Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 9 (1868)
- Issue
- Heft 1 (1.1.1868)
- Date
- 1868-01-01
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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s die jüdische Religion findet die volle, ihr gebührende Anerkennung, und Zwangslaufen, an Juden vollzogen, oder Entführungen unmündiger jüdischer Kinder in Klöster werden künftig nicht mehr Vorkommen können. Auch in Ungarn ist vor wenigen Wochen die vollständige Emancipation vom Ministerium als Gesetzentwurf eingebracht worden; derselbe ist vom Unterhause ohne Diskussion einstimmig und von der Mag- «atentafel mit ungeheurer Majorität angenommen worden und es unterliegt keinem Zweifel, daß der Entwurf bald wird zum Gesetze erhoben werden. In den Donaufürstenthümern dauern die Verfolgungen leider schon ein ganzes Jahr. Vergeblich scheint sich der edle Sir Moses Montefiore bemüht zu haben; der Fürst selbst scheint zu ohnmächtig zu sein, dem Treiben der elenden, aber mächtigen Judenfeinde Einhalt thun zu können. In Rußland fährt der hochherzige Kaiser Alexander II. fort, unfern Glaubensgenossen die Freiheiten zu ertheilen, die ein civilisirter Staat den Bekennern der jüdischen Religion nicht vorenthalten kann. Rußland, das seinen Blick nach Asien wendet, hat auch dort unsern Glaubensgenossen viel Gutes gebracht. In den kaukasischen Ländern nämlich wohnen viele Juden, die dort im tiefsten Drucke schmachteten und durch diesen Druck die heilige Religion der Väter fast ganz vergessen hatten. Von ihnen wurde das erobernde Rußland als ein Erlöser begrüßt; denn mit der Eroberung hörte auch die Knechtschaft der Nachkommen Jakobs in jenen Ländern auf. Aber nicht allein die körperliche Unfreiheit, auch die geistige hörte dadurch auf; denn unsere Brüder in Rußland sandten sofort nach jenen Gegenden Rabbinen, Lehrer, Schochtim, Sepharim, Tephillin, Mesusoth, Thaleßim — kurz Alles, dessen es zum jüdischen Leben bedarf, so daß eine größere Zahl unserer Stammesgenossen der jüdischen Religion gleichsam auf's Neue gewonnen wurde. Auch in Amerika, wo das jüdisch-religiöse Leben vielfach erstorben schien, regt es sich gegenwärtig mächtig zum Einschlagen eines besseren Weges. Kräftig bemüht man sich dort, die Heiligung des Sabbats wieder in's Leben zu rufen, und wo in jüngster Zeit flagrante Gesetzesübertretungen vorgekommen sind, da haben sich auch gewichtige Stimmen dagegen erhoben. Wir haben im Laufe des Jahres vielfach Gelegenheit gehabt, von Auszeichnungen zu berichten, die unsern Brüdern zu Theil geworden sind, von Anstellungen in allen Branchen des Staatsdienstes, die Religionsgenossen erlangt haben. Leider haben wir auch die Erfahrung machen müssen, daß derartige, hochgestellte Juden ganz indifferent gegen den Glauben der Väter werden — wir erinnern an Achills Fould, der, wiewohl nicht getauft, auf einem christlichen Friedhofe seine letzte Ruhestätte fand —, oder gar sich feindlich gegen ihre Stammesgenossen und gegen die eigene Religion verhalten, wie jener badische Staatsanwalt, dem jedoch die Strafe auf dem Fuße gefolgt ist. Das Wahrnehmen solcher Ausschreitungen schmerzt gar tief. Wenn wir die allgemeinen Verhältnisse der Israeliten Deutschlands in religiöser Beziehung in's Auge fassen, so können wir uns einer tiefen Wehmuth nicht erwehren. So viele Kräfte, so viele Mittel, so viel Intelligenz und so wenig religiöser Sinn! Trösten darüber kann uns nur der Hinblick auf Ihn, der die Zukunft nicht allein kennt, sondern auch gestaltet, dessen unerforschliche Pläne auch diesen Zeitabschnitt zu einem Ausgange führen werden, welcher uns näher bringt bw dem Lichte des verheißenen Erlösers 'n dnj npyo ytPB ’ruptn hm „Es wird kommen für Zion der Erlöser und für die so zurückkehren vom Verbrechen in Jakob, spricht Gott". Der Orient.*) Der im Orient angesiedelte Spaniole ist im Allgemeinen religiös, mehr aber aus Gewohnheit als aus innerem Ueberzeugungsdrang, welcher durch den schlaffen Thora-Unterricht wenig genährt wird. Es fehlt diesem Stamme an geistigem Triebe nach höherem jüdischen Bewußtsein, an jenem Feuereifer, von dem so Manche unsrer europäischen Brüder beseelt sind. Für den aufmerksamen Beobachter hat dieser geistige Verfall nichts Staunenswerthes. In vielen Dingen theilte unsre Nation das Loos anderer Völker und gerade vielleicht liegt ein deutliches Zeichen der göttlichen Sorge um Israels Bestehen m dem Umstande, daß auch der Schauplatz unsres kernfesten religiösen Lebens vom Oriente nach dem Abendlande verlegt wurde. Asien und Afrika haben jetzt für die großen Weltereignisse nur eine untergeordnete Bedeutung; die Wiege der Menschheit, dort, wo Jahrtausende hindurch gewaltige Mächte um den Vorrang gekämpf haben, sie ist verlassen; Alles, was eines höheren Lebens fähig war, ist von dort entschwunden. Bei'm Beginne der Entwickelung der Bevölkerung Europa's und dessen moderner Staatenbildung, wo finden wir die Helden unsrer Thora? Nach und nach waren auch sie gewandert nach Europa's aufblühenden Staaten. Bis in den weiten Norden hinauf verpflanzten sie Moscheh's Lehre, deren göttliche Leuchte der Gesammtjudenheit des Abendlandes neue, unverlöschbare Lebenskeime verlieh. Und während Könige und Fürsten sich bekriegten, und Priester mit Gelehrten sich um den Besitz der menschlichen Vernunft stritten, bildeten sich im Schweigen der Zeit, tacito tempore, großartige jüdische Gemeinden, in deren Mitte das reinste, uneigennützigste, *) Siehe Nr. 35 des vor. Jahrg.