgemeinen Lebensanschauung der orientalischen Menschheit. Wer arm geboren ist, der muß es ja sein «nd soll es sein! Oft habe ich schon vergebens meinen orientalischen Brüdern das b~\ n»» zugerufen; denn durchlaufen wir die ganze Türkei, wo ist die Stadt, in der sich ein wahrer Annehmer für Wittwen und Waisen findet? In welcher Gemeinde sorgt man für Kranke und Leidende? Von min mo^n werde ich später sprechen, um auch hierin die Nachlässigkeit der Gemeindeverwaltungen aufzudecken. Alle diese Mißstände wurzeln in dem Characterzuge einer beispiellosen Gleichgiltigkeit und Indolenz. Wohl sinv die Gemeinden der Türkei nicht reich, allein nw'L bleibt eine ewige Wahrheit, und bedürfte es nur einer einsichtsvollen Verwaltung, um gar manche schöne mildthätige Anstalt zu creiren. Ich werde sogleich Gelegenheit haben, Ihre geschätzten Leser mit dem Organismus der jüdischen Gemeindeverwaltungen bekannt zu machen, wobei ich auf die oben besprochenen Mißstände zurückkommen will. Der spanische Jude ist jedoch gefühlvoll und rege für das Allgemeine. Die Spanier leben innig zusammen und hegen nicht jenen plutokratischen Stolz ihrer arabischen Brüder. Sie sind sehr gastfreundlich und dienstfertig gegen ihre Brüder. Im Handelsverkehr stehen sie sich getreulich bei, und mögen sich an ihnen unsere polnisch-russischen Brüder im Orient ein Beispiel nehmen. Diese leben in stetem Zwiespalte, jene in Frieden. Der heftigste Streit bei Spaniern wird bald ausgeglichen und führt nie zu langem Grollen. Ueber unsere polnischen Juden will ich kein Urtheil fällen, denn alle jene, welche in der Türkei, Palästina ausgenommen, wohnen, sind die Auswürflinge der großen jüdischen Gemeinden Rußlands und Polens l Der Spaniole ist geschäftig und sehr arbeitsam, er unterzieht sich mit Freuden den mühevollsten Arbeiten und hegt nie ein falsches Ehrgefühl. So sind es z. B. in Salonichi ausschließlich Juden. welche die Lasten vom und zum Schiffe bringe«; hohe Gestalten von seltener Stärke. Gar viele unter ihnen besitzen ein schönes Capital. Das innere religiöse Leben wird streng beobachtet, da dort die Frau mit gottgefälligem Sinne waltet. Darum gibt es (außer in Constantinopel) fast kein Haus, in dem nicht streng jüdisch gelebt würde. Auch bei den wahren Spaniern in Constantinopel geht es noch recht jüdisch im Innern her, und sind es die Europäer oder eingeborenen Abendländer, welche mit schlechtem Beispiele vorangehen. Der modernifirteste Orientale wird aber im Hause nichts thun, was gegen die Religion verstößt. Die Stellung der spaniolischen Frau ist viel ehrenvoller, als die aller andern orientalischen Frauen.