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Der Israelit · 1867-12-25 · Heft 52 (25.12.1867) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
8 (1867)
Issue
Heft 52 (25.12.1867)
Date
1867-12-25
Page
– (sequence 2)
Language
German
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896 alle äußeren Verhältnisse gleich waren, und sich dennoch Jakob zu einem heiligen Patriarchen, Esau hingegen zu einem götzendienerischen, sittenlosen Jäger entwickelte — also steht es, ganz unabhängig von allen äußern Verhältnissen, jedem Menschen frei, der Herr seines Thuns und Lassens, der eigene Entwickeler seines sittlichen und religiösen Lebens zu sein; und wie unabhängig von seiner Erziehung Chiskija, der Sohn des schändlichen Achas, ein beispiellos edler und gotterfüllter König ward, so ward trotz der sorgfälrigsten Erziehung Chiskia"s Sohn, Menascheh, der Sitten - verderber Juda's. Diese Freiheit des Wollens und Handelns nicht allein zu erkennen, sondern auch zu üben, und zwar nach den Grundsätzen der Wahrheit zu üben, die Gedanken der Wahrheit durch die That zur Wirklichkeit zu bringen, nach den erhabenen Lehren unserer heiligen Religion mit Ueberzeugungstreue stets und ständig zu verfahren — das ist die große Aufgabe des wyon von dem der Psalmist sagt: nnwy did bow, „das Verständniß des Guten für Alle, die sie thun". — Es ist das die Größe der That, die allein das Judenthum kennt und lehrt. — Aber das Allerhöchste, das ist der tyisn das ideale Denken der letzten und ersten Gründe, welche die Welt bewegen; das Denken des Allmächtigen, den wir nicht schauen können, von dem wir keine Vorstellung haben, den kein Begriff begreift, an den kein Urtheil hinanreicht, auf den wir aus Millionen Ursachen schließen müssen, den wir nur denken können und an den wir glauben sollen; ferner die eigene Seele, die da ist „Geist von meinem Geiste" und die geschaffen ist in der Aehnlichkeit mit Ihm; endlich die Unsterblichkeit, die wir nicht bloß ahnen, sondern als nothwendige Consequerrz der Willensfreiheit geistig erfaflen sollen. Diese geistige Klarheit nennt der Psalmist nbnn — zusammenhängend mit mv p — und sagt vo« ihr nnaiy irtam, seine, beStyisn biv, Klarheit steht aufrecht und fest — rnoiy — und zwar lyb, indem sie zum Ewigen, Unendlichen hinstrebt. Das sind die erhabenen Wahrheiten, die das Judenthum der Welt gebracht hat und deren Erfassen einen unendlich höheren Werth haben als alle irdische Schätze 2ni -)’£> min jiü. Aber gestehen wir es offen ein, wir hätten uns aus uns niemals zu der höchsten Wahrheit emporgerungen; niemals hätte das Menschengeschlecht aus sich allein eine befriedigende Lösung der Fragen nach dem Ursprung der Dinge gefunden. Wie die griechischen Weisen und die modernen Materialisten hätten wir uns mit dem Nothbehelf des ewigen Kreislaufes der Natur, mit der widersinnigen Lehre von der Ewigkeit des Stoffes begnügen müssen, wenn nicht ein höheres Licht uns geleuchtet und in unserm Denken unterstützt hatte. Ein Anderes ist es, die Wahrheit finden, ein Anderes, die Richtigkeit der ausgesprochenen Wahrheit Nachweisen. Als Abraham, erzählen die Weisen, sich ernst und redlich mit der Lösung des Welträthfels beschäftigte, da offenbarte sich ihm Gott und lehrte ihn so das Räthsel lösen. Durch die Offenbarung sind auch uns all" die Räthsel gelöst worden. Am Sinai hat unser Volk die Stimme „gesehen", die es über Alles belehrt hat, was zu wissen der Menschengeist dürstet; denn das höchste Wissen ist nur.durch Offenbarung zu erlangen. Deßhalb beten wir: fU’a njn "jnNÖ uan, „Schenke uns gnadenvoll von Dir Verstand, Vernunft und das höchste, das ideale Denken!" Denn das Geoffenbarte zu begreifen und zu verstehen, dazu bedarf es stets einer neuen, sich bei jedem Menschen wiederholenden Offenbarung, und um diese, die bei Gott ist, beten wir täglich dreimal, während wir im Schlußsätze Gott preisen mit dem, was Er allen Menschen gnadenvoll schenkt. Wir haben nunmehr die in Rede stehende Berachah erklärt und die hervorgehobenen Schwierigkeiten dem Verständnisse näher zu bringen uns bemüht; wir haben damit zugleich die Frage nach der Erlangung der höchsten Ideen beantwortet und damit zugleich das Ziel erreicht, das wir uns für diese Abhandlung gesteckt hatten. Fassen wir die Resultate derselben noch einmal kurz zusammen. Wir haben zuerst den Materialismus der Gegenwart characterisirt und den Gegensatz dargelegt, in dem wir uns zu demselben befinden. Wir haben dann die unlösbaren Widersprüche dargelegt, in die der Materialismus nothwendigerweise verfallen muß und verfällt. Wir haben ferner den Nothbehelf des Materialismus beleuchtet, den sogenannten Kreislauf der Natur, das Widersinnige desselben nachgewiesen und gezeigt, wie der Stoff selbst nothwendig zu dem Schöpfer aller Dinge hinführen muß, indem uns das unleugbare menschliche Selbstbewußtsein als Ausgangspunkt diente. Von diesem aus weiter vorschreitend, haben wir dann den Geist des Menschen in allen seinen Fähigkeiten dem Leser vorgeführt, gezeigt, wie jede einzelne Function sich auf der vorhergehenden niederem auferbaut, doch in ihrem Wesen unabhängig vom Stoffe, der vielmehr dem Geiste unterthan ist. In dieser Entwickelung sind wir bis zu dem Punkte gelangt, in welchem der Menschengeist seinen Zusammenhang findet mit dem Geiste überhaupt, mit Gott. Wir haben endlich uns nachzuweisen bemüht, wie die höchsten Ideen dem Menschen werden und wie diese sich äußern.

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