Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 8 (1867)
- Issue
- Heft 52 (25.12.1867)
- Date
- 1867-12-25
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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902 richten erhalten, die Ihren verschwundenen Gatten betreffen." möglich? Lebt er noch?"" „Er lebt noch." „„Und hat mich böswilliger Weise verlasse«?"" „Nein, das hat er nicht. Haben Sie vielleicht von einer Schauspielerin Namens Adele gehört?" „„Gewiß! Mein seliger Vater hat mir erzählt, daß Sebulon während seiner Studienjahre mit einem solchen Weibe in Verbindung gestanden. Gott, sollte er mich ihr geopfert haben?"" „Nein, nein, Madame, beruhigen Sie Sich, ich will Ihnen Alles mittheilen." Und der Rabbiner erzählte. Thränen des Mitgefühls entströmten reichlich den Augen des armen Weibes bei der Schilderung der Qualen ihres Gatten. Die alte Liebe zu dem Freunde ihrer Jugend erwachte mit erneuter Macht. „„Wo ist er jetzt?"" rief sie, als der Rabbiner seine Erzählung beendet hatte, „„er soll kommen, sofort kommen; ich will wieder sein Weib, sein treues, hingebendes Weib sein!"" Da ging der Rabbiner hinaus, den harrenden Gatten zu rufen. Niemand war bei dem Wiedersehen zugegen. Aber im Nebenzimmer vernahm man das heftige, laute Weinen Friederikens und das Schluchzen des vr. Sebulon. IX. Nach dem Laubhüttenfeste empfing der Rabbiner folgendes Schreiben: „Ehrwürdiger Herr!" Sie werden meinen Brief vom Rüsttage des Neujahrsfestes mit meinen und meiner lieben Frau erneuten Danksagungen empfangen haben. Gegenwärtiges bezweckt, Ihnen weitere Mittheilungen über die Schicksale von Personen zu machen, an deren Glücke Sie so großen Antheil haben. Wir haben uns hier wiederum häuslich niedergelaffen, und ich habe bereits eine ausgebreitete Praxis. Sie können Sich leicht denken, daß unser wunderbares Geschick nicht geringes Aufsehen erregt hat, und wir find die Löwen des Tages. Viele Kranke laffen sich nur deßhalb von mir behandeln, um mich zu sehen und zu sprechen. Wir haben unser Haus nach echt-jüdischer Weise eingerichtet, und ich sowohl wie meine Frau sind fest entschlossen, keinen Finger breit von Gottes Geboten abzuweichen. In der Zeit des Kummers und des Elends lernt man es, zum Allvater emporzublicken und von Ihm allein das zeitliche wie das ewige Heil zu erwarten. Von London habe ich die Nachricht erhalten, daß der Direclor der Irrenanstalt und seine Helfer zu langjähriger Deportation verurtheitt sind; aus seinem Vermögen wird mir eine beträchtliche Entschädigungssumme gezahlt werden. Adele hat sich dem strafenden Arm der irdischen Gerechtigkeit entzogen. Sie ist wahnsinnig geworden und in einer Irrenanstalt untergebracht, mn tud mo *) lehren die Weisen. Herr Laditz ist mit Zurücklaffung vieler Schulden nach Amerika entwichen; man sagt, es sei auch ein Fälschungsproceß gegen ihn anhängig. Frau Skopp wagt es kaum, ihre Behausung zu verlosten; sie ist der Gegenstand allgemeiner Verachtung. Und nun, Herr Rabbiner, empfangen Sie noch einmal meinen und meiner Frau innigsten, glühendsten Dank. O, ich mag den Gedanken nicht ausdenken: wenn meine Frau an einen Reformrabbiner gerathen wäre, und dieser hätte ihr nach der in jüngster Zeit beliebten Theorie gesagt, daß das jüdische Gesetz auch in Ehesachen dem Landesgesetze nachstehen müffe, nach welcher Theorie man in Berlin und Hamburg wiederholt in der Praxis verfahren und ungeschiedene Ehefrauen copulirt hat — dieser Laditz wäre Jude geworden, und meine Frau. doch, ich schweige lieber; schon der bloße Gedanke daran macht mich krank. Sie aber, Herr Rabbiner, möge der Allgütige segnen immerdar. Er verleihe Ihnen Kraft und Ausdauer in Ihrem heiligen Berufe, und alle Wünsche Ihres edlen Herzens erfülle Er zum Guten. Und nun habe ich Ihnen noch in meinem Namen und in dem meiner lieben Frau eine Bitte vorzutragen: Veröffentlichen Sie unsere Geschichte, auf daß sie Andern in ähnlicher Lage zur Lehre und zur Warnung diene. Verändern Sie gefälligst die Namen der Personen und deuten Sie meinen Wohnort nur an. Es wird allerdings viele Leute geben, welche die Namen errathen werden, da unsere Erlebnisse vielfach bekannt geworden; daran liegt jedoch Nichts. Nachdem uns so viel Liebes und Gutes von Ihnen erwiesen worden, dürfen wir wohl erwarten, daß Sie uns auch die Erfüllung dieser Bitte nicht abschlagen werden. Leben Sie recht, recht wohl! In unaussprechlicher Hochachtung und Verehrung verharrt Ihr ergebener Dr. Sebulon. P. , den 29. October 1867. *) Maaß für Maaß. Hierzu eine Beilage. Verantwortliche Redaction: vr. Lehmann. — Verlag der Le Roux'schen Hofbuchhandlung. — Dampf»Schnellpressendruck von I. Gottsleben in Mainz.