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Der Israelit · 1867-12-18 · Heft 51 (18.12.1867) · page 8

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Journal
Der Israelit
Volume
8 (1867)
Issue
Heft 51 (18.12.1867)
Date
1867-12-18
Page
– (sequence 8)
Language
German
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882 gewarnten mich bald lieb. Nur davon durste ich nicht reden, daß ich gesund sei und widerrechtlich gefangen gehalten werde. Das kostete mich sofort die Freiheit auf einige Tage und brachte mich in Gefahr, arg mißhandelt zu werden. In dieser Weise lebte ich vierzehn Jahre. Da wurde im vorigen Jahre ein Leidensgefährte in die Anstalt gebracht. Unbegreiflicher Weise, wahrscheinlich durch meinen lange fingirten Gleichmuth irregeleitet, Heß man mich mit dem neuen Ankömmling in Berührung kommen. Ich erkannte bald, daß derselbe gesund war. Er ward von habsüchtigen Verwandten, die ihn beerben wollten, gefangen gehalten. Gewisienlose Aerzte hatten sich erkaufen lasien, ihn für irrsinnig zu erklären. Wir verständigten uns bald; unfern gemeinsamen Bemühungen gelang es, einen Wärter durch das Versprechen einer großen Belohnung zu veranlassen, dem Advocaten Sir Oliver's, so hieß mein Leidensgefährte, ein Briefchen zu überbringen. Der Brief that seine Wirkung. Eines Tages erschien plötzlich eine königliche Commission, aus Gerichtsärzten bestehend, in der Anstalt, die Sir Oliver zu sehen verlangte. Auch darauf war der Direktor vorbereitet. Sir Oliver erhielt einen Schlag auf den Hinterkopf, der ihn solchergestalt betäubte, daß er der Commission als ein Blödsinniger erscheinen mußte. Schon wollten die Gerichtsärzte befriedigt die Anstatt verlassen, als ich Gelegenheit fand, zu ihnen zu dringen und ihnen mitzutheilen, wie man Sir Oliver in diesen Zustand versetzt hatte. Sie kehrten wieder um und warteten; der Betäubte erholte sich langsam und enthüllte den Aerzten die Jntrigue, der er zum Opfer geworden. Auch ich trat vor und erzählte mein trauriges Geschick. ES gelang mir, die Commission zu überzeugen, daß ich ebenso bei Verstände war wie jeder andere gesunde Mensch. Sir Oliver und ich, wir wurden sofort in Freiheit gesetzt; der Direktor wurde verhaftet. Sein Proceß schwebt noch; er wird wahrscheinlich nach einer Verbrechercolonie deportirt werden. O, Herr Rabbiner, können Sie Sich den unendlich großen Genuß der wiedererlangten Freiheit vorstellen? Ich war wie vom Tode erstanden. Da aber stieg der quälende Gedanke in mir auf: „Was ist aus Deinem Weibe geworden?" Sir Oliver gab mir das nöthige Reisegeld und ich eilte gen Osten. Aber der lange Aufenthalt in jenem furchtbaren Kerker hatte mich unpraktisch gemacht. Auf der Reise — in Calais — wurde mir mein Koffer gestohlen, in welchen ich unvorsichtiger Weise auch meine Brieftasche gelegt hatte. Ich hätte dort bleiben und nach London an Sir Oliver oder auch nach P. um Geld schreiben können; aber ich hätte dann mehrere Tage verweilen müssen, und meine Sehnsucht nach der Hei-- math ist so groß! Ich zog es vor, meine Uhr mtfc meinen Ring zu verkaufen, hoffend, daß das Geld dafür mir die Reisekosten nach P. bestreiten würde. Ich habe mich geirrt. Mein Gesundheitszustand erlaubt mir nicht anders als langsam zu reisen. Ich habe deßhalb mehrfach übernachten müssen und meine Barschaft hat nur bis hierher gereicht. Wollen Sie mir fünfzig Gulden als ein Darlehen verschaffen, Herr Rabbiner? Vielleicht ist ein wohlhabender Glaubensgenosse bereit, mir diesen Liebesdienst zu erweisen!" „Mein Herr," antwortete der Rabbiner, „Ihre Erzählung tragt das Gepräge der Wahrheit; ich habe sie mit größerem Interesse angehört als Sie vielleicht ahnen. Allein, wodurch wollen Sie die Identität Ihrer Person erweisen?" „„Das ist mir hier nicht möglich; in P. gibt e* Hunderte, die mich wiedererkennen würden."" Der Rabbiner befand sich in der größten Verlegenheit. Was sollte er thvn? Sollte er dem Fremden mittheilen, daß seine angebliche Gattin sich in derselben Stadt befinde? Aber wer bürgte dafür, daß die ebengehörte Erzählung auf Wahrheit beruhe? Sie trug zwar das Gepräge der Wahrheit, allein erwiesen war es nicht, daß der Fremde wirklich der vr. Sebulon sei. Es tauchten im Gedächtnisse des Rabbinen Erinnerungen auf, daß es schon mehrfach sich ereignet hatte, daß intrigitarte Menschen durch künstliche Lügengewebe unter dem Scheine der Wahrheit sich reiche verlassene Fronen erringen wollten, vorgebend, sie seien die vor vielen Jahren verschwundenen Gatte«. Und Friederike selbst? Sie war noch leichter zu täuschen als ein Fremder, Unbethctligter. Unterdessen erinnerte sich der Rabbiner, daß in dem benachbarten Badeorte W. zwei achtbare, gesetzestreue israelitische Kaufleute aus P. verweilten; sie hatten ihm vor wenigen Wochen einen Besuch gemacht und die Absicht ausgesprochen, bis nach dem Neujahrsfeste in W. zu bleiben. Vielleicht vermochten sie nähere Auskunft über die Person des Fremden zu geben. «Herr,-" sagte er endlich zu diesem, „in dem benachbarten Badeort W. befinden sich zwei Ihrer Landsleute , deren Namen ich vergessen habe; aber ich kenne den Namen des Gasthoses, in welchem dieselben Wobnung genommen haben und werde sie daher leicht ausfinden können. Fahren Sie mit mir zu diesen; sie werden Ihnen gewiß die erforderliche Summe vorstrecken."' Der Fremde willigte ein, und so fuhren denn Beide mit dem nächsten Zuge nach W. (Schluß folgt.) Hierzu zwei Beilagen. Verantwortliche. Redaktion: Dr. Lehmann. — Verlag der Le Roux'schen Hofbuchhandlung. — Tarups-Schnellpressendruck von I. Gottsleben in Mainz.

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