Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 8 (1867)
- Issue
- Heft 50 (11.12.1867)
- Date
- 1867-12-11
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Der Rabbiner rieth ihr, in einer anständigen jüdischen Familie ein Unterkommen zu suchen und fürs Erste in dieser Stadt zu bleiben, damit fie gegen alle Bemühungen des Herrn Laditz und der Frau Skopp in Sicherheit sei. Sie folgte seinem Rathe. Der Rabbiner schrieb an einen Bekannten nach P. und bat ihn, sich über die Person und den Charakter des Herrn Laditz und der Frau Skopp nähere Auskunft zu verschaffen. Nach acht Tagen schrieb der Freund, daß Frau Skopp gleich nach ihrer Rückkehr gegen Herrn Laditz einen Proceß anhängig gemacht habe. Herr Laditz weigere sich nämlich, die versprochene Summe zu zahlen sowie die Reisekosten der Frau Skopp zu ersetzen, da der Zweck der Reise, die Erlangung der Hand der vermögenden Frau vr. Sebulon, nicht erreicht sei. Der Rabbiner sandte das Schreiben sofort an die arme Betrogene, die man planmäßig in's Verderben hatte locken wollen. Als Friederike den Brief gelesen, warf sie sich zur Erde nieder und dankte Gott unter heißen Thränen für die rechtzeitige Rettung. Dann schrieb fie an den Banquier in P., bei dem sie ihr Vermögen deponirt hatte und beauftragte ihn, der Frau Skopp ihre Reisekosten zu ersetzen, auch sonst vermittelnd einzuschreiten und womöglich mit nicht allzugroßen Geldopfern die Beilegung des Protestes zu erwirken. Bald erhielt sie Nachricht, daß Frau Skopp durch den Ersatz der Reisekosten war befriedigt worden, und daß dieselbe auf alle weiteren Anspüche auf Herrn Laditz verzichtet hatte. vn. In der Woche vor dem Neujahrsfeste trat zu dem Rabbiner in der mehrerwähnten Stadt am Rhein ein Mann ins Zimmer, den Kummer und Elend vor der Zeit gealtert zu haben schienen. „Herr Rabbiner," sagte er in einem Tone, welcher den gebildeten Mann verrieth, „ich komme als ein Hilfesuchender zu Ihnen. Ich habe weder Zeugniste noch sonst etwas Derartiges, und die Geschichte meines Unglücks klingt so romantisch, so mährchenhaft, daß ich fürchten muß, keinen Glauben zu finden." „„Setzen Sie Sich, mein Herr,"" sagte der Rabbiner sanft, „„und erzählen Sie."" Beide nahmen Platz, und der Fremde begann: „Ich heiße Sebulon und bin aus P., wo ich als Arzt praktisirte." Der Rabbiner sprang überrascht auf. „„Sie find der vr. Sebulon aus P.?"" fragte er erregt. Auch der Fremde hatte sich erhoben. „Sie wiffen von mir?" fragte er erstaunt. „„Ja,"" entgegnete der Rabbiner, „„ich kenne die Geschichte eines vr. Sebulon aus P., der vor 15 Jahren plötzlich verschwunden ist!"" „Aber nicht in P., sondern in Wien," entgegnete der Fremde, „wohin ich mit meiner jungen Frau eine Vergnügungsreise gemacht hatte." „„Und der sind Eie? Mein Herr, man hat den Vr. Sebulon Jahre lang vergeblich gesucht und keine Spur von ihm gefunden! Und jetzt treten Sie hier herein und behaupten, Sie seien der von allen Behörden vergeblich Gesuchte! Sie werden begreifen, daß ich Ihnen unmöglich aufs Wort glauben kann."" „Erlauben Sie, daß ich Ihnen das Räthsel meines plötzlichen Verschwindens löse und Ihnen ausführlich die Geschichte meines Unglücks erzähle." „„Erzählen Sie!"" „Als ich in meinen Jünglingsjahren in Wien studirte, habe ich dort ziemlich locker gelebt. Jung, reich, und unabhängig — meine Eltern waren tobt und hatten mir ein ziemlich bedeutendes Vermögen hinterlaffen —, ohne feste religiöse Grundsätze, gerietb ich in lockere Gesellschaft. Wenn ich auch bei Tage meinen Studien oblag, so verbrachte ich doch meine Abende stets fröhlich. Ich machte die Bekanntschaft einer Schauspielerin, die meinetwegen alle ihre Liebhaber verabschiedete; sie hing fest an mir; aber ich ward nach Jahresfrist dkS Verhältnisses überdrüssig und zog mich zurück; sie konnte das nicht ertragen, sie flehte und bettelte um meine Liebe; ich aber blieb kalt. Da schwur sie mir Rache, fürchterliche, grausame Rache; ich lachte ihrer. Adele verließ Wien, um an der Bühne einer Provinzialstadt ein Engagement anzunehmen. Auch ich kehrte, nachdem ich meine Studien beendet und das Staatsexamen glänzend bestanden hatte, nach meiner Vaterstadt zurück, wo ich bald einej ausgebreitete Praxis und ein heißgeliebtes Weib gewann. Fast ein Jahr nach meiner Hochzeit reiste ich mit meiner jungen Frau nach Wien, wo zu Ehren des Kaisers glänzende Festlichkeiten stattfanden. Als ich mit meiner Frau eines Abends in der wundervoll illuminirten Kaiserstadt promenirte, redete mich plötzlich eine Dame an. Wie erschrak ich, als ich Adele erkannte! Ich antwortete ihr kaum und eilte mit meiner Frau nach Hause. Ich verbrachteeine schreckliche Nacht. Der Racheschwur der Verschmähten tönte mir immer in die Ohren, wilde Träume quälten mich; es war mir wie wenn eilte Schlange, mit Adelens Antlitz, mich umschlungen hielt, um mich zu tödten." vr. Sebulvn hielt erschöpft inne. Nach fünfzehn Jahren noch erschütterte ihn die Erinnerung. (Fortsetzung folgt.) Hierzu zwei Beilagen. Verantwortliche Redaktion: Vr. Lehmann. — Verlag der Le Roux'schen Hvsbnchhandlrmg. — Dampf-Schnellpreffendruck von I. Gottsleben in Rai«-.'